Wirtschaft

«Steuerhinterziehung kostet Leben»

Richard Murphy arbeitete mehr als 20 Jahre als Steuerprüfer in der City of London. Heute leitet er das Informationszentrum Tax Research und berät unter anderen Regierungen und Hilfswerke.

Für Steueroasen wird es eng: Londons Finanzzentrum.

Für Steueroasen wird es eng: Londons Finanzzentrum.
Bild: Keystone

Richard Murphy leitet das Informationszentrum Tax Research in London.

Richard Murphy leitet das Informationszentrum Tax Research in London.

Herr Murphy, beim G-20-Gipfel in der kommenden Woche stehen Steueroasen am Pranger.
Ich bin froh, dass dieses Thema endlich auf der Tagesordnung steht. Vom Treffen am 2. April erwarte ich aber nicht sehr viel. Es wird weder eine schwarze Liste geben noch eine Sanktionenliste, sondern ein Hinweis im Communiqué auf einen andauernden Prozess. Vielleicht auch ein Arbeitsauftrag an die OECD.

Wie definieren Sie selbst Steuerparadiese?
Am liebsten gar nicht. Soll doch jeder Staat seine Steuern so niedrig ansetzen, wie es ihm gefällt. Es geht um Bürger anderer Staaten, die mithilfe der Offshorezentren die Gesetze ihres eigenen Landes umgehen. Wir sprechen deshalb von «Geheimnisstaaten». Dort werden Gesetze und Regeln eigens für Ausländer erlassen mit dem expliziten Ziel, die Gesetze des Heimatlandes auszuhebeln. Man könnte von «Hehlergesetzen» sprechen, zugeschnitten auf Leute, die gestohlenes Geld verwalten.

Aber das Geld gehört doch den Kontoinhabern?
Wer Steuern hinterzieht, handelt kriminell. Bitte bedenken Sie: Steuerhinterziehung kostet Leben. Insgesamt liegen nach OECD-Schätzung sieben Billionen Dollar auf Offshorekonten. Allein aus den Entwicklungsländern fliessen jährlich rund 800 Milliarden Dollar in Geheimnis-Finanzzentren. Nach seriösen Schätzungen gehen dadurch 160 Milliarden verloren, die sonst der Infrastruktur, Krankenhäusern und Schulen zugute kommen könnten. Hilfsorganisationen rechnen deshalb mit 1000 Kindern, die pro Tag vorzeitig sterben.

Viele Offshorefinanzzentren lenkten in den vergangenen Wochen aber ein und kündigten die Lockerung ihrer Bankgeheimnisse.
Das war nach dem enormen Druck durch die USA, Deutschland und anderen unvermeidbar. Jetzt kommt es auf die konkreten Einzelheiten an.

Bekannte Finanzplätze wie die britischen Kanalinseln und die Schweiz wollen mehr Informationen über Steuersünder preisgeben.
Vorsicht! Es werden hübsche Verträge über bilateralen Informationsaustausch ausgehandelt und unterzeichnet. Diese Schriftstücke sind das Papier nicht wert, auf dem sie stehen.

Wie meinen Sie das?
Die Kanalinsel Jersey hat bereits 2001 ein entsprechendes Abkommen mit den USA unterzeichnet. In Jersey werden rund 400 Milliarden Dollar verwaltet. Da wird einiges Geld von US-Staatsbürgern dabei sein. Und wie oft hat Jersey in jenen acht Jahren Informationen an die USA gegeben? Genau fünfmal. Der Geheimnisschleier ist völlig intakt.

Vielleicht sind die Amerikaner einfach nur sehr gesetzestreu?
Das glauben Sie doch selbst nicht. Der Grund dafür ist schlicht und einfach, dass die Hürden unglaublich hoch liegen. Sie müssen nicht nur Namen und Bank des Verdächtigen kennen, sondern auch die Kontonummer. Und am Ende hat Jersey die Möglichkeit, Informationen zu verweigern, weil sie «dem wirtschaftlichen Interesse» zuwiderlaufen.

Was schlagen Sie vor?
Den automatischen Informationsaustausch. Jede Bank weiss genau, wem das Konto gehört. Die Information muss dem Heimatland des Besitzers zugänglich sein.

Warum gibt es so viele britische Offshorezentren?
Weil das bisher dem Interesse der Regierung entsprach. Gordon Brown hat in seinen zehn Jahren als Finanzminister den Zufluss schmutziger Gelder in die City of London ermutigt. Er hat die Einführung sogenannter «Blind trusts» zugelassen und ermöglicht, dass Ausländer hier jahrelang keine Steuern bezahlten. Das ist ein klarer Missstand, auf den andere Staaten viel deutlicher hinweisen sollten. Aber Brown war dies egal: Die Banken zahlten trotz aller Steuervermeidung immer noch genug Geld, damit sich die Sache lohnte.

