Saudis reden von 20-Dollar-Ölpreis

Teures US-Schieferöl, kanadische Ölsande, Tiefseebohrungen: Sie alle will der saudische Ölminister Ali al-Naimi aus dem Markt drängen. Die Zeiten eines Ölpreises von 100 US-Dollar pro Fass könnten für sehr lange vorbei sein.

Der sinkende Ölpreis führt auch an den Börsen der Golfstaaten zu sinkenden Aktienkursen: Börsenhändler am Dubai Financial Market in den Vereinigten Arabischen Emiraten. (2. Oktober 2014)

Der sinkende Ölpreis führt auch an den Börsen der Golfstaaten zu sinkenden Aktienkursen: Börsenhändler am Dubai Financial Market in den Vereinigten Arabischen Emiraten. (2. Oktober 2014) Bild: Kamran Jebreili/Keystone

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Wer meinte, der Boden beim Preis für ein Fass Öl (159 Liter) sei nach einem rund 50-prozentigen Sturz von knapp 120 auf 60 US-Dollar erreicht, könnte sich getäuscht haben. Denn das Überangebot, das als Hauptgrund für den Sinkflug gilt, dürfte noch länger fortbestehen. Bisher hatte das Ölkartell Opec in solchen Fällen jeweils seine Produktion eingeschränkt, um den Preis zu stützen.

Das ist nun vorbei, denn Saudiarabien und weitere Golfstaaten fahren eine neue Strategie: Zentral ist nun der Marktanteil, nicht mehr der Preis. Erstmals hat der saudische Erdölminister Ali al-Naimi die neue Politik klar und deutlich erläutert: «Es ist nicht im Interesse der Opec-Produzenten, ihren Ausstoss zurückzufahren, egal wo der Preis steht», erklärt er gegenüber dem «Middle East Economic Survey». Und weiter: «Es spielt keine Rolle, ob der Preis auf 20, 40, 50 oder 60 Dollar sinkt». «Die Welt wird vielleicht nie mehr einen Preis von 100 Dollar pro Barrel sehen», fügte er an.

Keine Verschwörung

Naimis Wort hat Gewicht. Der Ölpreis, der sich zuvor etwas stabilisiert hatte, setzte seinen Abwärtstrend fort. Gestern verlor US-Öl 3,3 Prozent und wurde zu 55,26 Dollar gehandelt, die Nordsee-Sorte Brent gab 2 Prozent auf knapp über 60 Dollar pro Barrel nach.

Eine Verschwörung steckt laut Naimi aber nicht hinter dem Preiszerfall, sondern nur der Wettbewerb. «Das Beste für alle ist es, den Effizientesten produzieren zu lassen», sagte der Ölminister. Der Verfall des Ölpreises gehe zurück auf fehlende Zusammenarbeit von Ländern, die nicht der Opec angehören, sowie auf die Verbreitung von «Fehlinformationen», fügte er hinzu.

Schwache aus dem Markt drängen

Aus Nachbarländern waren Vermutungen laut geworden, dass das Königreich zum Abwärtstrend des Ölpreises beitrage, um der Wirtschaft von Rivalen zu schaden. Die Gemeinschaft erdölexportierender Länder hatte sich im November nicht auf eine Verknappung der Produktion einigen können. Opec-Länder bestimmen etwa 40 Prozent des globalen Ölmarkts.

«Die Saudis scheinen sich an ihren Plan zu halten und den Preis zu drücken, indem sie auf dem Markt erzählen, sie würden die Produktion erhöhen, wenn sie dadurch mehr Kunden gewinnen», sagt John Kilduff vom Energie-Hedgefonds Again Capital zu Reuters. Es sehe nach einer Alles-oder-nichts-Strategie aus, mit dem Ziel, die schwachen Marktteilnehmer, die mit Ölpreisen unter 60 oder 50 Dollar nicht überleben können, zur Aufgabe zu zwingen. Betroffen sind Förderanlagen mit hohen Kosten wie Schieferöl in den USA, kanadische Ölsande und Tiefseebohrungen vor Brasilien und in der Arktis.

Fundamentaler Richtungswechsel

Würde die Opec ihre Produktion drosseln, wäre Saudiarabien nach Darstellung von Naimi der grosse Verlierer: «Der Preis steigt und die Russen, die Brasilianer und die US-Schieferölproduzenten nehmen mir meinen Marktanteil weg», erklärt der Minister. Sein Land und andere Golfstaaten können mit tiefen Preisen noch lange gut leben. Ihre Kosten pro Barrel betragen lediglich etwa 4–5 Dollar.

Jamie Webster von IHS Energy wertet das in der «Financial Times» als fundamentalen Richtungswechsel der Opec – weitreichender als alles, was man seit den 1970er-Jahren gesehen hat. So ziemlich alles werde davon betroffen sein. Webster rechnet für mehrere Jahre mit grossen Schwankungen des Ölpreises. (rub)

(Erstellt: 23.12.2014, 11:54 Uhr)

Schwergewicht im Markt: Der saudische Erdölminister Ali Ibrahim al-Naimi. (21. Dezember 2014) (Bild: Keystone Kamran Jebreili)

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