Wirtschaft
Nur keine Panik
Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 03.09.2010 19 Kommentare
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Seit der Krise in Griechenland gehört die Angst vor Staatsbankrotten zum Standardrepertoire der Untergangspropheten. Für sie sind Hyperinflation und soziale Unruhen nur noch eine Frage der Zeit.
Tatsächlich sind die Schulden der öffentlichen Hand in den meisten Industriestaaten massiv angestiegen. In Griechenland werden sie bis 2013 voraussichtlich 150 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) betragen. Andere Club-Med-Staaten wie Portugal und Italien, aber auch Irland geht es nur wenig besser. Das zeigen neue Studien des IWF. Selbst in Grossbritannien und den USA wird die Verschuldung langsam unheimlich: Bis 2015 wird sie 91, beziehungsweise 110 Prozent des BIP betragen.
Trotzdem warnt der IWF vor einer übertriebenen Angst. «Die Märkte überschätzen das Risiko eines Staatsbankrottes», sagt einer der Verfasser der Studie, Paulo Mauro. Er verweist dabei auf acht ähnliche Beispiele in den letzten 20 Jahren, wo es hochverschuldeten Staaten gelungen ist, ihre Staatsfinanzen ohne Umschuldung zu sanieren.
Krisen bringen Staatsschulden mit sich
Die Frage, wie viele Schulden ein Staat verkraften kann, ist nicht eindeutig zu beantworten. Japan, das am höchsten verschuldete Land der Welt, lebt seit Jahrzehnten mit seiner Schuldenlast. Es ist dabei nicht auf fremde Hilfe angewiesen, weil die Japaner ihre Schulden selbst mit ihren Spargeldern finanzieren. Und Japan lebt damit gar nicht so schlecht. Es ist zwar richtig, dass das Wachstum der Wirtschaft absolut gesehen seit Jahren bescheiden ist und das Land unter einer leichten Deflation leidet. Doch in Japan nimmt die Bevölkerung bereits ab. Rechnet man das Wirtschaftwachstum auf die entscheidende Grösse um, nämlich pro Erwerbstätigen, dann steht Japan in den letzten Jahren besser da als beispielsweise Deutschland und fast so gut wie die USA.
Die Staatsschulden der reichen Staaten werden noch zunehmen, denn es sind nicht die unmittelbar beschlossenen Konjunkturprogramme, die sie primär verursachen, sondern die Langzeitfolgen. Die beiden Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff haben in ihrem Buch «This Time is Different» die wichtigsten Wirtschaftskrisen und ihre Folgen untersucht. Sie kommen zum Ergebnis, dass nach einer Bankenkrise die Staatsverschuldung immer zunimmt, und zwar massiv. «Durchschnittlich nehmen die realen Staatsschulden in den drei Jahren nach einer Bankenkrise um 86 Prozent zu», stellen sie fest. «Die fiskalischen Konsequenzen, die direkte und indirekte Kosten beinhalten, sind viel teurer als die Kosten für das Bail-out.»
