Obamas Kohle-Schachzug

Die US-Regierung forciert den Ausstieg aus der Kohlekraft – und will damit China in die Defensive drängen.

Das «schmutzigste» Kohlekraftwerk der USA: Anlage der EME Homer City Generation in Pennsylvania. Foto: Keith Srakocic (AP Photo)

Das «schmutzigste» Kohlekraftwerk der USA: Anlage der EME Homer City Generation in Pennsylvania. Foto: Keith Srakocic (AP Photo)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der US-Präsident hofft, mit seinem Aktionsplan die Energiewirtschaft ähnlich umkrempeln zu können, wie er dies mit Obamacare für das Gesundheitswesen getan hat. Die Umweltschutzverbände loben seinen Vorschlag als historischen Durchbruch, während die konservative Chamber of Commerce vorsorglich vor Arbeitsplatzverlusten warnt. Doch haben die Emissionsgrenzwerte für die Stromwerke einen grossen Vorteil: Sie erleichtern ihnen die Investitionen in neue Anlagen, da die Energiewirtschaft zum ersten Mal berechenbare CO2-Grenzwerte bekommt.

Kernpunkt der amerikanischen Energiewende ist ein CO2-Grenzwert für Elektrizitätswerke. Diese müssen den Schadstoffausstoss bis 2030 um 30 Prozent unter den Stand von 2005 verringern. Dies ist eine realistische Vorgabe, sind doch die Emissionen seit 2005 schon um 10 Prozent gesunken, weil die Rezession den Strombedarf – und damit den Kohleverbrauch – gebremst hat. Erdgas ist günstiger als Kohle und ist weniger belastend fürs Klima. Die CO2-Emissionen von gasbefeuerten Anlagen liegen um etwa die Hälfte tiefer als aus den kohlebetriebenen und teils 50 Jahre alten Werken.

Präsident Obama nutzt damit die Gunst der Stunde. Der Erdgasboom erlaubt es den Kraftwerken, sich mit einem Rohstoff zu versorgen, der nach jüngsten Schätzungen noch mehrere Hundert Jahre vorhanden sein sollte. Politisch glaubt er zudem, China in die Defensive drängen zu können. China baut jede Woche ein neues Kohlekraftwerk und hat mit seinen Emissionen die USA überholt. Das Argument aus Peking, die USA müssten vorangehen, um die Klimaverhandlungen zu deblockieren, ist damit etwas entkräftet.

Stromwerke ziehen mit

Für die US-Wirtschaft ist indessen die Berechenbarkeit der neuen Vorschriften wichtiger. Grosskonzerne wie Dynergy, American Electric Power oder First Energy haben sich deshalb gedämpft optimistisch zu den neuen Emissionsgrenzwerten geäussert. Sie haben nun mehr Klarheit für ihre Investitionspläne. Kraftwerke werden auf 30 bis 50 Jahre hinaus geplant und amortisiert. Kohlekraftanlagen ergeben aus dieser Optik bis auf einige Ausnahme für industrielle Zwecke keinen Sinn mehr.

Obamacare für die Energiewirtschaft baut auf Vorarbeiten des Natural Resources Defense Councel auf, einer führenden Umwelt- und Energieorganisation. Dabei schlägt die Regierung zwei neue Wege ein: Zunächst schaltet sie den Kongress aus, der nach dem Klimagipfel von Kopenhagen 2009 alle Anträge für wirtschaftsübergreifende Emissionsgrenzwerte blockiert hatte. Nun greift Obama auf seine Kompetenz zurück, mindestens die Grenzwerte für die Stromproduzenten zu regeln. Zuvor hat er dies bereits mit den Abgasvorschriften für die Autoindustrie getan. Schon damals erwiesen sich die Warnungen vor Arbeitsplatzverlusten als unbegründet. Diesmal will die politische Rechte die Vorschriften vor Gericht anfechten. Doch das Umweltministerium ist darauf vorbereitet, Grundsatzurteile des Supreme Court haben bestätigt, dass es solche Grenzwerte festlegen kann.

