Wirtschaft

So kommt Europa am besten aus der Krise

Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 29.05.2010

Die Sparprogramme von Griechenland, Spanien und Italien lösen bei Experten blankes Entsetzen aus. Jedoch nicht bei allen. Eine Anleitung für Laien.

Soll auch wirtschaftlich bald wieder die Sonne sehen: Spanien.

Soll auch wirtschaftlich bald wieder die Sonne sehen: Spanien.
Bild: Reuters

Da soll sich der Mensch noch einen Reim drauf machen können: Einerseits beschwört der US-Finanzminister Timothy Geithner seine Amtskollegen und Notenbanker in Europa: Spart nicht zu viel, sonst würgt ihr den Aufschwung der Weltwirtschaft ab! Auf der anderen Seite fordern die Hohenpriester der Weltwirtschaft, der Internationale Währungsfonds und die OECD, eindringlich und ausdrücklich drastische Sparmassnahmen.

Wer hat nun recht? Die Antwort hängt davon ab, auf welche Volkswirtschaftler man hört. Beim Thema Sparen stehen sich in der Ökonomie nämlich zwei unversöhnliche Lager gegenüber: die Keynesianer und die «Österreicher».

Club-Med-Länder im Fall

John Maynard Keynes war der wohl bedeutendste, aber auch der umstrittenste Ökonom des 20. Jahrhunderts. Er hat mit seinem bekanntesten Werk, der «Allgemeinen Theorie», die Grundlage zur Überwindung der Grossen Depression der 30er-Jahre geschaffen. Keynes sprach von einem «Sparparadoxon». Darunter versteht er eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, eine Deflationsspirale, bei der Sparen nicht zur Entschuldung, sondern zu noch mehr Schulden führt. Derzeit sind die Club-Med-Länder im Begriff, in eine solche Abwärtsbewegung zu geraten.

Die Sparprogramme, die Griechenland, Spanien und Italien angekündigt haben, sind nicht nur wenig realistisch, sie sind sogar kontraproduktiv. So bezeichnet der Chefökonom der UBS, Andreas Höfert, das Sparprogramm Spaniens als «Rosskur» mit katastrophalen Folgen: «Auf diese Weise gerät auch Spanien in eine negative Spirale. Das Land spart sich wörtlich kaputt.»

Schöpferische Zerstörung

Ganz anders die Sicht der «Österreicher». Ihre bekanntesten Vertreter sind Friedrich Hayek und Joseph Schumpeter. Sie fürchten sich nicht vor Deflationsspiralen, sondern vor staatlichen Eingriffen in die Märkte.

Für Schumpeter ist die «schöpferische Zerstörung» nichts Bedrohliches, sondern eine völlig normale Begleiterscheinung des Kapitalismus. Die Liquidation von Unternehmen, der Verlust von Arbeitsplätzen, all dies möge zwar schmerzhaft sein. Doch diese Krisen mit staatlicher Unterstützung lindern zu wollen, nütze nichts. Im Gegenteil, das Leiden werde bloss unnötig in die Länge gezogen. Der Staat habe einzig für geordnete Rahmenbedingungen zu sorgen. Dazu gehörten ein ausgeglichenes Budget und somit auch das Sparen, denn Schulden belasten die Staatsfinanzen und treiben die Zinsen in die Höhe oder führen im schlimmsten Fall gar zu einer Hyperinflation.

Es gibt keinen Kompromiss der beiden Standpunkte. Keynesianer und Österreicher mögen einander nicht, sie sprechen oft nicht einmal mehr miteinander. Woran soll sich also der Laie halten?

Kurzfristig an die Keynesianer. Der Zustand der Weltwirtschaft ist in mancher Hinsicht vergleichbar mit den 30er-Jahren. Es braucht Unterstützung, kein Sparprogramm. Einem fiebrigen Patienten verschreibt man ja auch keine Fitnesskur.

Dann wird es gefährlich

Mittelfristig hingegen lassen sich die Argumente der «Österreicher» nicht einfach in den Wind schlagen. Der Staat kann nicht beliebig lange mit Schulden die Konjunktur ankurbeln. Spätestens dann, wenn er für seine Anleihen keine Abnehmer mehr findet und die Notenbank die Druckerpresse anwirft, wird es gefährlich.

Die Lösung ist deshalb ein zeitlich gestaffelter Kompromiss: Der Staat kündet eine Sanierung seines Haushaltes an. Die harten Sparmassnahmen ergreift er aber erst dann, wenn der Aufschwung nicht mehr gefährdet ist. Dem Staat muss damit ein heikler Balanceakt gelingen: Er muss gleichzeitig die Märkte überzeugen, langfristig seinen Haushalt zu sanieren, ohne dabei die Wirtschaft abzutöten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.05.2010, 19:36 Uhr

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