«Ich finde die Idee bizarr»
Staatsschulden soll man nicht verniedlichen und langfristig ist eine gewisse Inflationsgefahr nicht zu leugnen. Doch Panik ist fehl am Platz. Trotz der hohen Schulden und der Erwartung, dass sie kurzfristig nochmals steigen werden, sind die Zinsen für US-Staatsanleihen auf einem Rekordtief. Zudem: Was wäre die Alternative? Ein knallharter Sparkurs mit dem Versuch, das Budget auszugleichen, hat in den 1930er Jahren in die Grosse Depression geführt. Auch heute ist die Vorstellung absurd. Oder wie es Martin Wolf, Chefökonom der «Financial Times» ausdrückt: «Ich finde die Idee bizarr, den grössten Teil des Finanzsystems einstürzen zu lassen, unkonventionelle Geldpolitik zu vermeiden und das Staatsdefizit so gering wie möglich zu halten – und das als Voraussetzung für einen schnellen und nachhaltigen Aufschwung zu betrachten.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 02.09.2010, 15:35 Uhr
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19 Kommentare
Das Geld ist ja von den überintelligenten Finanzmarktteilnehmern optimal gewinnbringend angelegt worden. Was wollen auch die Staaten mit dem Geld, besser es gehört denjenigen die eh schon viel haben. Die wissen damit umzugehen... Naturwissenschaft: Wo wächst die Natur so schnell über langere Zeiträume hinweg? Wenn wo ,was geschieht dann? Welcher Mensch ist gesund der zu schnell, zu viel wächst? Antworten
Solche Zweckoptimismus hört man gern, aber die Wirklichkeit ist eine andere. Die Wirklichkeit ist es, dass die Zentralbanken machtlos zusehen müssen wie die Wirtschaft wieder abgleitet. Der Zenit des Wirtschaftswachstums bereits in Industrieländern erreicht ist. Die Zentralbank brauchen neue Struktur, neue Finanzinstrumente für eine bessere Kontrolle und neue geldpolitische Modelle. "Umdenken". Antworten
Japan, USA, Schweiz haben ja eigene Währungen und könnten mit "Geld drucken" jederzeit alle Schulden bezahlen. Klar gibts eine Inflation. Aber ausser den Sparern gewinnen alle. Die Hypotheken sind real kleiner. Alle Infrastrukturbauten und Schulen stehen noch, die Löhne "steigen" und die eigene Währung sinkt. Damit ist man wettbewerbsfähiger und hat Vollbeschäftigung. Antworten
Will man Panik verhindern, dann sollte man mit der Wahrheit auf den Tisch. Ein Beispiel aus dieser Woche: Anfang Woche gab man bekannt dass die Häuserverkäufe in den USA rückläufig sind, ebenso die Baubewilligungen. Die Börse sank und am Dienstag einen Höhenflug zu beginnen. Paradox! Jetzt sollen die Hausverkäufe ansteigen! Paradox! Die Blase bildet sich gerade jetzt! Antworten
Als einigermassen belesener und unbescholtener Bürger fühlt man sich recht ohnmächtig angesichts der Tatsache, wie liederlich und langatmig die Staaten und wie unverbesserlich arrogant die Wirtschaft mit der Krise umgehen. Fast täglich zeichnet es sich ab, dass die nächste Krise vor der Türe steht und die Bürger dafür blechen werden. Damit man auch danach wieder die Füsse an ihnen abputzt. Antworten
Jeder weiss dass er nicht mehr ausgeben darf als Ende Monat reinkommt. Unsere Politiker erinnern mich manchmal an einen 18 Jährigen der gerade ein Auto least. Kein Problem, es kommt ja jeden Monat Lohn rein und der Leasingzins ist gar nicht so hoch. Unsere Politiker (und auch die Stimmbürger) müssen endlich lernen dass Schulden keine Lösung sind. Der Gürtel muss enger geschnallt werden! Antworten
Einmal ein vernünftiger Artikel, wenn jetzt alle zu sparen beginnen ist der Double Dip so sicher wie das Amen in der Kirche, Hier gibts viele, die nochmal die Rezepte der 30er versuchen wollen. Heute ist z.B. D mit 80% verschuldet 1948 vor der Währungsreform warens 770%! Und 1920 warens 180% (ohne Reparationszahlungen!). USA 1945 120%, Ende 60er unter 40%, heute 90%. Man sollte nicht übertreiben. Antworten