Das hat sich durch die Finanzkrise geändert.
Jetzt brechen Grossbritannien die Steuereinnahmen weg, und dementsprechend verändern sich die Prioritäten. Übrigens haben die Geheimstaaten aktiv zur Finanzkrise beigetragen.

Wie das?
Die Banken haben so viel Geld offshore versteckt, dass sie am Ende selbst nicht mehr wussten, wo der Giftmüll steckt. Dadurch wurde das Problem um ein Vielfaches verstärkt. Übrigens haben wir bei Weitem noch nicht das Ende der globalen Wirtschaftskrise erreicht. Die Regierungen werden verzweifelt nach neuen Einnahmequellen suchen, das wird den Druck auf die Geheimstaaten erhöhen.

Wen haben Sie besonders im Auge?
Die City of London, Luxemburg, die britischen Kanalinseln, Singapur, Hongkong. Aber auch die Schweiz gehört zu den schmutzigsten Ländern der Welt. (Basler Zeitung)

Erstellt: 27.03.2009, 13:26 Uhr

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19 Kommentare

Sibylle Weiss

28.03.2009, 19:08 Uhr
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Wenn ich das richtig gelesen habe, gehen 800 Milliarden Dollar aus den Entwicklungsländer in geheime Finanzzentren. Dies ist heisst im Klartext, wenn das Geld nicht exportiert würde, wären die Entwicklungsländer schon längst keine mehr. Mit anderen Worten, das Geld wäre da, aber falsch eingesetzt, ganz einfach.Dann hilfts auch nichts, wenn Milliarden in diese Länder reinpumpt,Fass ohne Boden. Antworten


Marcel Wittwer

28.03.2009, 11:37 Uhr
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Der Titel geht von dem unverschämten Klischee aus, Regierungen täten das ihnen anvertraute Geld zweckgerichtet, sparsam, nutzbringend und erfolgreich einsetzen. Wer glaubt im Ernst daran? Private Investoren können viel besser rechnen und in die Zukunft schauen. Antworten


Hans Müller

27.03.2009, 17:04 Uhr
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Der Mann macht ein Durcheinander. Unsere Unterscheidung von Hinterziehung und Betrug gilt für Schweizer, und in dieser Minute auch für Ausländer. Die Zinsabführung, auch auf Dividenden, würde die Steuern abdecken, ohne Namen aufzudecken. Der gläserne Bürger ist unnotig, er wurde eingeführt um den Terrorismus zu bekämpfen, nicht für die Steuerbehörden. Oder sind wir alle Terroristen? Antworten


Ronnie König

27.03.2009, 15:51 Uhr
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Nicht das Bankgeheimnis lässt die Kinder verhungern! Es sind Faktoren wie Klimawandel, Krieg, Stammesfehden, aber auch Ignoranz der jeweiligen Regierungen und des hochentw. Westens/Nordens! Atombomben und Weltraumprogramme sind wichtiger wie genug sauberes Wasser oder genügend Reis. Eben das System hat versagt. Und welches wäre besser? Das ohne Menschen! Antworten


Radu Golban

27.03.2009, 14:52 Uhr
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Das ist neue Inquisition. Steuerhinzeiehung kostet jdf. weniger Leben als die Kriege der Grossbritanniens und er der USA zuammen Antworten


Peter Maier

27.03.2009, 13:07 Uhr
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Anhand solcher Fakten bin ich gegen das Bankgeheimnis und fuer totale Transparenz. Aber nur wenn jeder Staat und jede Insel der Welt mitmacht. Und selbst dann bin ich mir nicht sicher, ob das den Armen hilft. Antworten


Urs Bleiker

27.03.2009, 13:01 Uhr
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Da verhungern Kinder, weil Potentaten in Afrika ihr Volk mit Steuern und Schikanen ausbeuten. Und Richard Murphy will diesen Despoten helfen, so dass sich niemand dem dem entziehen kann. Es ist reiner Zynismus, wenn Murphy mit hungernden Kindern argumentiert. Krankenhäuser und Schulen? Lachhaft, die Steuern füllen die Taschen der herrschenden Clans, der Rest wird in Waffen investiert! Antworten


Balz Ehrensperger

27.03.2009, 12:26 Uhr
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Auch Schwachsinn, Moralismus und Trugschlüsse kosten Leben. Trotzdem gibt es sie. Ist das nicht eine ungerechte Welt? Antworten


John Neuss

27.03.2009, 12:22 Uhr
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Wenn man die 10 grössten Vermögen der Welt zu 99% einzieht, haben diese Leute immer noch genug Geld für ein gutes Leben und die Billionen, die es braucht, die Wirtschaft zu retten sind plötzlich da. Dieses Geld ist eh nur der arbeitenden Bevölkerung geklaut, die jetzt das Defizit auch noch über Steuern berappen darf. Was es dann braucht, ist ein gerechtes und menschliches Wirtschaftssystem. Antworten


