Sanktionen gegen Russland treffen den Schweizer Tourismus

Immer weniger Russen verbringen ihre Ferien in der Schweiz. Für den Tourismus ist das mehrfach schlecht.

Russische Zuschauer am White Turf in St. Moritz. Bild: Keystone

Russische Zuschauer am White Turf in St. Moritz. Bild: Keystone

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Sie gelten als laut, aufschneiderisch und unflätig: russische Touristen. Für den hiesigen Tourismus wurden sie in den letzten Jahren aber dennoch zum immer wichtigeren Standbein. Ein Standbein indes, das arg am Bröckeln ist. Die gestern veröffentliche Beherbergungsstatistik weist für den September einen Rückgang der Zahl russischer Gäste in der Schweiz von über 11 Prozent aus. Seit Anfang Jahr beträgt das Minus gemessen an den Übernachtungen mehr als 7 Prozent. In den Monaten April und Mai waren es sogar 20 respektive 24 Prozent.

Der Einbruch ist auf verschiedene Faktoren zurückzuführen. «Russen sind sehr stolze Menschen. Die Sanktionen ­gegen ihr Land haben viele gekränkt», sagt Tatiana Koch vom Reisebüro Open Up Travel, das sich auf Schweizreisen für Osteuropäer spezialisiert hat. «Sie meinen nun, der Westen hasse die Russen.» Diesen Eindruck hat Koch jüngst an der Tourismusmesse in Sankt Petersburg gewonnen. Dass die Schweiz nicht Mitglied der EU und an den Sanktionen nicht beteiligt ist, sei den wenigsten bewusst.

Gleichzeitig hat die russische Währung in den letzten Monaten stark an Wert verloren. Eine Reise nach Westeuropa wird entsprechend kostspieliger. «Die Schweiz war immer schon eine teure Destination», sagt Koch. «Mit dem schwachen Rubel kann sich vor allem die Mittelschicht Schweizferien nicht mehr leisten.» Gruppenreisen zum Beispiel könne sie deshalb kaum mehr durchführen. «Im letzten August haben wir jede Woche 150 Gruppenreisende durch die Schweiz geführt, diesen Sommer waren es noch rund 30 pro Woche.»

Bern und Zürich warten ab

Der Rückgang trifft den Schweizer Tourismus doppelt hart. Nicht nur fehlen den Hoteliers Gäste für ihre Betten. Die Russen sind auch enorm ausgabefreudig. Nicht selten wird die Minibar leer getrunken. «Und Russen lieben es, zu shoppen», sagt Koch. «Einmal hat Bern Tourismus angefragt, was gemacht werden müsse, damit mehr Russen nach Bern kämen. Da habe ich gesagt: Bauen Sie hier eine Zürcher Bahnhofstrasse.»

Die Zwinglistadt stand bei den Russen lange so hoch im Kurs wie keine andere Schweizer Destination. Doch auch hier sei der Rückgang bei den russischen Gästen «deutlich spürbar», sagt Milena Brasi von Zürich Tourismus. Vorerst will die Organisation darauf aber nicht reagieren. Man beobachte, was mit den Logiernächten um das russische Neujahr am 14. Januar passiere. «Danach können wir in Absprache mit Spezialisten vor Ort die Lage neu einschätzen und eventuell Anpassungen vornehmen.»

Auf dem falschen Fuss erwischt der Rückgang auch die Destination Bern. Gemäss Marcel Graf von Bern Tourismus wird der russische Markt seit vier Jahren aktiv bearbeitet. Mit Erfolg: 2013 buchten Russen über 14 000Übernachtungen in Bern – fast 60 Prozent mehr als noch 2010. Nun wurde der Aufwärtstrend jäh gestoppt. Um 21Prozent ging die Zahl russischer Gäste seit Anfang Jahr bis ­August im Jahresvergleich zurück. Gegen gewisse wirtschaftspolitische Faktoren könne man sich kaum stemmen, sagt Graf. Er geht davon aus, dass sich der Markt wieder erholen wird.

Russen stopften das Januarloch

Der Rückgang ist für die Städte bedauerlich, aber zu verkraften: In Bern machen die Russen selbst in Spitzenmonaten nur rund 3 Prozent der Besucher aus. In ­Zürich beträgt der Anteil im Schnitt 3,4 Prozent. Kritisch könnte es dagegen für einige Bergdestinationen werden. Für viele Winterresorts sind die Russen Gold wert. Als orthodoxe Christen feiern sie erst im Januar Weihnachten und Silvester. Sie füllen den Hoteliers damit im berüchtigten Januarloch die Betten.

Ganz weit oben auf der Beliebtheits­skala russischer Gäste stehen Zermatt und St. Moritz. Im Januar erreichen sie hier einen Anteil von 13 respektive fast 17 Prozent. Die lokalen Tourismusorganisationen geben sich aber gelassen: «Ich bin unlängst selber alarmiert nach Russland gereist und beruhigt zurückgekommen», sagt Marc Scheurer von Zermatt Tourismus. Die Vorbuchungen seien im Umfang des Vorjahres, heisst es aus beiden Destinationen. Eine klare Aussage, sagt Scheurer, könne aber erst im November gemacht werden. Bis dann könne noch kostenlos annulliert werden. Ob Reservationen überhaupt eine verlässliche Prognose erlauben, ist fraglich. Denn sowohl Scheurer als auch der Sprecher von ­Engadin St. Moritz sagen, dass die Russen heute kurzfristiger buchen als früher.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 04.11.2014, 19:22 Uhr)

Herbstferien

Schweizer blieben in der Heimat

Die Sorge vieler Touristiker hat sich bislang nicht bestätigt. Wegen des verregneten Sommers, war die Befürchtung, würden viele Schweizer im Herbst in den Süden reisen. Das Gegenteil ist eingetreten, zumindest im September: Schweizerinnen und Schweizer nutzten den sonnigen Herbst für Ferien im eigenen Land. Die Zahl der inländischen Gäste in hiesigen Hotels, Herbergen, Ferienwohnungen und auf Campingplätzen stieg gegenüber September 2013 um 3,5 Prozent. Weil auch leicht mehr Ausländer als im Vorjahr in der Schweiz übernachtet haben (die Asiaten kompensierten dabei die Europäer), stieg die Zahl der Logiernächte insgesamt um 1,7 Prozent auf 3,4 Millionen. Trotz des bescheidenen Plus sind das nach dem düsteren Sommer gute Nachrichten für den Schweizer Tourismus. (stü).

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