St. Galler Professor erklärt den Rating-Teufelskreis

Manfred Gärtner von der Uni St. Gallen zeigt in einer Studie auf, wie die Ratingagenturen die Staaten in die Bredouille bringen – unabhängig von deren realer Wirtschaftslage.

Experten kritisieren die Intransparenz der Ratingverfahren: Die 1909 gegründete Agentur Moody's.

Experten kritisieren die Intransparenz der Ratingverfahren: Die 1909 gegründete Agentur Moody's.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wie ein Damoklesschwert schweben die Urteile der grossen Ratingagenturen über Europa. Mit ihren Bonitätsurteilen beeinflussen sie das wirtschaftliche Schicksal der Euroländer zurzeit wesentlich: Auf Abwertungen reagieren die Märkte nervös, und Staaten geraten dadurch mitunter in arge Bedrängnis. Eine Studie der Universität St. Gallen hat nun die Rolle dieser mächtigen Akteure in der Krise untersucht – und kommt zu einem brisanten Befund: Die Ratingagenturen verschärfen den Verlauf der Krise.

Manfred Gärtner, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen, hat in seiner mit Björn Griesbach durchgeführten Untersuchung volkswirtschaftliche Daten wie Staatsverschuldung, Inflation, Wirtschaftsleistung und Rendite auf Staatsanleihen von 16 OECD-Staaten für die Jahre 1999 bis 2011 ausgewertet. Diese hat er in Beziehung zu den Bonitätseinstufungen von Fitch, einer der drei wichtigsten Ratingagenturen, gesetzt.

Situation bei Krisenbeginn machts aus

Gemäss der Studie ist es für ein Land entscheidend, in welcher Liga es zu Beginn der Krise spielt. Einem Staat, der bisher ein Triple-A-Rating hatte, macht eine Senkung um eine Stufe oder ein negativer Ausblick wenig aus – die Märkte reagieren gelassen. Das lässt sich aktuell am Beispiel von Deutschland aufzeigen: Moody's hatte Anfang der Woche den Ausblick von stabil auf negativ gesenkt. Deutschland könnte also bald eine Herabstufung drohen. Die Märkte blieben indes stabil; der Euro schwankte bloss minimal – ein Ausverkauf deutscher Staatsanleihen blieb aus. Auch weiterhin gilt Deutschland als sicherer Hafen in der Eurokrise.

An anderen Ländern wie Portugal, Spanien oder Griechenland sind dagegen gesunkene Bewertungen alles andere als spurlos vorbeigegangen. Der Grund: Ab einem gewissen Punkt gerät ein Land in einen Teufelskreis von Herabstufungen, höheren Zinsen und weiteren Herabstufungen, fasst «Zeit online» die Erkenntnisse Gärtners zusammen. Die reale wirtschaftliche Lage des Landes – so der beunruhigende Befund – spielt dabei nur noch eine untergeordnete Rolle. Spätestens zu dem Zeitpunkt, wenn das Rating den B-Status erreicht, nimmt die Kadenz der Herabstufungen zu – auch wenn sich an der wirtschaftlichen Situation nichts oder nur wenig geändert hat. «Die Finanzmärkte verlangen höhere Zinsen auf Staatsanleihen, weil sich das Rating verschlechtert hat. Dies erhöht aber das Staatsdefizit und führt daher zu einer weiteren Herabstufung – ein Teufelskreis», erläutert Gärnter gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. «Ab einem A– ist die Lage höchst gefährlich, ab einem BB– wird sie hoffnungslos», erklärt er das brisante Potenzial der Rating-Buchstaben.

Intransparente Arbeit der Agenturen

Kommt hinzu, dass Ratingagenturen zurzeit einen ausserordentlich starken Fokus auf Europa zu richten scheinen. «Es fällt auf, dass von den Ratingagenturen Fehlentwicklungen etwa in den USA und Japan ignoriert werden, dass aber Europa trotz sichtbarer Fortschritte bei der Fiskalreform heruntergeschrieben wird», sagt Folker Hellmeyer, Chefvolkswirt der Bremer Landesbank, gegenüber der «Süddeutschen online». Europa nehme Anstrengungen für eine bessere Haushaltsbilanz auf sich – Japan und die USA dagegen täten nichts.

