Wirtschaft
Südamerikas Erfolgsmodell
Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 30.12.2009 9 Kommentare
Am 11. September 1973 riss General Augusto Pinochet die Macht in Chile gewaltsam an sich und beendete auf blutige Art das sozialistische Experiment des gewählten Präsidenten Salvador Allende. In der Folge liess Pinochet ein wirtschaftspolitisches Experiment ganz anderer Art durchführen: Schüler von Milton Friedman, dem Übervater des Neoliberalismus, durften dessen Thesen ohne Rücksicht auf Verluste in der Praxis erproben. Jahrelang privatisierten und deregulierten die «Chicago Boys» auf Teufel komm raus – mit dem Schutz von Pinochet, dem Segen von Friedman, aber ohne ökonomischen Erfolg.
Bis heute gilt Chile nicht nur als Mahnmal eines faschistoiden Putsches, sondern auch als Symbol einer gescheiterten Wirtschaftspolitik. Dabei ist es inzwischen ein wirtschaftliches Vorzeigemodell. Seit rund zwei Jahrzehnten wird das Land von einer Mitte-links-Koalition, der sogenannten Concertación, erfolgreich regiert: Die Wirtschaft weist «asiatische Wachstumsraten» auf, wie der «Economist» anerkennend schreibt. Davon profitiert ein immer breiter werdender Mittelstand. Die Zahl der in Armut lebenden Chilenen ist seit 1990 von 39 auf 14 Prozent gesunken.
Kupfergeschäft dient dem Volk
Chile hat sich zur südamerikanischen Antwort auf das nordische Modell entwickelt. Darunter versteht man die Wirtschaftspolitik der skandinavischen Staaten. In Details mögen sich Schweden, Dänemark, Finnland und Norwegen unterscheiden, im Grossen und Ganzen wollen jedoch alle das Gleiche: wirtschaftliche Effizienz und soziale Gerechtigkeit unter einen Hut bringen. Deshalb wird in Skandinavien der Wirtschaft so weit wie möglich freie Hand gelassen – die Beamten verstehen sich nicht als Manager. Der Staat sorgt vielmehr dafür, dass die unsozialen Auswüchse der Marktwirtschaft ausgeglichen werden. Das hat sich bewährt: Die nordischen Staaten gehören zu den wirtschaftlich erfolgreichsten Staaten der Welt und haben die glücklichsten Einwohner.
Chiles scheidende Präsidentin Michelle Bachelet hat in ihren beiden Amtsperioden das Gesundheitssystem, die Renten und die Kinderzulagen ausgebaut. Sie sorgte dafür, dass die Profite aus dem einträglichen Kupfergeschäft – wie die Erdölgewinne in Norwegen – der Gesamtheit zugutekommen. Das hat der Sozialistin eine Zustimmung von 75 Prozent eingetragen und im Volk eine neue Mentalität entstehen lassen. «Heute sind wir alle Sozialdemokraten», sagte der Soziologe Eugenio Tironi dem «Economist».
Konservativer liegt vorne
Trotzdem wird wahrscheinlich ein Konservativer zu Chiles nächstem Präsidenten gewählt werden. Der Unternehmer Sebastián Piñera hat im ersten Wahlgang 44 Prozent der Stimmen erzielt, sein Gegner Eduardo Frei 30 Prozent. Schuld daran ist nicht Unmut über die sozialistische Politik, sondern ein Zwist innerhalb der Linken. Sie ist mit zwei Kandidaten angetreten, die sich die Stimmen gegenseitig abgejagt haben. Doch sogar wenn der konservative Piñera am 17. Januar den zweiten Wahlgang gewinnen sollte, wird sich an der Wirtschaftpolitik Chiles nur wenig ändern. Er hat nämlich hoch und heilig versprochen, die Sozialpolitik der Concertación nicht anzutasten. Auch hier zeigt sich eine Parallele zu Skandinavien. Das nordische Modell» ist zwar von Schwedens Sozialdemokraten in den 30er Jahren entwickelt worden. Inzwischen denken jedoch selbst Bürgerliche nicht mehr daran, es wieder abzuschaffen. Dänemark, Finnland und auch Schweden sind derzeit bürgerlich regiert, ohne dass der Sozialstaat demontiert würde.
