Wirtschaft
Schweizer zahlen den dreissigfachen Preis für Generika
Von Urs P. Gasche. Aktualisiert am 21.10.2009 40 Kommentare
Der Preis dieses Medikaments verursacht Bauchschmerzen: Das Magenmittel kostet in der Schweiz 30-mal so viel wie in Holland.
Krankenkassen in der Schweiz müssen für Nachahmerpräparate (Generika) meistens viel höhere Preise bezahlen als im europäischen Ausland. Besonders krass sind zwei Beispiele: der Cholesterinsenker Simvastatin und das Magenmittel Omeprazol, deren Patente längst abgelaufen sind. Die Preisdifferenzen zwischen Holland und der Schweiz sind enorm: In beiden Fällen berappen Schweizer Kassen weit über das 30-fache
Trotzdem will das Bundesamt für Gesundheit (BAG) wie bisher die Generika-Preise auch künftig von den Preisen der Originalprodukte abhängig machen: Je nach Umsatz müssen Generika einfach 20 bis 50 Prozent günstiger sein. Die Preise der Originalpräparate bestimmt das BAG nach dem Durchschnitt der Listenpreise in Deutschland, Dänemark, den Niederlanden, Grossbritannien, Frankreich und Österreich.
«Im europäischen Schnitt»
Darüber hinaus gewährt das BAG einen grosszügigen Zuschlag von 4 Prozent und erklärt übereinstimmend mit der Pharmaindustrie, dass die Medikamentenpreise in der Schweiz «im europäischen Durchschnitt» lägen.
Doch der Vergleich hinkt: Die verglichenen Listenpreise für Medikamente, deren Patent abgelaufen ist, sind nämlich in den meisten Ländern reine Phantompreise. Sie kommen für die Krankenkassen nicht zur Anwendung. In Deutschland zum Beispiel handeln die Kassen für solche Medikamente Rabattverträge aus. Falls es keinen Rabattvertrag gibt, sind die Apotheken gesetzlich verpflichtet, ein Generikum abzugeben.
Unterdessen erreicht der Generika-Anteil in Deutschland mengenmässig 44 Prozent, während er nach Angaben der IMS Health und von Pharmaberater Salvator Volante in der Schweiz nur 12 Prozent beträgt. In den Niederlanden verfügen die Kassen über die Vertragsfreiheit und haben für Cholesterinsenker, Magenmittel und viele andere Medikamentengruppen extrem tiefe Preise ausgehandelt. Der Generika-Anteil erreicht in Holland 56 Prozent.
Sogar noch höher sind die Generika-Anteile in Dänemark, Frankreich und England, wobei die Preise der Generika erst noch deutlich tiefer sind als in der Schweiz. Doch das BAG macht auch in Zukunft die Generika-Preise von den Preisen der Originalprodukte abhängig und lehnt einen einfachen Preisvergleich der Wirkstoffe mit dem Ausland ab, wie ihn die überparteiliche Parlamentariergruppe Ineichen vorgeschlagen hat. Zur Kritik, das BAG vergleiche ausländische Listenpreise, welche die dortigen Kassen gar nie zahlen, «verzichtet» BAG-Sprecher Daniel Dauwalder auf eine Stellungnahme. Auch die massiv günstigeren Generika-Preise im Ausland will das BAG nicht kommentieren.
«Günstig, wenn immer möglich»
Roger van Boxtal, Chef der holländischen Krankenkasse Menzis mit 2 Millionen Mitgliedern, verfolgt den folgenden Grundsatz: «Günstig, wenn immer möglich, teuer, wo nötig.» Das Gesetz in Holland sei klar, sagt Van Boxtal: Sobald ein Arzt ein teureres Medikament für «medizinisch nötig» halte, müssten die Kassen die vollen Kosten übernehmen. Je nach Medikamentengruppe betreffe dies 1 bis 4 Prozent aller Verschreibungen.
Das gleiche Prinzip wie in Holland gilt ab 2010 auch in Österreich: Die Sozialversicherung zahlt grundsätzlich nur noch die Preise von Generika. Bereits in 17 Ländern Europas würden ähnliche Regeln gelten, erklärt Heinrich Burggasser, Präsident der Österreichischen Apothekerkammer. Überall habe es zuerst viele Einwände gegeben. «Doch wenige Wochen nach der Einführung funktionierte die Medikamenten-Substitution stets problemlos, und alle Diskussionen verstummten schlagartig», sagt Burggasser.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 21.10.2009, 12:52 Uhr
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