UBS-Ökonomen: Ältere sollen auf Lohn oder Chefposition verzichten

Wie lassen sich ältere Arbeitnehmer besser im Arbeitsmarkt halten? Dazu machen die Ökonomen der Grossbank brisante Vorschläge.

Die UBS sorgt mit neuen Vorschlägen zur Meisterung der Alten-Arbeitslosigkeit für Aufsehen. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Die UBS sorgt mit neuen Vorschlägen zur Meisterung der Alten-Arbeitslosigkeit für Aufsehen. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

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«Generation Silber auf dem Arbeitsmarkt»: Unter diesem Titel haben sich die Ökonomen der UBS mit der Alterung im Berufsleben auseinandergesetzt. So halten sie etwa fest, dass es vor allem schwierig ist, ältere Arbeitslose – womit die 55- bis 64-Jährigen gemeint sind – wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Die Quote der Langzeitarbeitslosigkeit beträgt hier rund 32 Prozent und ist deutlich höher als in jeder anderen Arbeitsgruppe. Bei den 15- bis 24-Jährigen beträgt die Quote nur gerade 6,2 Prozent. Allerdings ist das Risiko bei Älteren, entlassen zu werden, geringer als bei jüngeren. So beträgt die Erwerbslosenquote der über 55-Jährigen nur 3,7 Prozent und ist damit geringer als bei jeder anderen Altersgruppe.

Eine Spezialität der Schweiz ist die aussergewöhnlich hohe Erwerbsquote von 74,3 Prozent der Älteren. Nur gerade Island, Schweden, Neuseeland und Norwegen haben im Club der reicheren OECD-Länder hier eine höhere Quote. Zudem ist sie in der Schweiz seit 1991 um 10 Prozentpunkte angestiegen. Das liegt aber allein an den Frauen, deren Erwerbsquote um 24 Prozentpunkte auf 67,7 Prozent gestiegen ist, während sie bei den Männern in diesem Zeitraum um rund 6 Prozentpunkte gefallen ist, mit einer Erwerbsquote von 80,7 Prozenten aber noch immer höher liegt als jene der Frauen.

Arbeitskräftemangel in Zukunft

Laut den UBS-Ökonomen wird sich künftig auf dem Arbeitsmarkt eine Kluft auftun zwischen dem Bedarf an Fachkräften und den verfügbaren Arbeitnehmenden. In den nächsten zehn Jahren werden laut der Studie rund 1,1 Millionen Menschen das Alter von 65 Jahren erreichen. Das führt dazu, dass rund 690’000 Personen aus dem Erwerbsleben ausscheiden werden. Gleichzeitig werden aber über diese Zeit nur 480’000 neu in den Arbeitsmarkt eintreten – mit einem durchschnittlichen Eintrittsalter von 20 Jahren. Und der Bedarf an Arbeitskräften wird zudem voraussichtlich weiter wachsen.

Um die Lücke auf dem Arbeitsmarkt zu verhindern, müsste man die jährliche Einwanderung von 75’000 auf 110’000 Personen steigern.

Je nach Annahmen zum weiteren Wachstum dieses Bedarfs, zur Beschäftigungsquote der jüngeren und älteren Angestellten und zur künftigen Einwanderung errechnen die UBS-Ökonomen unterschiedliche Zahlen für die Lücke, die auf dem Arbeitsmarkt im Lauf des kommenden Jahrzehnts ungedeckt bleiben wird. Im schlimmsten Fall – bei einer Zunahme des Beschäftigungsbedarfs um 2,8 Prozent jährlich (wie in den Boomjahren 2006 bis 2008) und ohne Einwanderung – würden demnach in zehn Jahren 1,3 Millionen Beschäftigte gerechnet auf Vollzeitstellen fehlen. Je kleiner das Wachstum des Beschäftigungsbedarfs ausfällt und je höher die Einwanderung und die Beschäftigungsquote ist, desto geringer fällt die Lücke aus.

Grafik: Arbeitslosigkeit nach Alter Zum Vergrössern klicken.

Zur Einwanderung haben die Ökonomen folgende Rechnungen aufgestellt: Um ein jährliches Wachstum im Trend der letzten Jahre zu erhalten, müsste ohne Einwanderung die durchschnittliche Erwerbsquote in zehn Jahren von heute 74 Prozent auf 88 Prozent steigen oder jährlich um 1,4 Prozent. Will man verhindern, dass eine Lücke auf dem Arbeitsmarkt entsteht, müsste die jährliche Einwanderung netto auf 110’000 Personen steigen – von 75’000 über die letzten zehn Jahre. Doch selbst dann ist gemäss den UBS-Ökonomen das Problem langfristig noch nicht gelöst. Und sie halten fest, dass angesichts der besseren Wirtschaftslage in Europa und der Masseneinwanderungsinitiative mit einer geringeren Einwanderung als in der Vergangenheit gerechnet werden muss.

