Topökonomen warnen vor «dritter Depression»

In einer dramatischen Kolumne zeichnet Paul Krugman ein düsteres Bild der näheren Zukunft. Jetzt pflichtet ihm auch Robert Shiller in einem Videointerview bei.

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In der letzten Woche haben enttäuschende Zahlen zum Wirtschaftsgang in den USA den Aktienmärkten weltweit herbe Einbussen beschert, gegenüber dem Schweizer Franken ist auch der Dollar weiter eingebrochen. Es könnte noch weit schlimmer kommen. Spitzenökonomen sprechen bereits mit der Möglichkeit einer «Dritten Depression» – mit dramatischen Folgen vor allem für die Beschäftigten weltweit. Als Erster vor einer solchen Entwicklung hat vergangene Woche der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman in seiner regelmässigen Kolumne in der «New York Times» gewarnt.

Besondere Bedeutung haben die Warnungen Krugmans erhalten, indem mit Robert Shiller ein weiterer Topökonom für dieses Bedrohungsszenario eine «substanzielle Wahrscheinlichkeit» sieht (siehe Videointerview des «Wall Street Journal» oben). Shiller hat sich weltweit Achtung verschafft, indem er schon das Platzen der Internetblase der 90er-Jahre nicht nur früh vorausgesagt, sondern die Psychologie der Märkte damals präzis analysiert hat. Sein Buch «Irrational Exuberance» (Irrationale Übertreibung) wurde im Jahr 2000 zum Weltbestseller. Auch die Entstehung der Immobilienblase in den USA, deren Platzen dann die Finanzkrise ausgelöst hat, hat Shiller früh erkannt und entsprechend vor den Folgen gewarnt.

Kein Rückgang der hohen Arbeitslosigkeit weltweit

Krugman und Shiller befürchten nicht, dass die USA in eine Depression wie in den 30er-Jahren stürzen wird – das war laut Krugman erst die zweite Depression der Wirtschaftsgeschichte. Die jetzt drohende werde dagegen wahrscheinlich so verlaufen wie die erste, heute weniger bekannte, die im Jahr 1873 ebenfalls mit einer weltweiten Finanzmarktpanik ihren Anfang nahm. Das besondere an dieser frühen schweren Krise war nicht der unaufhaltsame Zerfall der Wirtschaft, als vielmehr die Tatsache, dass sich die damals führenden Länder über viele Jahre – die damalige Weltmacht Grossbritannien sogar über 20 Jahre lang – nicht mehr richtig von der Krise erholen konnten.

Für Shiller entspricht dieses Szenario dem viel genannten «Double Dipp»: Einem erneuten Eintauchen der Weltwirtschaft in eine Rezession, ohne dass allerdings zwischenzeitlich die weltweit noch immer sehr hohen Arbeitslosenzahlen zurückgehen. Sowohl in den USA, wie in Europa liegt die Arbeitslosenquote bei rekordhohen 10 Prozent. Die jüngsten enttäuschenden Daten vom US-Arbeitsmarkt könnten die düsteren Aussichten bestätigen. Auch das Beispiel Japans, das sich vom Platzen seiner Börsen- und Immobilienblase Ende der 80er-Jahre bis heute nicht richtig erholt hat, sieht Shiller «leider als Modell dafür, was in den USA geschehen kann».

Die Ölkatastrophe als psychologischer Schock

Als Spezialist für massenpsychologische Phänomene in der Wirtschaft verweist Shiller vor allem auf das angeschlagene Vertrauen der Amerikaner sowohl in die Wirtschaft als auch in die Politik. Auch dafür haben Erhebungen letzte Woche neue Belege geliefert. Alleine die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko bestärke die Leute laut Shiller in der Ansicht, sowohl die Privatwirtschaft wie die Regierung seien nicht in der Lage, grosse Probleme zu lösen. Schon früher haben laut dem Ökonomen grosse Katastrophen die Märkte durch ihre Wirkung auf die Psychologie weit stärker unter Druck gesetzt, als dies mit direkten ökonomischen Folgen erklärbar gewesen war.

Laut Shiller ist der Schock umso grösser, als man noch vor kurzem geglaubt hat, die Wirtschaftskrise sei demnächst ausgestanden: Nach dem enormen Aufschwung seien die Leute zu optimistisch geworden: «Die Leute haben geglaubt, alles sei bloss wie ein böser Traum gewesen». Die Enttäuschung sei daher jetzt enorm und die Ängste würden zurückkehren – mit negativen Folgen für den Konsum.

Die Politik verkennt den Ernst der Lage

Ein weiterer Grund für Shillers Pessimismus sind die Staatsfinanzen in den USA. Während der Interviewer den Einfluss der Euro-Krise auf die US-Konsumenten für eher esoterisch hält, sieht Robert Shiller auch hier die Verbindung über die Psychologie. Die Amerikaner wüssten, dass auch ihr Land hoch verschuldet ist. Daraus würden sie schliessen, dass die Regierung gar nicht mehr über die Mittel verfügt, bei einem weiteren Absturz der Wirtschaft Anschubmassnahmen finanzieren zu können.

Im Umgang mit der Staatsverschuldung sieht auch Paul Krugman den Hauptgrund dafür, dass sich die aktuelle Krise zu einer weiteren Depression entwickelt. Der Nobelpreisträger beschuldigt die Politiker weltweit mit ihren Sparmassnahmen viel zu früh auf die Bremse zu treten. Damit würden sie denselben Fehler machen wie ihre Vorgänger in der grossen Depression der 30er-Jahre. Krugman betont, schon damals habe es Phasen der Erholung gegeben. Weil sich die Politiker deshalb zur früh in Sicherheit gewähnt hätten, die Stützungsmassnahmen aufgegeben und sogar mit Sparen begonnen hätten, habe sich die Lage erneut dramatisch verschlimmert. Das drohe auch dieses Mal. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 05.07.2010, 14:34 Uhr)

Stichworte

Shiller-Interview des «Wall Street Journal»

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