Negativzinsen treiben Pensionskassen ins Risikogeschäft

Übliche Geldinvestition rentiert kaum mehr. So rücken Hedgefonds und ausländische Infrastruktur in den Fokus.

Pensionskassen sind auf Geldvermehrung angewiesen – sie garantiert letztlich die Altersrente. Foto: Thomas Köhler (Getty Images)

Pensionskassen sind auf Geldvermehrung angewiesen – sie garantiert letztlich die Altersrente. Foto: Thomas Köhler (Getty Images)

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Derzeit vermelden viele Pensionskassen Frohbotschaften. 2014 war ein gutes Börsenjahr. Ihr Sparvermögen ist auf dem Papier um 5 bis 8 Prozent gewachsen. Das ist viel im Vergleich zu der vom Bundesrat beschlossenen Mindestverzinsung der obligatorischen Guthaben von 1,75 Prozent in der beruflichen Vorsorge. In der zweiten Säule stecken derzeit knapp 800 Milliarden Franken.

Doch was für Laien gut aussieht, macht Branchenfachleute skeptisch. Für sie sind die jüngsten Gewinne auf Sand gebaut. Dazu muss man sich in die Anlagen hineindenken. Die monatlichen Beiträge werden in vier Hauptkategorien investiert: in Aktien (total rund 250 Milliarden), Obligationen (280 Milliarden), Immobilien (150 Milliarden) und in sogenannte Alternative Anlagen (50 Milliarden). Weitere 60 Milliarden Franken werden «flüssig» gehalten. Die Situation in den ersten drei Anlageklassen beunruhigt, die der flüssigen Mittel ist prekär.

Scheingewinne und Kursblasen

Die Aktienmärkte boomen und sind hauptverantwortlich für das gute Abschneiden. Doch wegen des vielen von Notenbanken gedruckten Geldes und tiefer Leitzinsen steigt die Gefahr, dass dieser Wert in den Büchern der Pensionskassen durch einen Kurssturz vernichtet wird wie 2008, als ihr Wert von 170 auf 110 Milliarden Franken fiel.

Auch Obligationen boomen. Dies mag paradox klingen, wenn Leitzinsen nahe bei null liegen oder negativ sind. Doch Fachleute unterscheiden zwischen älteren und neueren Obligationen. Nur solche jüngeren Datums und kurzen Laufzeiten rentieren kaum mehr. Ältere Obligationen, die vor Jahren ausgegeben wurden, versprechen 2, 3 oder mehr Prozent Zins, je nach Laufzeit. Für gewisse Altobligationen werden an der Börse mittlerweile Aufschläge von 15 bis 20 Prozent gehandelt. Doch diese Aufschläge sind Luft, denn am Ende zahlt der Schuldner nur den Nennwert zurück, nicht aber den Aufschlag. In den letzten zwei Jahren blähte sich dieser Scheingewinn in den Büchern der Kassen auf 30 bis 40 Milliarden Franken auf.

Fast risikolos sind nur noch die Mieterträge von Schweizer Immobilien zu haben. Sie garantieren Monat für Monat flüssiges Geld, das laufende Renten finanziert. Doch auch in dieser Anlageklasse sehen Fachleute skeptisch. Am stärksten unter Druck sind derzeit aber die flüssigen Mittel. Für einen Teil davon müssen Pensionskassen Negativzinsen zahlen, die sie im schlimmsten Fall 400 Millionen Franken pro Jahr kosten. Sie suchen nach Alternativen, auch um den Folgen des Platzens einer Kursblase zu entrinnen.

Die PK Stadt Zürich rechnet vor

So rücken die lang als intransparent kritisierten Alternativen Anlagen in den Fokus. Darunter versteht die Branche nicht konventionelle Hedgefonds, ausländische Infrastruktur (etwa Stromnetze, Windparks, Häfen) und ausserbörsliche Beteiligungen (Private Equity).

Als Beispiel genannt sind zwei unabhängige Pensionskassen aus dem KMU-Bereich, die St. Galler ASGA und die Thalwiler Profond. ASGA reduziert ihre Obligationen- und Aktienbestände auf je ein Viertel ihres Sparvermögens und investiert in ausländische Immobilien, Infrastruktur und Beteiligungen. Die Alternativen Anlagen sollen bis in wenigen Jahren ein Viertel des Vermögens ausmachen. Das ist viel im Vergleich zum Schweizer Schnitt von 6 Prozent. Doch grosse Pensionskassen wie die der Stadt Zürich oder Novartis setzen schon länger mit viel Geld auf Hedgefonds, Infrastruktur und Private Equity und freuen sich über die Erträge. Der Anteil der PK Stadt Zürich beträgt 17 Prozent, bei Novartis 11 Prozent.

«Wir ziehen da eher nach», sagt ASGA-Direktor Sergio Bortolin. Der Mangel dieser ­Anlagen sei die fehlende Liquidität. Das heisst, dass diese Anlagen sich nicht sofort ver­kaufen lassen wie börsenkotierte Wertpapiere. «Wir erhalten dieses Risiko aber mit einer höheren Rendite ent­schädigt». Erwartet werden 7 bis 12 Prozent jährlich netto. Als Beispiel einer Private-Equity-Firma ist die Genfer Firma Argos Soditic (750 Millionen Kapital), die Firmen kauft, saniert und verkauft. Ein Beispiel war die Schokowaffelmarke Kägifret.

Die PK Stadt Zürich publizierte die Zahlen für 2014. Ihre Hedgefonds rentierten mit 13,5 Prozent. Davon blieben ihr 6,7 Prozent. Private-Equity-Dachfonds erwirtschafteten 24,6 Prozent und kosteten 6 Prozent. Der Kasse blieben satte 18,7 Prozent. Anlagechef Jürg Tobler schrieb in der NZZ, die Anlageklasse schaffe seit 15 Jahren «eine Zusatzrendite von jährlich rund 2 Prozent».

Auch Profond steigt aus Altobligationen aus, realisiert Gewinne und plant, das Geld in Immobilien oder Infrastruktur anzulegen. «Wir überlegen uns Direkt­investitionen in Energienetze», sagt Profond-Präsident Olaf Meyer. Der Knackpunkt: «Viele dieser Projekte werden von Banken angeboten, die dafür viel Geld verlangen.» Für eine Investition von 100 Millionen beispielsweise 2,5 Millionen Franken jährlich. Die Frage von Pensions­kassen lautet deshalb «Make or Buy?» – Projekte selber erstellen oder sich einkaufen? «Wenn wir stattdessen Infrastrukturexperten anwerben, senken wir die Gebühren um drei Viertel: in zehn Jahren 20 Millionen Ersparnis». Profond ist am Rechnen.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 11.05.2015, 22:50 Uhr)

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