Reputation der Pekinger Führung im Sinkflug

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Als Ursache für den Kurssturz gilt die Schwäche des Yuan. Für die Notenbank wird der Spielraum zusehends enger.

Der Kurseinbruch an den chinesischen Aktienmärkten – der Index CSI 300 mit den wichtigsten Dividendenpapieren an den Börsenplätzen Shanghai und Shen-zhen – ist in den ersten vier Handelstagen dieses Jahres um 12 Prozent gesunken. Das weckt Erinnerungen an Mitte Juni 2015. Damals brach das besagte Börsenbarometer innerhalb eines Monats um annähernd 45 Prozent ein (in den 12 vorangegangenen Monaten war es aber um rund 50 Prozent hochgeschossen).

Auslöser für den damaligen Kurssturz waren Befürchtungen, das Wachstum Chinas könnte merklich geringer ausfallen als in den offiziellen Statistiken ausgewiesen. Dieses Misstrauen erhielt im August zusätzliche Nahrung, als die Notenbank des Landes, die People’s Bank of China (PBC), einen neuen, stärker marktbestimmten Mechanismus zur Fixierung des Yuan-Wechselkurses gegenüber dem Dollar einführte. Dabei tolerierte die PBC eine Abwertung des Yuan um 3 Prozent innert drei Tagen – und prompt erlitten die chinesischen Börsen einen erneuten Schwächeanfall.

Auch der aktuelle Börsentaucher hat nach Einschätzung von Beobachtern seinen Ursprung im Devisenmarkt, sprich: in einem schwächelnden Yuan. Darin widerspiegeln sich anhaltende Kapitalabflüsse von in- und ausländischen Investoren, die ihr Vertrauen in die chinesische Wirtschaft verloren haben. Diese Abflüsse zwingen die Notenbank zu verstärkten Interventionen am Devisenmarkt, um den Yuan zu stützen, respektive seine Abwertung in geordneten Bahnen zu halten. Als Folge der Yuan-Aufkäufe sind die Devisenreserven der PBC allein im Dezember um rund 108 Milliarden Dollar geschrumpft – der höchste je ausgewiesene monatliche Rückgang. Im Gesamtjahr 2015 sind die Devisenreserven um mehr als 400 Milliarden zurückgegangen.

Peinlicher Rückzieher

Auch wenn China mit rund 3330 Milliarden Dollar immer noch über einen komfortablen Reservestand verfügt, mehren sich bei Experten die Zweifel, ob die Notenbank im bisherigen Ausmass in den Devisenhandel eingreifen kann. Dies weckt Ängste vor einer unkontrollierten Abschwächung des Yuan, die das Potenzial hat, Chinas Wirtschaft zu destabilisieren und einen Abwertungswettlauf mit seinen asiatischen Nachbarländern in Gang zu setzen.

Vor diesem Hintergrund gilt es als bedenkliches Zeichen, dass sich die Differenz zwischen dem inländischen, auf eine maximale Tageslimite von +/–2 Prozent beschränkten Yuan-Kurs (Onshore) und dem ausserhalb Chinas geltenden freien Kurs (Offshore) auf neue Rekordstände ausweitete. Obwohl die PBC den Onshore-Kurs gestern bei 6,5646 Yuan je Dollar fixierte – und damit um 0,5 Prozent tiefer als am Vortag –, gingen die Offshore-Notierungen bis auf 6,7618 Yuan zurück. Wenngleich sich Letztere im späteren Verlauf etwas erholten, deutet die verbliebene grosse «Lücke» zum On­shore-Kurs doch auf ein schwindendes Zutrauen der Marktakteure in die chinesischen Notenbanker, die Landeswährung wirksam zu stützen.

Hinzu kommt die mit jedem neuen Kursabsturz weitersinkende Reputation der Pekinger Führung. Trotz Aktienkäufen durch staatliche und staatsnahe Institutionen im Umfang einer dreistelligen Milliardensumme in Dollar sowie einer Reihe zusätzlicher Regulierungen ist es ihr nicht gelungen, die Börse zu stabilisieren – sehr zum Ärger zahlloser Chinesen, die ihre Ersparnisse in Aktien­anlagen gesteckt haben.

Chinas Marktaufseher sahen sich gestern gar zu einem peinlichen Rückzieher genötigt: Die erst zu Jahresbeginn eingeführte Regelung, den Börsenhandel bei Kursschwankungen von über +/–7 Prozent vorzeitig abzubrechen, wurde aufgehoben. Wie sich zeigte, hat dieser Eingriff die Ausschläge noch verstärkt.
Robert Mayer

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 07.01.2016, 23:07 Uhr)

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