Prinzip Hoffnung

Die Aufhebung des Mindestkurses zeugt von dem grossen Druck, unter dem die Nationalbank steht.

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Um 10.30 Uhr hat die Schweizerische Nationalbank (SNB) gestern mitgeteilt, dass sie die Untergrenze von 1.20 Franken pro Euro nicht mehr länger verteidigen wolle. Damit hat sie nicht nur die Devisen- und Kapitalmärkte ins Chaos gestürzt, sondern auch Politiker, Wirtschaftsführer und die breite Bevölkerung komplett überrascht. Der Preis des Euro ist in der Folge auf 86 Rappen abgesackt, den tiefsten je erreichten Preis für die Einheitswährung. Bis zum Abend hat sich der Preis des Euro bei rund 1.02 Franken eingependelt.

Bisher haben die Verantwortlichen der SNB bei jeder Gelegenheit betont, die Untergrenze unter allen Umständen zu verteidigen – notfalls mit unbeschränkten Käufen von Devisen. Was also hat den radikalen Kurswechsel ausgelöst?

SNB-Präsident Thomas Jordan begründet den Schritt mit einer geringeren Überbewertung des Frankens. Damit bezieht er sich vor allem auf die deutliche Aufwertung des Dollars gegenüber dem Franken. Der Grund für die divergierende Entwicklung von Euro und Dollar: Die Notenbank in den USA steht vor einer baldigen Zins­erhöhung, die Europäische Zentralbank vor weiteren Geldspritzen über den Aufkauf von Staatsanleihen.

Wenig überzeugende Gründe

Doch das ist kaum die ganze Geschichte. Denn die unterschiedliche Entwicklung von Dollar und Euro gegenüber dem Franken und die Erwartungen zur Geldpolitik der USA und Europas sind nicht neu. Damit hätte die SNB-Spitze bereits am ­11. Dezember anlässlich ihrer Halbjahresmedienkonferenz die Aufhebung des Mindestkurses begründen können, tatsächlich hat sie ihn damals noch entschieden verteidigt.

Als Begründung für die Untergrenze führte die SNB bisher stets die Gefahr eines Abgleitens in eine Deflation mit einem sinkenden Preisniveau an, was zu Konsumverzicht und höheren Realzinsen führen könne. Doch auch an der Preisentwicklung hat sich nichts verändert, das – gemessen an der bisherigen Argumentation der Nationalbank – eine Aufgabe des Mindestkurses rechtfertigen würde.

Der tatsächliche Grund für die Aufhebung der Untergrenze hat eher mit den Entwicklungen der letzten Wochen zu tun. Die Krise um den russischen Rubel im Dezember hat erneut die Funktion des Schweizer Frankens als sicherer Hafen bestätigt. Nur dank Interventionen an den Devisenmärkten konnte die Nationalbank die Untergrenze halten. Als neues Instrument gab die SNB deshalb am 18. Dezember die Einführung von Negativzinsen auf den 22. Januar bekannt – ein klares Signal, dass sie ihr bisheriges Instrumentarium für nicht mehr ausreichend hielt.

Schrecken ohne Ende

Die jüngsten Entwicklungen in Europa machen deutlich, dass die Eurokrise kein vorübergehendes Phänomen ist. Die Europäische Zentralbank ist deshalb auf nicht absehbare Zeit an einem möglichst schwachen Euro interessiert. Die Aussicht, in der Folge auch den Franken auf unbestimmte Zeit ständig weiter abschwächen zu müssen, dürfte der SNB-Spitze zunehmend den Schlaf geraubt haben. Es ist gut verständlich, dass sie sich möglichst noch vor den geplanten Geldspritzen durch die EZB aus dieser Zwangslage befreien wollte. Das bestätigte SNB-Chef Thomas Jordan gestern indirekt, indem er betont hat, die SNB hätte sich jetzt wieder mehr Handlungsspielraum verschafft. Ebenfalls legte er viel Wert auf die Feststellung, jeder spätere Ausstieg aus dem Regime der Untergrenze wäre für die SNB noch problematischer.

Allerdings ist die SNB jetzt alles andere als aus dem Schneider. Sollte der Franken sich nicht deutlich von den Extremwerten von gestern ent­fernen, hätte das für die Schweizer Wirtschaft verheerende Folgen. Eine derart rasche und starke anhaltende Aufwertung würde der Export­wirtschaft stark zusetzen.

Um dem entgegenzuwirken, hat die Nationalbank gestern ebenfalls die im Dezember angekündigten Gebühren (Negativzinsen) für eine gewisse Schwelle überschreitende Einlagen von Banken auf ihren Konten von 0,25 auf 0,75 Prozent erhöht. Jordan ist überzeugt, dass die Negativzinsen für die Abschwächung des Frankens ausreichen.

Damit setzt die Nationalbank auf das Prinzip Hoffnung. Denn wenn sie künftig intervenieren muss, um den Franken zu schwächen, dürfte der Erfolg wieder weniger gewiss sein und höhere Kosten verursachen. Nicht zuletzt, weil die Glaubwürdigkeit der SNB durch die Art der Kommunikation gestern gelitten hat. Spekulanten dürften sich deshalb wieder grössere Chancen ausrechnen, wenn sie im Schlepptau von Geldern, die einen sicheren Hafen suchen, auf eine Aufwertung des Frankens setzen.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 15.01.2015, 23:46 Uhr)

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