Wirtschaft
Mythische Produktivitätspeitsche
Eine Analyse von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 03.08.2011 34 Kommentare
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Am besten überlasse man das Schicksal des Frankens den Märkten, pflegen die Hohepriester des Liberalismus zu dozieren. Interventionen der Notenbanken seien im besten Fall nutzlos und meistens schädlich. Dann erheben sie den Zeigefinger und fügen belehrend hinzu: Ein starker Franken sei überhaupt ein Segen für die Wirtschaft. Er verhindere, dass wir uns in der Hängematte einer Weichwährung ausruhen, und zwinge uns stattdessen, permanent unsere Produktivität zu erhöhen. Dank dieser Produktivitätspeitsche sei die Schweizer Wirtschaft international so wettbewerbsfähig.
Was ist von dieser Produktivitätspeitsche zu halten? Die Schweizer Unternehmer haben in der Tat eine grosse Fertigkeit entwickelt, mit einer Währung zu leben, die tendenziell immer stärker wird. Mit Ausnahme eines kurzen Unterbruches – von 2005 bis 2007 als der Euro zu einem Höhenflug ansetzte – hat der Schweizer Franken in den letzten Jahrzehnten stets an Wert zugelegt. Doch das geschah in kleinen Schritten, so zwischen einem und zwei Prozent. Für diese Art von Aufwertung ist das Argument der Produktivitätspeitsche angebracht. Sie hat die Schweizer Wirtschaft tatsächlich auf Trab gehalten.
Die Zeit ist entscheidend
In den letzten Monaten hingegen geschah die Aufwertung nicht in kleinen Schritten, sondern schockartig. Gegenüber dem Euro und dem Dollar hat der Franken zwischen 20 und 30 Prozent zugelegt. Selbst alte Hasen sind verblüfft. «Ich kann mich nicht erinnern, dass es jemals so eine massive Überbewertung gegeben hat», sagt Martin Neff, Chefökonom der Credit Suisse. Zu glauben, die Schweizer Wirtschaft könne einen solchen Schock unbeschadet absorbieren, ist naiv.
Kommt dazu, dass dieser Schock in einem sich rapide verschlechternden Umfeld erfolgt. Weltweit stürzen die Börsen ab. In den USA sind die Kurse in acht aufeinanderfolgenden Tagen gesunken. In der Schweiz ist der SMI gestern mehr als 4 Prozent eingebrochen. Das erinnert an den Herbst 2008. Die Panik der Investoren kommt nicht von ungefähr. Das Wachstum des US-Bruttoinlandprodukts ist auf kümmerliche 0,8 Prozent geschrumpft, die Nachfrage bricht ein, und die Arbeitslosenzahlen steigen.
Europa kommt nicht zur Ruhe
Noch schlimmer sieht es in Europa aus. Die Zinsen für die spanischen und italienischen Staatsanleihen sind wieder über die kritische 6-Prozent-Marke gesprungen. Das heisst, dass diese beiden Länder sich bald nicht mehr an den Finanzmärkten refinanzieren können und ebenfalls auf Hilfe des europäischen Rettungsfonds angewiesen sein werden. Dumm bloss, dass dieser mit 440 Milliarden Euro dafür viel zu mickrig ausgestattet ist.
Hilfe von der Politik zu erwarten, ist nutzlos. Der soeben vom US-Kongress verabschiedete Kompromiss zur Schuldenobergrenze wird rundum zerzaust. Nicht besser geht es dem Rettungsplan von Euroland. Zyniker sagen, er würde gerade mal reichen, dass die Politiker ungestört in paar Tage Ferien machen könnten. Danach werde wieder Chaos herrschen.
Erinnerungen an die 30er-Jahre
All dies erinnert fatal an die Situation der Dreissigerjahre. Damals musste die Schweizer Wirtschaft ebenfalls in einem garstigen Umfeld mit einem überbewerteten Franken kämpfen. Der Franken war so stark, weil er an den Goldstandard gekettet war. Das machte ihn resistent gegen Inflation, gefährdete jedoch die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft. Auch damals steckte die Nationalbank in der Zwickmühle: Goldparität und Inflationsschutz oder stagnierende Wirtschaft und hohe Arbeitslosigkeit. Die SNB (SNBN 1089 2.06%) entschied sich lange für Gold und Stabilität und nahm deshalb eine immer schneller zunehmende Arbeitslosigkeit in Kauf. Erst 1936 streckte die SNB die Waffen. Als eines der letzten Länder verliess die Schweiz den Goldstandard. Der Franken wurde sofort um 30 Prozent abgewertet, die Beschäftigung nahm wieder zu.
Diesmal handelt die SNB rascher. Um den Franken wieder auf ein vernünftiges Niveau herunterzudrücken, druckt sie ihrerseits Geld. Sie erhöht damit die Inflationsgefahr, aber das ist in der aktuellen Situation das kleinere Übel. Schweizer Arbeitnehmer sind zwar gut. Sie produzieren hochwertige Güter, für die auf dem Weltmarkt ein Premiumpreis bezahlt wird. Aber eine schockartige Aufwertung des Frankens ist keine Produktivitätspeitsche mehr, sondern ein unzumutbares Handicap. Schweizer Arbeitnehmer sind keine Übermenschen. Anzunehmen, dass unsere Güter und Dienstleistungen zu jedem Preis gekauft werden, ist eine masslose Selbstüberschätzung.
Erstellt: 03.08.2011, 12:51 Uhr
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34 Kommentare
Und nachher?
Mit dieser kolossalen Einwanderungwelle seit den Bilateralen und dieser versteckten Inflation wird unserem Land der totale Zusammenbruch der Sozialwerke drohen, wenn nicht sofort dagegen war unternommen wird. Wir sollten dringend schlechte Propaganda über die Schweiz schalten. Überall: In Europa, Afrika und Mittelasien. Damit es nicht zur Katastrophe in fünf Jahren kommt.
Antworten
Abgerechnet wird immer erst am Schluss. Da kann man noch so sehr das Hohelied auf Interventionismus singen. Ich möchte dann aber bitte sehr keinen Artikel mehr von Herr Löpfe lesen, wo über steigende Krankenkassenprämien, Immobilienpreise, Mieten etc. gejammert wird und die Schuld den bösen Spekulanten, Hedgefunds oder Amerikanern gegeben wird. Antworten
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