Wirtschaft
Perpetuum mobile
Von René Staubli. Aktualisiert am 27.09.2010 28 Kommentare
Artikel zum Thema
Wer die Finanzblätter aufschlägt oder die Sonntagszeitungen, staunt über die vielen ganzseitigen Inserate der Banken. Für Laien sind die Annoncen, vor allem im Kleingedruckten, oftmals unverständlich. Verlockend sind hingegen die fetten Buchstaben: «Attraktive Gewinnchancen ohne zusätzliches Risiko», titelt etwa die Deutsche Bank und bebildert ihre Anzeige mit süssen Welpen.
Nach dem grossen Finanzkater sind die Investmentbanker wieder im Geschäft. Sie suchen Anleger und stellen ihnen lukrative Geschäfte in Aussicht. Angeboten werden komplizierte, von Aktien abgeleitete Wertpapiere – sogenannte strukturierte Produkte – die bei wenig Risiko viel Gewinn versprechen. Die Deutsche Bank bietet etwa sogenannte Double-Chance-Zertifikate an, basierend auf verlässlichen Schweizer Titeln wie ABB, Credit Suisse, Julius Bär, Swisscom, Swiss Re oder Novartis.
Wo ist der Haken?
Nehmen wir das Beispiel eines Doppelte-Chancen-Zertifikats auf die Credit-Suisse-Aktie. Wer am 9. September für 44.91 Franken ein Zertifikat gekauft hat, kann innerhalb von zwei Jahren eine maximale Rendite von sagenhaften 74 Prozent erzielen, sofern der CS-Aktienkurs in dieser Zeitspanne um 37 Prozent zulegt. Aber selbst wenn der Kurs weniger stark steigen sollte, bleibt das Investment attraktiv: Als Anleger erhält man stets das Doppelte der Wertzunahme. Investiert man beispielsweise 100'000 Franken, und der Aktienkurs steigt in zwei Jahren um insgesamt 15 Prozent, beträgt die Gesamtrendite immer noch stolze 30 Prozent, und man bekommt 130'000 Franken ausbezahlt.
Wenn das Zertifikat allerdings an Wert verlieren sollte, «partizipieren Anleger 1:1 an der negativen Entwicklung», wie die Deutsche Bank schreibt. Doch dieses Verlustrisiko hätte man auch, wenn man die Aktie kaufen würde. Mit andern Worten: Das Zertifikat verheisst zusätzlichen Gewinn bei überschaubarem Risiko.
Massengeschäft
Wie aber funktioniert diese Geldmaschine, die das eingesetzte Kapital auf fast wundersame Weise vermehrt? Wer trägt die Risiken? Und wer finanziert die stolzen Gewinne, welche die Deutsche Bank den Anlegern verspricht? Oder andersherum: Wo ist der Haken?
Ihren Gewinn generiert die Deutsche Bank in erster Linie durch den Verkauf der Zertifikate. Der Verkaufspreis liegt ein paar Prozent über dem tatsächlichen inneren Wert des Papiers. Das Geschäft mit den Zertifikaten ist ein Massengeschäft, an dem die Bank durch hohe Volumen verdient. Auf Schweizer Bankdepots lagen Ende April 2010 laut Nationalbank für 223,69 Milliarden Franken strukturierte Produkte. Papiere für rund 80 Milliarden gehörten Privatanlegern, Werte in Höhe von 130 Milliarden lagerten bei institutionellen Anlegern wie Pensionskassen oder Versicherungen.
Die Bank ist abgesichert
Der Deutschen Bank ist es paradoxerweise egal, wie sich der Aktienkurs der Credit Suisse entwickelt. «Was immer an der Börse passiert, wir sind abgesichert», erklärt ein Investmentbanker. Für den Fall, dass der Kurs der CS-Aktie steigt und damit auch der Wert des Zertifikats, kann die Deutsche Bank den Gewinn, den sie dem Anleger auszahlen muss, mit Optionsgeschäften wieder hereinholen.
