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Sweet Home Alabama

Airbus kündigte gestern ein erstes Werk in den USA, in Alabama, an. Autobauer wie Mercedes-Benz und Honda sind schon dort. Schwache Gewerkschaften sind nur ein Grund, weshalb internationale Konzerne in den ehemaligen Baumwollstaat ziehen.

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Die Nachricht, dass Airbus im US-Agrarstaat Alabama ein neues Werk errichten will, klingt auf den ersten Blick erstaunlich. Doch der ehemalige Baumwollstaat wandelt sich zum neuen Industriestandort der USA.

2007 baute Thyssen Krupp in Alabama das damals grösste Stahlwerk der USA. Mercedes-Benz betreibt seit 1993 ein Werk in Tuscaloosa, Honda folgte im Jahr 1999. Im Gefolge der grossen Autobauer siedelt sich auch die Zulieferindustrie in Amerikas «Deep South» an. Der Schweizer Autozulieferer Weidmann Plastics Tecnology aus Rapperswil beliefert das Mercedes-Werk seit 2003 von Auburn aus mit hochwertigen Kunststoffkomponenten.

«Alabama ist schon seit langem kein typischer Agrarstaat mehr», sagt Franziska Tschudi, CEO der Weidmann-Gruppe. «Die Behörden betreiben eine sehr gute Ansiedlungspolitik. Als wir einen Standort in der Nähe unserer Kunden in den USA suchten, haben sich die zuständigen Leute aus Auburn sehr um uns bemüht. Es gibt Industrieparks, Starthilfen und günstiges Land, das ganze Paket ist sehr attraktiv», erklärt Tschudi.

Gewerkschaften sind schwach vertreten

Von Auburn aus beliefert Weidmann Plastics Tecnology North America nicht nur Mercedes, sondern auch das BMW-Werk in South Carolina. «Wir sind jetzt dabei, unseren Standort in Auburn zu erweitern und wollen dort auch einen Reinraum für unsere Medizinprodukte bauen», so Tschudi.

Bei der Ansiedlung der Autoindustrie in Alabama spielte auch der Umstand eine Rolle, dass die Gewerkschaften im Süden der USA sehr schwach vertreten sind. «Im Gegensatz zum Rostgürtel um Detroit und Michigan spielen die Gewerkschaften in den Südstaaten eine sehr geringe Rolle», sagt Martin Naville, CEO der schweizerisch-amerikanischen Handelskammer. Alabama ist noch heute ein eher armer Staat und steht mit dem BIP pro Kopf an 44. Stelle unter den US-Staaten. «Nicht nur die Löhne sind niedrig und das Land billig», so Naville. Der Staat sorge auch mit Subventionen, niedrigen Steuern und dem Ausbau der Infrastruktur für gute Ansiedlungsbedingungen.

Grosszügige Subventionen

Die Stadt Mobile, wo sich Airbus ansiedeln will, verfügt zudem über einen der grössten Häfen, was für die Logistik ein grosser Vorteil ist. Um Thyssen Krupp anzuziehen, baute die Mobile County Industrial Development Authority für das Unternehmen sogar einen neuen Terminal in der Nähe des bestehenden Hafens. Kritiker der grosszügigen Ansiedlungspolitik rechnen vor, dass Thyssen Krupp mit Steuererleichterungen und Infrastrukturausbauten von insgesamt einer Milliarde Dollar geködert wurde. Mercedes-Benz erhielt nach Informationen des «Wall Street Journals» Vergünstigungen in Höhe von 300 Millionen Dollar.

Dass die ersten Autobauer, die sich in Alabama ansiedelten, vor Ort keine qualifizierten Arbeitskräfte vorfanden, ist in den USA laut Experte Naville kein Problem. «Wenn gute Jobs da sind, kommen die Mitarbeiter von alleine. Für Autoingenieure ist es selbstverständlich, von den traditionellen Industriestandorten wegzuziehen, wenn sie im Süden Arbeit finden», so Naville. Im Gegensatz zu europäischen Arbeitnehmern wechsle der Amerikaner seinen Lebensort von heute auf morgen. Die Lebensbedingungen im sonnigen Süden seien zudem sehr viel attraktiver als im Norden.

Laut Weidmann-CEO Tschudi bemüht sich Alabama inzwischen auch mit attraktiven technischen Universitäten um qualifizierte Arbeitskräfte. «Sie sollten einmal sehen, was den jungen Leuten an sportlichen Aktivitäten geboten wird», so Tschudi. «Das zieht natürlich gute Studenten an.» Trotz der Zuzüger aus dem Norden und der jungen Uni-Absolventen sei es am Standort Auburn aber mittlerweile nicht mehr so einfach «qualifizierte Leute zu vernünftigen Löhnen zu bekommen», so Tschudi. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.07.2012, 16:01 Uhr

Airbus-Standort in Alabama

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