Zudem sichert sich die Regierung ab, indem sie den Vollzug an die Bundesstaaten delegiert und ihnen somit viel Spielraum gibt. Die Bundesstaaten können die Vorgabe von minus 30 Prozent Emissionen auf ihre eigene Weise erreichen. Sie können alte Werke stilllegen, sie können mehr Wind- und Solaranlagen bauen, sie können in den Emissionshandel einsteigen oder ihren Kunden Sparanreize geben. «Eine einzige Massnahme allein wird genügen», sagt David Doniger, Direktor des Klimaprogramms des Natural Resources Defense Councel. «Der Ausstieg aus der Kohle ist der kleinste Schritt. Anspruchsvoller ist das Energiesparen und die Förderung von erneuerbaren Energien trotz tiefer Erdgaspreise.»

Kohleproduzenten abgestraft

Einige Bundesstaaten haben bereits Pionierarbeiten geleistet. Kalifornien etwa ermöglicht den Stromwerken, ihren Kunden beim Stromsparen zu helfen, ohne mit tieferen Erträgen bestraft zu werden. Solche Anreizsysteme sollen auch in der Schweiz eingeführt und in den USA über Kalifornien hinaus etabliert werden. Zudem haben zehn Staaten im Nordosten und an der mittleren Atlantikküste ein eigenes Handelssystem für CO2-Emissionen aufgezogen. Am schwersten dürfte der Umstieg den Kohlestaaten wie Indiana, Kentucky und West Virginia fallen. Ihnen will die Regierung mit langen Anpassungsfristen entgegenkommen.

Das Ende von «King Coal» dürfte mit den neuen Vorschriften beschleunigt werden. Daran werden auch die Widerstände innerhalb der Demokratischen Partei nichts ändern. Mehrere Kongressabgeordnete, die diesen Herbst vor der Wiederwahl stehen, drohen ihrem Präsidenten, die Vorlage zu bekämpfen, ohne aber dazu die Kompetenz zu haben. Bereits stark gelitten haben die Kohleproduzenten selber. Die Werte der drei grössten Konzerne – Peabody, Arch Coal und Alpha Natural Resources – sind an der Börse auf Mehrjahrestiefs gesunken. Parallel zum Erdgasboom in den letzten fünf Jahren haben sie gar das 5- bis 30-Fache ihres Wertes verloren. Kleinere Produzenten mussten bereits den Bankrott anmelden. Andere konnte sich halten, indem sie Kohle für Kraftwerke in Europa exportierten, die ihre Emissionsquoten nicht ganz aufgebraucht hatten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.06.2014, 23:00 Uhr

Grafik zum Vergrössern anklicken.

Artikel zum Thema

Das Besondere am neuen Klima-Bericht

Analyse Hunderte Forscher haben tausende Studien für den Report des Uno-Klimarates IPCC zu den Klimafolgen ausgewertet und schätzen die künftigen Risiken ein. Mehr...

Wo sich das Klima am stärksten verändert

Eine kürzere Skisaison, 90 Prozent weniger Gletscher und mehr Wein aus dem Mittelland: Ein Bericht zeigt, welchen Einfluss der Klimawandel auf verschiedene Regionen der Schweiz haben könnte. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Digitale Abos - Neu ab 18.- pro Monat

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Jetzt neu ab 18.- CHF pro Monat.

Kommentare

Abo

Weekend-Abo

Unter der Woche Zugang auf das digitale Angebot, am Wochenende die Zeitung im Briefkasten. Jetzt testen.

Die Welt in Bildern

Lass mich nicht im Regen stehen: Bundeskanzlerin Angela Merkel wird vom Regen überrascht als sie die Wagner-Oper an den Bayreuther Festspielen anhören will. (25.Juli 2017)
(Bild: Michaela Rehle) Mehr...