Wirtschaft

Sie sind die Troika

Von Amir Ali. Aktualisiert am 01.10.2011 43 Kommentare

Ob die Griechen mehr Geld bekommen, hängt von drei Männern ab. Die Technokraten sind Profis, wenn es um marode Staaten geht. Wer sind die Männer, über deren Arbeit die Welt spricht?

Die harte Hand Brüssels in Athen: Klaus Masuch von der EZB (l.) und Matthias Morse von der EU-Kommission (r.) sind zwei drittel der Troika.

Die harte Hand Brüssels in Athen: Klaus Masuch von der EZB (l.) und Matthias Morse von der EU-Kommission (r.) sind zwei drittel der Troika.
Bild: Reuters

Beamte verhindern Troika-Treffen

Ein Treffen der Experten des Internationalen Währungsfonds (IWF), der Europäischen Zentralbank (EZB) und der Europäischen Union mit dem griechischen Verkehrsminister Jannis Ragoussis ist heute Freitag wegen der Besetzung des Ministeriums durch protestierende Beamte kurzfristig abgesagt und auf den Abend verlegt worden. Bei den Beratungen sollte es um die Reform der Taxi-Lizenzen gehen. Schon gestern musste ein Treffen der sogenannten Troika mit Finanzminister Evangelos Venizelos wegen der Besetzung des Ministeriums verschoben werden. (dapd)

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Klaus Masuch, Matthias Morse und Poul Thomsen stehen in Athen alle Türen offen. Doch beliebt ist das Trio nicht. Wenn sie in der griechischen Hauptstadt unterwegs sind, schlägt ihnen die Wut der Strasse entgegen. Für Finanzminister Evangelos Venizelos sind sie derzeit aber die wichtigsten Gesprächspartner. Denn von ihrem Urteil hängt die Zukunft seines Landes ab – und damit die Weltwirtschaft, die von einem Bankrott an der Ägäis mit in den Abgrund gerissen werden könnte.

Wenn es in den Medien heisst: Die Troika kehrt zurück nach Athen, dann sitzen im Flugzeug Masuch, Morse und Thomsen mit ihren kleinen Teams. Die beiden Deutschen und der Däne repräsentieren derzeit in Griechenland die Europäische Zentralbank (EZB), die EU-Kommission und den Internationalen Währungsfonds (IWF). Sie inspizieren vor Ort die Spar- und Reformbemühungen der griechischen Regierung. Nur wenn sie ihr Okay geben, bekommt Griechenland die dringend benötigte nächste Tranche von 8 Milliarden Euro aus dem EU-Hilfspaket. Bleibt das Geld aus, kann der Staat seine Rechnungen schon bald nicht mehr bezahlen.

Technokraten, Profis ihres Fachs

So wichtig ihre Aufgabe, so wenig ist über die drei Männer selbst bekannt, die nun in Athen als harte Hand Brüssels auftreten müssen. Es sind Technokraten, Profis ihres Fachs und seit Jahrzehnten im Dienst der Organisationen, die sie vertreten.

«Es geht hier nicht um mich»

Am stärksten ist bisher der Däne Poul Thomsen in Erscheinung getreten. 1982 begann er beim IWF, derzeit ist er Vize-Direktor der Europa-Abteilung und Leiter der IWF-Mission in Griechenland. Thomsen kennt sich mit maroden Staaten und Systemwechseln aus: Schon bei der Sanierung des Finanzkrisen-Opfers Island war Thomsen Chefunterhändler. Und während seiner IWF-Karriere lag sein Schwerpunkt auf den ehemaligen Ostblockländern. Er vertrat den IWF unter anderem in Belgrad, Rumänien und zuletzt in Moskau.

«Ich hatte ausschliesslich positive Erlebnisse», sagte Thomsen vor einem Jahr, als ihn ein Journalist der griechischen Zeitung «To Vima» fragte, ob er sich bei seinen Besuchen beim finanzpolitischen EU-Sorgenkind nicht unerwünscht fühle. «Die Leute sind äusserst freundlich und verstehen, dass wir hier sind, um zu helfen.» Und er fügte diplomatisch an: «Es geht hier nicht um mich, sondern darum, Griechenland aus der Krise zu bekommen.»

Die Worte auf der Goldwaage

Würde er anders denken, müsste Thomsen dies ohnehin strikte für sich behalten. Die Finanzmärkte legen die Worte der Inspektoren auf die Goldwaage. Ein Rückblick gibt Aufschluss über den selbst auferlegten Optimismus: «Für Prognosen ist es zu früh», sagte Thomsen im selben Interview vor gut einem Jahr. «Aber bis 2012 sollte die griechische Wirtschaft wieder wachsen.»