Gärtner kritisiert denn auch die Arbeit der Ratingagenturen harsch: «Seit 2008 legen sie insbesondere bei Mitgliedern der Eurozone andere Massstäbe an. Wie und warum sich diese geändert haben, ist komplett intransparent.» So habe etwa Fitch die Bewertung Spaniens zwischen 2009 und 2011 um drei Stufen von AA+ auf AA– gesenkt. Dabei hätten die realen Wirtschaftsdaten nur eine Abstufung von nicht einmal einer Stufe gerechtfertigt. Zu diesem Schluss kommt er, weil er verglichen hat, um wie viele Punkte Agenturen ein Land bisher abgestraft hatten, wenn der Schuldenstand um eine gewisse Prozentzahl gestiegen war.

An diesen willkürlichen Urteilen muss sich gemäss Gärtner etwas ändern: «Die Ratingagenturen betreiben Rufschädigung. Es muss die Möglichkeit geben, sie dafür zur Verantwortung zu ziehen», sagt er gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Um den Teufelskreis zu durchbrechen, plädiert er dafür, Staaten vor Gericht ein Klagerecht wegen Geschäfts- und Rufschädigung einzuräumen. Streitwert wären mindestens die zusätzlichen Zinskosten als Folge der Herabstufung. Die Agenturen müssten ihr Vorgehen erläutern und darlegen, dass sich ihr Rating durch die Situation vor der Herabstufung rechtfertigen lässt – nicht durch jene danach. Denn dazu trügen sie ja selber bei.

Auch die Politik habe bisher dabei versagt, den Einfluss der Ratingagenturen zu schmälern. Statt auf den Wildwuchs auf den Finanzmärkten achte sie nur noch auf Sparanstrengungen von Staaten – eine seiner Ansicht nach umgehend zu korrigierende Ausrichtung. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 25.07.2012, 13:24 Uhr)

Umfrage

Verschärfen Ratingagenturen mit ihren Einschätzungen den Verlauf der Krise?

Ja

 
86.6%

Nein

 
13.4%

544 Stimmen


«Die Ratingagenturen betreiben Rufschädigung»: HSG-Professor Manfred Gärtner.

Die Macht der Ratingagenturen

Ratingagenturen sind private, gewinnorientierte Unternehmen, welche die Kreditwürdigkeit von Staaten und Unternehmen bewerten. Ihrem Urteil entsprechend investieren Anleger in die Papiere. Investoren und Gläubiger haben ein Interesse daran, die Bonität ihrer Schuldner von unabhängigen Dritten untersuchen zu lassen, weil auf diese Weise herausgefunden werden soll, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, das ausgeliehene Geld beziehungsweise die Zinsen am Fälligkeitstag zurückzuerhalten. Je schlechter ein Land bewertet wird, desto höhere Zinsen muss es für neue Schulden bezahlen, weil die Investoren eine Risikoprämie verlangen.

Die drei grössten Ratingagenturen sind Standard & Poor's, Moody's und Fitch; sie stammen alle aus dem angelsächsischen Raum.

Wirtschaftsexperten kritisieren die Intransparenz des Ratingverfahrens. Wegen des Betriebsgeheimnisses geben die Agenturen nicht bekannt, aufgrund welcher Daten und Bewertungen sie zu ihrer Einschätzung kommen. Die Ratings lassen sich daher von aussen nicht vollständig nachvollziehen.

Bildstrecke

Chronologie der Eurokrise

Chronologie der Eurokrise Europas Wirtschaft weht noch immer ein rauher Wind entgegen. Ausser Deutschland sind bereits alle grossen EU-Länder in den Sog der Schuldenkrise geraten.

Artikel zum Thema

EU-Finanzmarktaufsicht nimmt Ratingagenturen unter die Lupe

London Nach der Herabstufung zahlreicher europäischer Banken nimmt die EU-Finanzmarktaufsicht (Esma) die drei grossen Rating-Agenturen unter die Lupe. Mehr...

Italienischer Rechnungshof ermittelt gegen Rating-Herabstufungen

Mailand Der italienische Rechnungshof ermittelt gegen die Herabstufungen von Italiens Kreditwürdigkeit durch die Ratingagenturen Standard & Poor's, Moody's und Fitch im vergangenen Jahr. Mehr...

EU-Parlament will Einfluss der Ratingagenturen mindern

Brüssel Das Europaparlament will die umstrittenen Ratingagenturen enger an die Kandare nehmen und so ihren Einfluss mindern. Mehr...

Werbung

Die Welt in Bildern

Der Mars ist aufgegangen: Eine Mehrfachbelichtung zeigt die verschiedenen Phasen der Mondfinsternis, wie sie am 15. April auch in Canyon, Minnesota, beobachtet werden konnte.
(Bild: Brian Mark Peterson) Mehr...