Das Entscheidende ist die eigene Währung und eine eigene Notebank, die eingreifen kann. Das haben die hochverschuldeten EU-Länder nicht (mehr), die trotz unterschiedlichster Sozialgesetzgebung und Wirtschaftsleistung eine gemeinsame Währung gegen den erklärten Willen ihrer eigenen (zum Beispiel der deutschen) Bevölkerung durchboxten. Antworten
J und USA können nicht mit Griechenland verglichen werden. Immerhin produzieren sie enorm viel für die ganze Welt. Der US$ trägt zur Entschuldung bei. Die Dummen sind jene Zentralbanken, die das Spiel mit den Amis schon jahrzehnte lang mit machen. Geld ist nichts Anderes als eine Tauscheinheit. Wer kauft noch Produkte und Dienstleistungen von der CH oder EU, wenn eine Weltrezession herschte? Antworten
christoph scheidegger: "Und wenn dann auch noch die letzte, allerletzte Ratte, die sich auf seiner Kapitänsmütze verzweifelt festgeklammert hat, in Todesangst pfeift, gurgelt er, schon unter Wasser, noch immer: "Keine Panikmache". Das war das traurige Ende eines Mannes ohne Seele. Und vor allem ohne Fehler. (Im übertragenen Sinn, einer aubeuterischen Ideologie). Buch: Der grenzenlose Mann Antworten
Die Schuldenmacherei wird uns mit Sicherheit einholen. Der Schuldenberg wird einstürzen wie ein Kartenhaus. Natürlich darf nicht schwarz gemalt werden, jedoch mit gesundem Menschenverstand wird jeder heute einsehen und erkennen müssen, dass wir sehr schwierigen Zeiten entgegen sehen müssen. Den Gürtel enger schnallen; je schneller wir das einsehen, je einfacher haben wir's. Antworten
Bizarr und absurd sind die Dinge nur so lange, bis sie da sind. Leider haben nur noch wenige Menschen die Erfahrung eines Staatsbankrotts. Es scheint einfach undenkbar. Vergessen wir nicht: Im Mai ist der Crash fast eingetreten und konnte nur durch unvorstellbare Rettungssummen verzögert werden. Lesen Sie mal die Sicherheitsberichte. Niemand wünscht sich das. Aber die Realität sieht anders aus. Antworten
panik muss von staates wegen proaktiv verhindert werden. deshalb wird das orchester seine wassermusik auf dem oberdeck spielen, bis alle (ratten...?) das sinkende schiff verlassen haben. (so, oder ähnlich wenigstens, erzählt man es dem fährmann...). Antworten
Keine Angst, wer immer mehr Schulden macht, dem zahlt am Schluss der andere die Schulden. Und wer ist das, alle die heute sorgfältig mit ihrem Geld umgehen. Auch wir in der Schweiz und auch andere Länder gehören dazu. Siehe Fussball, da spielt doch z.B. bei Spanien Geld keine Rolle, Man kauft und kauft und kauft, so dass man am Schluss noch Sieger wird. Und wie im Casino, alles oder nichts. Bravo. Antworten
Einmal mehr, zitiert unabhängige und nicht Systemökonomen. Weiter hat wohl auch Keynes nichts dagegen, wenn kurzfristig die Staatsverschuldung ausgedehnt wird. Was aber immer unterdrückt wird ist seine Aussage, dass diese Verschuldung in guten Zeiten schnellstmöglich wieder abgebaut wird. Dies passiert seit Abschaffung des Goldstandards nicht mehr - 40 Jahre auf pump!!!!!! Antworten
Schulden wurden durch noch mehr Schulden (vom Staat) bezahlt, die Leitzinsen sind seit Jahren fast bei Null, die Krise wurde wodurch verursacht ? Schulden und Zins ? Noch Fragen ? Ja wann krachts ganz, keine Ahnung aber die Wirtschaftsdaten (nicht die hervorgehobenen wenigen positiven und gschönten) sagen eher früher als später. Bizzar ist ein totes Pferd zu satteln und es dann noch reiten wollen. Antworten



Pascal Tschanz
Wenn der Konsument nicht will, dann muss der Steuerzahler.... Die Finanzjongleure haben nun gecheckt, dass sie mit jedem Bailout (= Steuerkassenhandgriff) Milliarden verdienen, ihre Firmen trotzdem nicht pleite gehen, und sogar die Wirschaft stimuliert wird. Ob der Griechenlandbailout, der Bankenbailout, der Autohersteller-Bailout oder demnächst der BP-Bailout...alle brav Steuerrechnug zahlen! Antworten