Dieser Tage klingt es anders aus der IWF-Mission in Athen, die ihren Betrieb inzwischen voll aufgenommen hat: Der ständige Vertreter des Fonds vor Ort, Bob Traa, bestätigte, 2012 werde für das Land das vierte Rezessionsjahr in Folge. Das Wachstum komme frühestens 2013 zurück.

Locker im Auftritt, hart in der Sache

Für die EZB ist der Deutsche Klaus Masuch in Athen. Der Chef der Länderabteilung in der Direktion für wirtschaftliche Entwicklung der EZB hat in Irland bereits Erfahrung mit verschuldeten Staatshaushalten gesammelt, wo er bereits Chefunterhändler war, als das Land unter der Finanzkrise litt.

Er sei der Einzige der Delegation, den die Pressefotografen auch mal mit offenem Hemdkragen und lässig über die Schulter geworfenem Jackett vor die Linse bekommen, schreibt das deutsche «Handelsblatt» über ihn. Masuch scheint locker im Auftritt und hart in der Sache, weiss das Blatt: So habe er bei Verhandlungen im griechischen Arbeitsministerium erklärt, ein Rentner lebe doch mit 720 Euro gar nicht schlecht.

Kompromisslos in Irland

Von Masuchs Kompromisslosigkeit berichtet auch der inzwischen verstorbene irische Ex-Finanzminister Brian Lenihan in einer Radiosendung des 4. Programms der BBC. «Die irische Regierung hat selbst um Hilfe ersucht», hatte Masuch im November 2010 erklärt, als es darum ging, dass Irland den EU-Stabilisierungsmechanismus in Anspruch nehmen musste.

Lenihans Erinnerungen sahen dagegen so aus: «Sie nagelten uns absolut fest.» Gefragt, ob die EZB Irland zur Annahme des Hilfspakets gezwungen habe, sagte er: «Ja, das kann man so sagen.»

«Einer unserer erfahrensten Männer»

Die Troika komplett macht Matthias Mors von der EU-Kommission. In Brüssel ist er einer von zwei Direktoren in der Direktion für die Volkswirtschaften der Mitgliedsstaaten. Der 48-Jährige begann dort bereits 1984.

Vor zwei Jahren arbeitete er mit an den Grundlagen für die laufende Finanzmarktregulierung, weiss der «Tagesspiegel». In seiner Abteilung, die EU-Währungskommissar Olli Rehn untersteht, gilt er demnach als «einer unserer erfahrensten Männer».

Simples Wasser statt griechischem Wein

Masuch und Thomsen sind schon seit längerem an der Löschung des griechischen Flächenbrandes beteiligt. Aus dem letzten Jahr überliefert das «Handelsblatt» folgende Anekdote: Die drei Richter über die griechischen Bemühungen hatten schnell ein Stammlokal gefunden, in dem sie jeweils zu Mittag assen: Das Kentrikon in der Kolokotroni-Strasse.

Viele Spesen sollen demnach nicht angefallen sein: Den Salat teilten sie und zum Trinken gabs statt griechischen Wein simples Wasser. «Neulich waren sie zu dritt hier, und die Rechnung kam insgesamt auf 40 Euro», zitierte damals das Handelsblatt den Wirt. Das Trinkgeld habe sich eher im symbolischen Rahmen bewegt. Ganz besonders interessierten sich die drei Herren dafür, wie in so einer Taverne die Quittungen ausgestellt werden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.09.2011, 22:26 Uhr

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43 Kommentare

Bruno Froehlich

01.10.2011, 02:59 Uhr
Melden 27 Empfehlung

Wer Griechenland kennt, lange im Land arbeitete, lebte und viel Kontakt mit der Bevoelkerung, deren Mentalitaet hatte, kann man ueber soviel Expertengetue nur herzhaft lachen.Klar wird in der Taverne Kentrikon nur eine Quittung ausgestellt fuer den Gast den man nicht kennt. GR umstellen dauert etwa gleich lang wie aus einem Ossi einen Wessi werden zu lassen. Generationen ! Sage ich, "Experte" . Antworten


Nadine Binsberger

30.09.2011, 23:55 Uhr
Melden 19 Empfehlung

Locker vom Hocker kommen drei Typen und fällen Entscheidungen für ein Land, das nicht ihres ist - Entscheidungen im Herzen der Politik, wo sonst nur demokratische Institutionen wie Volk,gewählte Parlamentarier oder gewählte Regierungsmitglieder tätig sind und sich an aufwändige und ausgeklügelte demokratische Regeln halten müssen. Geld regiert die Welt. Echte Demokratie herrscht noch gar nirgends. Antworten



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