Die Wirtschaftskrise hat die Diskussion um Alternativen zum Kapitalismus neu entfacht. Chile und das nordische Modell beweisen, dass es solche Alternativen bereits gibt. Wirtschaftliche Effizienz lässt sich mit sozialer Gerechtigkeit kombinieren, und diese Kombination sorgt für Wohlstand und Wohlbefinden der Menschen. Was es dazu braucht, ist die Bereitschaft, den überholten Gegensatz von Staat und Markt über Bord zu werden – und eine Prise wirtschaftspolitische Intelligenz.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 30.12.2009, 10:52 Uhr
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9 Kommentare
@Philipp Bischof,der Bericht sagt auch nicht aus dass Chile auf dem Level der nordischen Länder ist, sondern dass man deren Beispiel anwendet.. Und er zeigt vorallem die Veränderung, und nur darum geht es. Der Gini ist mit Vorsicht zu geniessen. Bei der Einkommensverteilung gemäss Gini ist die Schweiz übrigens Nachbar von SriLanka! Bei der Vermögensverteilung wäre sogar Vietnam besser. Antworten
Wir leben zeitweise in Chile.Die Unterschiede in der Bevölkerung krass.Viele Reiche,kleinen Mittelstand, viele arme Menschen.Wie kann eine Familie mit 5-800 EURO im Monat leben?Jede primitive Unterkunft,für uns und für Chilenen,mit Frühstück,pro Nacht 20-30 EUR.1 Liter Benzin:80 EUR Lebensmittelpreise wie in Spanien.Viel Schmutz und Abfälle überall.Medizinische Versorgung mangelhaft,obwohl gratis. Antworten
Unabhägig der Präsidentenwahl, Chile will als Gewinner da stehen: die Tatasache, dass Piñera 44% im ersten Stichwahl erungen hat zeigt, dass die Geschichte nun endlich Geschichte ist und nicht weil die Linke im Zwist sind (weil das sind sie bereits seit 2 Jahrzehnte). Die "Pinochet-Manie" wie sie dargestellt ist sollte dahin gehören wo sie am Besten aufgehoben ist, in den Geschichtsbüchern... Antworten
Ein abenteuerliches Unternehmen, Chile mit skandinavischen Ländern zu vergleichen. Chile ist zwar auf gutem Wege, jedoch meilenweit von skandinavischen Verhältnissen entfernt (Bildungs- und Gesundheitswesen). Schaut man auf die Einkommens- und Vermögensverteilung (Gini-Koeffizient) liegt Chile eher im afrikanischen Durchschnitt, während die skandinavischen Länder die "beste" Verteilung aufweisen. Antworten
Der wirtschaftliche Aufschwung Chiles begann lange vor dem Antritt der ersten Concertación Regierung. Gerade weil die Concertación alles was funktionierte aus der Pinochet Zeit übernahm, + nur die Fehler verbesserte ging der Aufschwung weiter. 20 Jahre lang war Chile das einzige Land in SA, das von einer breit abgestützten Koalition regiert wurde, ähnlich wie die Schweiz. Antworten
Ein ungenauer Artikel: Wirtschaftspolitik unter Pinochet folgte zuerst dem traditionell-totalitären Modell: fixe Wechselkurse/Geld drucken/es mit vollen Händen ausgeben - wie bei Hitler. Damit Ueberhitzung & alle Reserven aufgezehrt. Erst danach folgten notwendige Bremsmanöver & Deregulierung (verbunden mit tiefer Rezession). Das Pro-Kopf-Einkommen erreichte erst ca. '88 wieder den Stand von 1973. Antworten



Philipp Bischof
@ Marcel Zürich: da sieht man, dass auch die Schweiz von den Skandinavier noch was lernen kann. P.S. Die Zahlen deiner Quelle auf Wikipedia sind nicht mehr ganz so frisch.... Antworten