Martin Berger

27.03.2009, 12:20 Uhr
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Ich hoffe, dass jederman versteht, dass auch verstecktes Offshore Geld nicht dem Staat gehört! Mit den Verrechnungssteuerabkommen liefern wir ja die Steuern auf Erträge in die entsprechenden Länder ab! Es geht hier nicht um Steuerflucht und Steuerausfälle, es geht um die Schwächung unseres Landes.Schlussendlich kann man das Geld auch unter dem Kopfkissen verstecken(oder kommen die auch nach Hause? Antworten


maurus candrian

27.03.2009, 12:07 Uhr
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wir schweizer sollten endlich eine saubere, ehrliche auslegeordnung machen. ohne weiterhin tricksen zu wollen (dies insb. an die adresse von merz). aber es ist auch legitim, dass die schweiz darauf beharrt, dass alle finanzsümpfe weltweit ausgetrocknet werden (heisst insbesondere, die oecd-standards weltweit eingehalten werden müssen) Antworten


Hugo Kortschak

27.03.2009, 12:05 Uhr
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Das Problem der Finanzkrise wird auch in diesem Artikel einseitig der Finanz- und Bankenwelt zugeschrieben. Unterschlagen wird der immense Konsum von Gütern und Dienstleistungen auf Kredit und per Staatsverschuldung. Wer konsumiert ohne dabei die Rechnungen begleichen zu müssen, gewöhnt sich an das ewig sprudelnde Füllhorn. Verantwortlich sind auch die Steuerwüsten. Antworten


peter zuellig

27.03.2009, 11:55 Uhr
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Ich weiss nicht in welcher Baumschule dieser Mann sein Metier erlernt hat, muss aber annehmen dass seine Tätigkeit in quasi-Beamtenstellung Indiz für kommerzielle (In-)Kompetenz ist. Mehr als nur Indiz ist der dümmliche Hinweis auf Opfer der Armut, denn diese profitieren finanziell nicht vom Steinbrück's Egalitarismus sondern caritativem Kapitalismus. Weniger Geld für Beamte, mehr Geld für Arme. Antworten


Hans J. Rohrer

27.03.2009, 11:51 Uhr
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Es ist nachgerade unerträglich, wie jeder Ignorant seine schmutzigen Schuhe an unserm Land abputzt. Murphy hat keine Schimmer, wovon er spricht, wenn er behauptet, bei uns würde Geld von Entwicklungsländern versteckt. Wer unsere Gesetzgebung zur Geldwäscherei kennt, weiss, dass kaum ein anderes Land ein vergleichbares Dispositiv zur Abwehr von schmutzigem Geld hat. Antworten


Hans Frei

27.03.2009, 11:48 Uhr
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Das Verbrechen fängt eben schon früher an, nämlich dort wo einige Wenige, Millionen pro Tag verdienen, während die Mehrzahl der Weltbevölkerung mit einem einzigen Dollar pro Tag leben muss. Antworten


yves mundorff

27.03.2009, 11:23 Uhr
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Richard Murphy = kein Plan. Sagt eigentlich alles zu seiner Person. Antworten


Dieter Wundrak

27.03.2009, 11:11 Uhr
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Murphy ist kein grässlicher Deutscher, sondern ein Engländer. Und liest man diesen Kommentar betr.G 20 Gipfel, so scheint es, dass er so einige Staaten an den Pranger stellt. Wie z.B. City of London, Luxembourg, die britischen Kanalinseln, Singapore und Hong Kong. Und im speziellen erwähnte er uns die Schweiz, die er mit zu den schmutzigsten Ländern der Welt zählt. Was soll man noch dazu sagen? Antworten


Robert Naumann

27.03.2009, 11:09 Uhr
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Wann lernen wir, wirklich Verantwortung zu übernehmen: für uns, für die Welt? Uns nichts mehr vorzumachen: Unser Wohlstand, unser Luxus, unsere Annehmlichkeiten, unsere SUVs und Maledivenreisen, unsere Einfamilienhäuser und die H&M-Kleider – alles geht auf Kosten von anderen, von Menschen vorwiegend im Süden dieses Planeten. Und auf Kosten der Umwelt, worunter wieder die Armen am meisten leiden? Antworten


Ronnie König

27.03.2009, 11:01 Uhr
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Moralisch gesehen hat der Mann recht. Und doch frage ich mich: wenn in der 3.Welt mit hohem Blutzoll die Unabhängigkeit erkämpft wurde, warum gehen die Chiefs nachher mit dem zusammengestohlenen Geld zu ihren Expeinigern? Eben, Geld keine Moral und viele Besitzer auch nicht. Darum kann Entwicklungshilfe oft nicht funktionieren. Und Revolutionen sind vorprogrammiert. Antworten



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