Wirtschaft
Sind Banken bösere Räuber als Ghadhafi?
Von Constantin Seibt. Aktualisiert am 08.06.2011 26 Kommentare
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Eines ist Muammar al-Ghadhafi sicher nicht: ein Mann, dem man ohne Kampf etwas wegnimmt. Er überlebte Putschversuche, zwei Jahrzehnte als Financier des Terrors und seit Ende März den Angriff der Nato-Luftwaffe.
Wer Ghadhafi um eine Milliarde erleichtert, muss ziemlich hartgesotten sein. Zwei Banken waren es. Wie diese Woche bekannt wurde, schaffte es Goldman Sachs, ihm im Februar 2008 für 1,3 Milliarden Dollar Papiere zu verkaufen, die heute nur noch 25 Millionen wert sind – 2 Prozent. Und die Société Générale verkaufte ihm fast gleichzeitig für eine Milliarde Derivate, die bis heute 72 Prozent verloren.Das klingt wie im Kino, wenn ein Kassierer Al Capone beklaut. Sind die Banken noch gerissenere Gangster als Ghadhafi?Die Antwort ist ein klares Jein.
Angenehmer Nebeneffekt
Um die beiden Investments zu verstehen, muss man in den Frühling 2008 zurückblenden. Die erste Welle der Finanzkrise war gerade vorbei, mit grossen Verlusten für die Banken. Mit am brutalsten erwischt hatte es die Société Générale. Als bekannt wurde, dass ein einziger Händler, Jérôme Kerviel, 5 Milliarden Euro verspekuliert hatte, brach ihr Kurs um 50 Prozent ein.Was tat die Bank? Sie machte das Beste daraus: ein Wertpapier.
Damit konnte man auf das Steigen des Aktienkurses der Bank selbst wetten. Denn diese war überzeugt, mehr wert zu sein, als der jetzige Kurs vorgab – spätestens bei einer Übernahme durch eine andere Bank. Zusätzlich gab es für die SG-Leute einen angenehmen Nebeneffekt: Die Milliarde, die Ghadhafi in dieses Papier investierte, hob den eigenen Aktienkurs (und damit die Boni) von selbst – dadurch, dass Société-Générale-Aktien als Deckung hinterlegt werden mussten. Also ein perfekter Deal für alle. Denn wer hätte geahnt, dass der Kurs noch viel tiefer sacken würde? Und Goldman Sachs? Sie verkaufte Libyen für 1,3 Milliarden Wetten auf steigende Kurse.
Die Wirklichkeit überrascht auch Profis
Keine unplausible Idee. Immerhin sagten Leute wie der Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann im Mai 2008: «Wir sind am Anfang des Endes der Krise.» Oder Lehman-Brothers-Boss Dick Fuld im Juni: «Das Schlimmste ist vorbei.» Nur irrten sie: Als Lehman im September pleiteging, wäre der Bank fast das gesamte Weltfinanzsystem ins Nichts gefolgt, wenn es nicht gerettet worden wäre. Dazu investierten die Regierungen der Welt bis heute 4000 Milliarden Dollar. Logen die Banker? Die Antwort ist ein klares Jein. Alle Untersuchungen zeigen: Keiner der Topbanker konnte sich einen Crash dieser Grösse vorstellen. Er kam in den Risikomodellen ihrer Spezialisten schlicht nicht vor. Kein Zufall, sprachen danach selbst Profis wie US-Notenbankchef Alan Greenspan von einem Naturereignis: «Ein Kredit-Tsunami, der nur einmal in hundert Jahren vorkommt.»Andererseits war (und ist) es möglich, die Bilanzen zu frisieren: So verkaufte Lehman am Ende befreundeten Banken vor dem Bilanztag Papiere für 20 Milliarden Dollar und kaufte sie zwei Tage später für 21 Milliarden zurück. Ein gutes Geschäft: für die einen eine polierte Bilanz, für die anderen 1 Milliarde Dollar.Sind die Banker also Gangster? Jein.
Es sind Organisationen, deren Spezialität es ist, sicher Profit zu machen und das Risiko auf den Kunden zu überwälzen. Egal, ob auf den Diktator von Libyen oder auf den Kleinanleger. Während Ghadhafi massgeschneiderte Deals bekam, bekommen Kleinanleger gemanagte Fonds. Diese kosten weit mehr Gebühren als nicht gemanagte. Obwohl nur knapp mehr als 25 Prozent von ihnen den Markt schlagen. Denn die Wirklichkeit überrascht auch Profis. In Wettbewerben mit Kleinkindern und Affen, die Dartpfeile auf Börsenberichte warfen, gewannen selbst ausgebuffte Anlageprofis nur in 60 Prozent der Fälle. Wie erkennt man einen ehrlichen Banker? Ein befreundeter Portfolio-Manager nannte zwei Dinge. 1. Er steht zu seiner Unkenntnis. Er sagt: «Ich weiss nicht. Aber ich empfehle dieses und jenes aus diesen Gründen.» 2. Er antwortet auf die Frage: «Was ist Ihr Profit bei diesem Deal hier?» mit einer klaren Zahl. Muammar al-Ghadhafi stellte diese Fragen nicht. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 07.06.2011, 22:19 Uhr
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26 Kommentare
«Keiner der Topbanker konnte sich einen Crash dieser Grösse vorstellen» Die Belege sind eindeutig. Genauso falsch ist es anzunehmen, die Risikomodelle zeigten die Realität und weild diese nichts angezeigt hätten, sei es nicht vorhersagbar gewesen. Zudem gibt es genügend Leute die haben es kommen sehen. Wer diesen Unsinn heute immer noch kolportiert, der befindet sich in einer parallelen Realität. Antworten
Die Antwort ist ein klares "Nein". Die Kunden wetten, die Bank ist lediglich Wettbüro. Bei diesen Beträgen muss man zudem annehmen, dass Ghaddaffi eigene Investmentberater hatte, die über die Risiken informiert waren. Der Schuss hätte genauso nach vorne gehen können. Antworten
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