Das ist für Laien kaum zu glauben. Wenn ich nach zwei Jahren wie im obigen Beispiel 30'000 Franken Gewinn einstreichen kann, dann müssen doch andere diese 30'000 Franken verlieren, denkt man. «Nicht zwingend», sagt der Investmentbanker. Es sei möglich, «dass letztlich niemand draufzahlt». Wir hätten es folglich mit einer wundersamen Geldvermehrung oder einem Perpetuum mobile zu tun, einer Finanzmaschine, die von selber läuft.
Das Zauberwort heisst Delta-Hedging. Der Banker sagt, das sei nicht ganz einfach zu erklären; schliesslich habe er die Black-Scholes-Theorie mit den entsprechenden Formeln zwei Jahre lang an der Universität studiert. Delta sei eine Kennzahl, die das Bezugsverhältnis zwischen Aktien und Optionen angibt, mit dem man sich perfekt gegen Kursrisiken absichern könne.
Drei Vehikel
In der Praxis bedeutet das, dass die Deutsche Bank den doppelten Gewinn des Zertifikatkäufers mit drei Vehikeln finanziert:
Erstens: Das Zertifikat basiert auf der CS-Aktie, die sich im Besitz der Deutschen Bank befindet. Wenn der Aktienkurs steigt, finanziert dieser Zuwachs die Hälfte des auszuzahlenden Gewinns – oder sogar noch mehr, sofern der Aktienkurs die Höchstmarke des Zertifikats übertreffen sollte.
Zweitens: Die Aktie wirft eine Dividende ab. Diese kassiert nicht der Käufer des Zertifikats, sondern die Deutsche Bank. Damit finanziert sie einen weiteren Teil des auszuzahlenden Gewinns.
Drittens: Die Deutsche Bank verkauft auf dem Markt sogenannte Call-Optionen – Papiere, mit denen Drittinvestoren das Recht erhalten, in zwei Jahren CS-Aktien zu einem vereinbarten Preis zu kaufen. Mit dem Erlös aus diesen Call-Optionen finanziert die Bank den Rest der Rendite, die sie den Zertifikatskäufern auszahlen muss.
Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass diese Drittinvestoren die Zeche bezahlen. Steigt der Kurs der CS-Aktie nämlich hoch genug, können sie mit ihrem Kaufrecht zum fixierten Preis schöne Gewinne einstreichen. Beim Beispiel mit der Deutschen Bank müsste die CS-Aktie «nur» um 20 Prozent pro Jahr zulegen, damit die Rechnung aufgeht. «Das ist nicht unrealistisch am Ende einer Rezession», sagt der Banker.
Unter dem Strich sieht die Rechnung für die Beteiligten also so aus:
Wenn der Aktienkurs der CS pro Jahr um 20 Prozent oder mehr steigt, gewinnen alle: die Käufer des Zertifikats und auch die Käufer der Call-Optionen.
Wenn der Aktienkurs der CS hingegen sinkt, verlieren die Käufer des Zertifikats einen Teil ihres Einsatzes. Die Käufer der Call-Optionen erleiden einen Totalverlust.
So funktioniert modernes Investmentbanking. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 27.09.2010, 09:57 Uhr
Kommentar schreiben
28 Kommentare
Unter dem Strich ist es also einfach eine Umschichtung: Die Bank gewinnt auf jeden Fall, für den Käufer des Zertifikats halten sich Gewinnaussichten und Risiko die Waage, und der Käufer der Call-Option trägt das volle Risiko. Dazu braucht es kein zweijähriges Studium. Antworten
Was Sie da an Haken an der Geschichte aufzählen sind sicher nicht alle, da gibt es sicher noch mehr. Allerdings dürfte es sich um volkswirtschaftliche Risiken handeln. Wie gehabt: Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren. Ich glaube, dass viele Banker ums Hokuspokus ihres Handelns wissen, ein schlechtes Gewissen haben, dieses aber einfach abtöten in sich. Antworten
Wirtschaft
- 20:38Novartis-Präsident Vasella kritisiert die Einwanderungspolitik
- 16:29Swisscom-Chef: «Den Meisten sind Roaming-Gebühren egal»
- 13:17So günstig zum Eigenheim wie nie
- 22:09Bund prüft Abschottung des Schweizer Kapitalmarkts
- 12:15Das sind die demokratischsten Firmen der Schweiz
- 10:16UBS verliert bis zu 30 Millionen Dollar bei Facebook-Börsengang



