Wirtschaft

Ökonomen sind keine Hohepriester mehr

Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 25.02.2011 5 Kommentare

Der deutsche Kulturwissenschaftler Joseph Vogl hat ein Buch über die Finanzkrise verfasst. Und darin benannt, was die Ökonomen daraus lernen müssen.

Ökonomie ist keine Heilslehre: Börsenhändler in Taipei.

Ökonomie ist keine Heilslehre: Börsenhändler in Taipei.
Bild: Keystone

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Einige Monate nach dem Lehman-Crash besuchte Queen Elizabeth II. die London School of Economics. Die britische Königin stellte dabei der versammelten Elite volkswirtschaftlicher Vernunft eine ebenso banale wie tödliche Frage: «Warum hat eigentlich niemand von euch diese Krise vorausgesehen?» Der Berliner Kulturwissenschaftler Joseph Vogl war zwar damals nicht anwesend, im Gegensatz zu den Ökonomen hätte er aber eine Erklärung gehabt. Sie lautet zusammengefasst: Diese Krise war nicht voraussehbar, weil sie nicht erklärbar ist. Denn Marktprozesse sind ihrem Wesen nach undurchschaubar, grundlos und verworren.

Adam Smith und Isaac Newton

In seinem Buch «Das Gespenst des Kapitals» bringt Vogl einen sehr anschaulichen Vergleich für seine These: die Londoner Millennium Bridge. Die Fussgängerbrücke zwischen Tate Modern und St. Paul’s Cathedral über die Themse gilt als architektonische Meisterleistung, hatte jedoch eine unangenehme Kinderkrankheit. Als die Leute nach der Eröffnung diese Brücke überqueren wollten, geriet sie plötzlich ins Schwingen, und zwar so heftig, dass akute Absturzgefahr bestand. Die Schwingungen entstanden, weil sich die durch die Tritte der einzelnen Fussgänger ausgelösten Beben auf mysteriöse Art zu synchronisieren begannen. «Die kritische Schwelle lag bei 156 Fusspaaren», schreibt Vogl, «über dieser Schwelle geriet die Brücke in eine gefährliche Schwingung. Sie wurde geschlossen, der elegante Bau mit Stossdämpfern versehen. Auf ähnliche Weise, so lautet die Schlussfolgerung, führen Preisschwankungen auf Finanzmärkten zu vernünftigen Anpassungsreaktionen, diese zu kohärenten Ordnungsfiguren und diese über positive Rückkoppelungen zu einem‹perfekten Sturm›.»

1984 richtete der damalige Chef der amerikanischen Citicorp, John Reed, die gleiche Frage wie die Queen an seine hoch bezahlten Analysten. Er wollte wissen, warum er mit seiner Bank Milliarden in der südamerikanischen Schuldenkrise verloren hatte. Und er wollte vor allem vermeiden, dass ihm das gleiche Missgeschick ein zweites Mal widerfährt. Deshalb stellte er Geld für die Erforschung zur Verfügung. So entstand das Santa Fe Institute, eine hochkalibrige, wissenschaftliche Non-Profit-Organisation. An diesem Institut stellten bald darauf Physiker und Ökonomen die Grundannahmen der klassischen Ökonomie radikal infrage. Das war auch höchste Zeit, denn sie stammen aus dem 19. Jahrhundert. Die klassische Ökonomie ist, sehr vereinfacht ausgedrückt, eine Kombination der «unsichtbaren Hand» von und dem ersten Gesetz der Thermodynamik von Isaac Newton. Das bedeutet, dass in der Sicht der klassischen Theorie die Volkswirtschaft eine Ansammlung von verschieden Gleichgewichten darstellt. Diese Gleichgewichte werden durch äussere Schocks immer wieder gestört, pendeln sich aber danach langfristig auf einem neuen Niveau wieder ein.

Das Spiel des Schimpansen

Als die Ökonomen ihr klassisches Modell erläuterten, wähnten sich die Physiker im falschen Film. Für sie waren die Gleichgewichtsmodelle längst überholt. Das Ganze erinnerte sie an die Autos auf den Strassen von Kuba, die dank dem Erfindungsgeist der einheimischen Schlosser und Mechaniker zwar immer noch fahrtüchtig, aber längst hoffnungslos veraltet sind. Auch Vogl ist dieser Anachronismus aufgefallen. «Es überrascht also nicht, dass ökonomische Orthodoxie auch dann noch an den Analogien zu physikalischen Ausgleichsideen festhielt, als die Physik selbst sich bereits von den Prinzipien klassischer Dynamik verabschiedet hatte und, seit Ende des 19. Jahrhunderts, an der Homogenität integrierbarer physikalischer Systeme zu zweifeln begann», stellt er fest.

Die Gleichgewichtsmodelle sind das Fundament der klassischen Theorie. Die Finanzprofessoren greifen für ihren Bereich nach wie vor auf die Theorie der effizienten Märkte zurück. Darunter versteht man die Vorstellung, dass in einem Preis stets alle verfügbaren Informationen enthalten sind. Auch diese Theorie stellt Vogl grundsätzlich infrage: «Einerseits also führt die Vernunft oder Effizienz der Finanzmärkte dazu, dass das Wetten auf künftige Kursverläufe dem Spiel eines Schimpansen gleicht, der mit verbundenen Augen Dartpfeile auf den Börsenteil einer Zeitung wirft; je effizienter die Märkte, desto zufälliger die dort generierten Oszillationen. Andererseits stellt sich auch hier eine Art Gleichgewicht ein, in dem sich die zufälligen Schwankungen um einen Mittelwert herum anordnen und schliesslich der Streuung einer Normalverteilung folgen», stellt er fest.

