Wirtschaft
Schwer verdauliche Bilder aus der Lebensmittelindustrie
Von Ralf Kaminski, New York. Aktualisiert am 03.08.2009 15 Kommentare
Die Szenen sind schummrig, offensichtlich mit versteckter Kamera im Halbdunkel gefilmt. Zu sehen sind Menschen, die lebende Hühner packen und in kleine Transportkäfige werfen. Sie behandeln die Tiere, als wären sie bereits totes Fleisch, nicht speziell grausam, sondern einfach nur gleichgültig. Ab und zu bekommt ein verwirrt und verängstigt herumlaufendes Huhn einen Fusstritt, wenn es im Weg ist.
Die Hühner, zu Hunderttausenden in riesigen, dunklen Hallen herangezüchtet, die Menschen nur mit Mundschutz betreten, werden zur Schlachtbank des Geflügelgiganten Perdue gekarrt und landen bald darauf zu günstigen Preisen in den Supermärkten des Landes und auf den Tellern der Konsumenten. Die Tiere wachsen schneller als in der Natur üblich und haben besonders viel von dem beliebten weissen Brustfleisch. Dass sie dadurch zu schwer sind, um sich vorwärtsbewegen zu können, ist nicht weiter von Belang. In den Hallen werden sie derart dicht an dicht gehalten, dass an Bewegung ohnehin nicht zu denken ist. Immerhin dauert das Leiden nur 49 Tage.
Farmer im Klammergriff der Multi
Ähnliche Bilder von einem gigantischen Schweineschlachthaus zeigt der Dokumentarfilm «Food, Inc.», den amerikanische Medien bereits mit Al Gores «An Inconvenient Truth» oder den Propaganda-Dokfilmen von Michael Moore vergleichen. Fast noch schwerer zu verdauen ist das Bild, das Regisseur Robert Kenner von der amerikanischen Nahrungsmittelindustrie zeichnet: Einige wenige Grosskonzerne, die den Markt kontrollieren, den Farmern nahezu diktatorisch vorschreiben können, was und wie sie zu produzieren haben. Und die ihre Leute während der Bush- und der Clinton-Administration in hohen Stellungen positioniert haben, um politische Einflussnahme möglichst gering und Lebensmittelkontrollen möglichst zahnlos zu halten.
Den Konsumenten wird ein Bild von Natur und glücklichen Farmern vorgegaukelt, während in Wirklichkeit lasch kontrollierte industrielle Massenproduktion herrscht, weshalb auch alle paar Monate ein neuer Lebensmittelskandal (Salmonellen, E. coli etc.) das Land heimsucht. Wo solche Bakterien auftauchen, verbreiten sie sich bei dieser Art von Lebensmittelproduktion rasend schnell. Der erstaunte Zuschauer erfährt, dass der US-Saatgutgigant Monsanto eine eigene Ermittlungseinheit beschäftigt, die nur damit beschäftigt ist, Farmern auf die Spur zu kommen, die unrechtmässig Monsantos gentechnisch verändertes Soja-Saatgut anbauen.
Gesetze machen Kritiker mundtot
Generell scheinen die Lebensmittelunternehmen recht klagefreudig. Dabei helfen ihnen in 13 Bundesstaaten sogenannte Veggie-Libel-Gesetze. Diese verbieten die «Verunglimpfung von Essen» und ermöglichen es landwirtschaftlich tätigen Personen oder Unternehmen, Einzelpersonen zu verklagen, die etwas sagen, das den Verkauf verderblicher Lebensmittel über das Verfalldatum hinaus beeinträchtigt. Im berühmtesten Fall haben texanische Farmer den Medienstar Oprah Winfrey verklagt, als sie 1996 in ihrer Talkshow zum Thema BSE erklärte, sie werde ab sofort keine Burger mehr essen. Winfrey hat den Fall nach jahrelangem juristischem Hickhack gewonnen, aber seither sind Lebensmittelkritiker gewarnt. Die Veggie-Libel-Gesetze, die es seit den frühen 90er-Jahren gibt, werden immer wieder als verfassungswidrig angegriffen, konnten sich bisher jedoch halten.
Regisseur Kenner wirft der Industrie vor, sie verschleiere nicht nur ihre Praktiken, sie verbiete es den Leuten, ihre Produkte zu kritisieren. Die Botschaft kommt an: Seit der Film Mitte Juni in den grösseren Städten der USA gestartet ist, hat er über zwei Millionen Dollar eingespielt – ein respektables Ergebnis für einen Dokumentarfilm, der nur in 150 Kinos läuft.
Der Konsument hätte es in der Hand
Und er hat die Lebensmittelkonzerne nervös gemacht. Monsanto widmet dem Film auf seiner Webseite mehrere Seiten und versucht seine Botschaft zu kontern oder zumindest zu relativieren. Der Konzern räum aber ein, dass es besagte Ermittlungseinheit tatsächlich gibt – allerdings sei es in zehn Jahren nur zu 128 Klagen gekommen, von denen lediglich acht vor Gericht endeten.
Robert Kenner macht aber auch deutlich, wer letztlich schuld an der Misere ist: Der Konsument selbst, der alles jederzeit und überall möglichst billig kaufen können will. Die Industrie versucht nur, diesen Anforderungen möglichst effizient und preisgünstig gerecht zu werden. Und sie ist bereit, sich zu verändern, wenn der Konsument sie dazu anspornt. In den letzten Jahren haben einige der Grossen kleinere Marken aufgekauft, die sich mit natürlich und organisch produzierten Lebensmitteln erfolgreich profiliert haben. Sogar der immer gerne kritisierte Einzelhandelsriese Wal-Mart hat inzwischen solche Produkte im Angebot. Ein Firmenvertreter äussert sich im Film denn auch klar: «Wenn der Konsument es will, machen wir das auch.» Letztlich bestimme der Kunde darüber – mit dem, was er zur Kasse trage.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.08.2009, 06:36 Uhr
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15 Kommentare
Hinter solchen Produktionsmethoden steckt ja System/ viel Geld. Dem ist alles egal. Ob das nun Tiere sind, Pflanzen oder Menschen die zu einem Hungerlohn in ihren Fabriken arbeiten. Ich glaube nicht, dass der Konsument, wenn er genau wüsste was er vor sich hat es auch kaufen würde und sei es noch so billig. Diejenigen Instanzen welche Einhalt gebieten könnten sind oft am Profit beteiligt. Antworten
Zwingt mich jemand, solchen Junkfood zu kaufen? Nein! Von meinen Ausgaben entfallen bei weitem keine 10% auf Lebensmittel. Spielt es da eine Rolle, wenn ich ein oder zwei Prozent mehr ausgebe und dafür anständig (was die Produkte und die Produktion betrifft) esse? Nein! Wenn ich dort auf den Franken achte, wo es einschenkt (Versicherungen), sind die Mehrausgaben beim Essen locker kompensiert... Antworten
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.