Ältere sollen Abstriche machen

Die Lücke bei den Fachkräften, die schwierigere Integrierbarkeit einmal Entlassener und die Forderung nach einem erhöhten Rentenalter führt aber zur Frage, welche Anpassungen vonnöten sind, um ältere Arbeitnehmer im Job zu behalten. Als Problem identifizieren die Ökonomen, dass ältere Arbeitnehmer weniger produktiv seien, aber dennoch einen höheren Lohn als Jüngere beziehen. Ausserdem würden sie über ein hohes firmenspezifisches Wissen verfügen, was sie für andere Arbeitnehmer wenig attraktiv macht.

Die Autoren empfehlen daher vor allem sogenannte Regenbogenkarrieren. Die Älteren müssten bereit sein, auf bisherige Ansprüche wie hierarchische Stellungen oder auch in Bezug auf die Bezahlung zu verzichten. Die Unternehmen wiederum sollten tiefere Arbeitspensen anbieten und eine grössere Flexibilität, diese Zeiten je nach Bedarf zu erhöhen oder zu senken.

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Das sei für ältere Arbeitnehmer ohnehin ein kleineres Problem. Auch ein Jobsharing zwischen jungen und älteren Mitarbeitern schlagen die Studienautoren vor, einen gestaffelten Ausstieg aus dem Berufsleben und Massnahmen zur Förderung der Weiterbildung, die ältere zu wenig in Anspruch nehmen würden.

«Einspruch vom Altersforscher»

Der Soziologe und Altersexperte François Höpflinger widerspricht in einem Interview im UBS-Outlook der Ansicht, dass ältere Arbeitnehmer weniger produktiv seien. Die Leistungsfähigkeit nehme weniger durch das Altern an sich ab, als vielmehr durch sogenannte Langjährigkeitsrisiken. Damit ist vor allem gemeint, dass jemand sehr lange am gleichen Ort arbeitet und die gleiche Beschäftigung ausübt. Dieses Problem werde noch verschärft, wenn die Betroffenen keine Weiterbildung absolvieren und starken körperlichen Belastungen ausgesetzt sind. Die Produktivität der Älteren könne sogar höher sein, weil sie im Durchschnitt genauer arbeiten würden und dank ihrer Erfahrung einen besseren Umgang mit schwierigen Situationen hätten.

Überraschend positive und oft höhere Werte als bei Jüngeren in Bezug auf die Produktivität würden sich laut Höpflinger besonders bei 60- bis 64-Jährigen zeigen. Dies sei aber auch wegen einer «positiven Selektion» der Fall. Damit ist gemeint, dass in diesem Alter die Schwächeren schon gar nicht mehr arbeiten.

Kostenexplosion bei AHV und Pflege

Auch auf die kommenden Herausforderungen für die AHV und die Kosten der Alterspflege geht die Studie ein. Diese ergeben sich daraus, dass die Anzahl der über 64-Jährigen sich bis ins Jahr 2035 um etwa 60 Prozent erhöhen wird, bis 2060 werde sie sich sogar mehr als verdoppeln. Damit würden sich bis 2060 auch die Kosten für die AHV inflationsbereinigt mehr als verdoppeln. Die Kosten für die Langzeitpflege und für die Ergänzungsleistungen würden sich sogar mehr als verdreifachen. Gleichzeitig werde die Zunahme der Anzahl Personen im Erwerbsalter nur gering sein und hauptsächlich über die Einwanderung erfolgen.

Entweder man reduziert den Wohlstand der Alten oder jenen der Jungen. Sonst bleibt nur eine Erhöhung des Pensionsalters.

Die Autorinnen und Autoren folgern daher, dass entweder der Wohlstand im Alter über geringe Alters- und Pflegeleistungen reduziert werden müsse oder der Wohlstand der Jungen durch eine höhere Übernahme von Kosten etwa über Steuern. Sonst würde nur eine längere Lebensarbeitszeit durch eine Erhöhung des Pensionsalters bleiben. Der politische Widerstand gegen dieses Ansinnen werde sich durch den Druck durch die Kosten und durch den Fachkräftemangel wohl verringern, schreiben die Bankökonomen.

Grafik: Unterschiede in der Erwerbstätigkeit je nach BrancheZum Vergrössern klicken (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.07.2017, 11:58 Uhr

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