Diese Passage muss ausgedeutscht werden. Also: Märkte sind nur dann effizient, wenn alle Teilnehmer über alle Informationen verfügen. Ist dies der Fall, dann können geübte High Frequency Trader sehr viel Geld verdienen, indem sie nach Abweichungen Ausschau halten. Um es sehr banal zu formulieren: Sie halten gezielt Ausschau nach Geld, das auf dem Boden liegt und darauf wartet, aufgehoben zu werden. Inzwischen hat die künstliche Intelligenz so grosse Fortschritte gemacht, dass vollkommen automatisierte Programme diese Aufgabe erledigen und die Märkte rund um den Globus nach minimalsten Abweichung durchforsten.

Ineffiziente Märkte

Das Dumme ist bloss, dass Märkte nicht immer effizient sind. Wie die Fussgängerbrücke bei der Modern Tate produzieren sie selbst Schwingungen. Dadurch entwickelt sich eine Eigendynamik, die zu völlig irrationalen Resultaten führen kann. Dieses Phänomen hat inzwischen einen Namen. Man spricht vom «schwarzen Schwan». Das ist auch der Titel des Kultbuchs von Nassim Nicholas Taleb.

Auch der inzwischen verstorbene Ökonom Hyman Minsky hat sich mit solch irrationalen Phänomenen befasst. Er tritt bei Vogl als Kronzeuge auf: «Minskys These finanzieller Instabilität besagt demnach, dass manifeste Krisen und Zusammenbrüche nicht einfach durch äussere Erschütterungen, durch fiskalische oder politische Theatercoups, sondern durch die Parameter und Eigenbewegungen der Finanzökonomie selbst hervorgebracht werden.»

Ökonomie ist keine Heilslehre

Vogls Verdienst besteht darin, dass er die Einzelkritiken der Ökonomen zu einem philosophischen Ganzen bündelt. Thomas Assheuer hat dies in der «Zeit» treffend und wie folgt formuliert: «Das Erdbeben von Lissabon stürzte 1755 die christliche Theodizee – den Glauben an die göttliche Vorhersehung – in eine tiefe Krise. Gilt das nicht, so Vogl, auch für die Finanzbeben der letzten zwanzig Jahre? Heben sie nicht die Oikodizee, den Glauben an die unsichtbare Hand des Marktes, aus den Angeln?»

Im «Gespenst des Kapitals» wird der philosophische Beweis geführt, dass die Ökonomie als übergeordnetes Ordnungsprinzip für eine Gesellschaft endgültig ausgedient hat. Stattdessen «erscheinen ökonomische Operationen nicht mehr als homogenes Ordnungssystem, sondern als Konglomerat verschiedener kultureller Technologien, mit denen man Ungewissheit zu beherrschen, Gefahren vorwegzunehmen, Kommunikation zu strukturieren, das Verhältnis von Leuten und Dingen zu interpretieren, Machtvorteile und Ertragsaussichten zu sichern versucht», wie Vogl sich ausdrückt.

Wenn die Ökonomie keine Heilslehre mehr ist, dann müssen die Ökonomen auch nicht mehr darüber wachen, dass ewig gültige Marktregeln eingehalten werden. Stattdessen werden sie zu Handwerkern, die auftretende Mängel möglichst rasch und ideologiefrei beheben. Sie sind keine Hohepriester mehr, sondern Klempner geworden. Und warum auch nicht? Schliesslich ist das ein anständiger Beruf.

Joseph Vogl: Der 53-Jährige lehrtin Berlin und Princeton neue deutsche Literatur.

Das Gespenst des Kapitals: Joseph Vogl, Diaphenes, Zürich, 2010. 224 Seiten, ca. 25 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.02.2011, 20:29 Uhr

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5 Kommentare

Urs Brock

25.02.2011, 06:19 Uhr
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Dumm an dieser umfassenden und alle beeinflussenden Religion ist blos, das sich bisher niemand ernsthaft Gedanken darüber gemacht hat wie man es schafft das die Spieler auch für ihren Einsatz bezahlen müssen. So wie heute bezahlen alle für den Unsinn aber eben auch die Mrd. Profite einiger weniger. Wenn's ganz schlimm kommt versenken die auch unsere Kapitalbasierte PK Infrastruktur. Und dann? Antworten


Marcel Senn

25.02.2011, 13:50 Uhr
Melden 3 Empfehlung

Diejenigen, welche die Krise vorausgesehen und gewarnt haben, wurden entweder gefeuert oder als hoffnungslose Pessimisten abgetan. Die Bankster haben eine starke Lobby, die lassen sich ihre Spielzeuge (Derivate, CDS etc.) nicht verbieten und viele wussten genau, dass das ganze Subprimegeschäft einmal hops gehen würde, nur bis dahin hatten sie ihre Schäfchen im trockenen. Antworten



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