USA pflegen die grösste Steueroase

In Delaware geniessen Firmen seit mehr als 100 Jahren Steuerprivilegien. Doch Kritik an der Steuerflucht in den USA und die Finanzmarktreform bedrohen den Sonderstatus des amerikanischen Kantons Zug.

Viele der grössten US-Unternehmen unterhalten Steuersitze in Delaware: Aktionäre beim Eingang zur Generalversammlung von Ford im DuPont-Theater in Wilmington, Delaware. (10. Mai 2012)

Viele der grössten US-Unternehmen unterhalten Steuersitze in Delaware: Aktionäre beim Eingang zur Generalversammlung von Ford im DuPont-Theater in Wilmington, Delaware. (10. Mai 2012) Bild: Reuters

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Delaware ist eine der ältesten noch intakten Steueroasen der Welt. Nirgendwo sonst können Unternehmen ihre Steuern besser minimieren als hier; nirgends ist es einfacher, mit einer Briefkastenfirma oder Stiftung Geld vor dem Fiskus zu verstecken.

In einem Flachbau an der North Orange Street in Wilmington verstecken sich fast 300'000 Unternehmen. Darunter finden sich Weltkonzerne wie Apple, Google, Coca-Cola, Wal-Mart und Berkshire Hathaway von Warren Buffett. Kein einziger Angestellter arbeitet hier in der Finanzmetropole von Delaware. Die Adresse und die CT Corporation sind das Einzige, was die Firmen mit Delaware verbindet.

Zwei Drittel der 500 grössten US-Konzerne

Die CT Corporation ist ihre Steuerdrehscheibe: Die Firma wickelt deren Zahlungen ab, erhält den Kontakt mit Hunderten von spezialisierten Anwälten und Treuhändern aufrecht und erscheint vor dem Spezialgericht des Chancery Court. Sie vertritt jede dritte in Delaware eingetragene Firma und zwei Drittel der 500 grössten US-Konzerne.

Die CT Corporation ist eine Tochtergesellschaft des holländischen Konzerns Wolters Kluwer. Die Niederlande sind nach Delaware die zweitgrösste Steueroase für die global tätigen Bergbau- und Erdölfirmen. Dies geht aus einem Bericht von «Publish what You Pay» hervor, einer auf die Überwachung der Bergbauindustrie spezialisierten Gruppe.

Die zehn grössten Minenkonzerne, darunter auch Glencore, unterhalten 915 Niederlassungen in Delaware, um von den äusserst günstigen Bedingungen zu profitieren. An zweiter Stelle folgen die Niederlande mit 358 Niederlassungen. Die Schweiz steht mit 51 Ablegern deutlich weiter unten auf der Rangliste der Rohstoffkonzerne.

Zug übernahm Delawares Modell

Es war Delaware, das den Status einer speziellen Steueroase für Firmen erfunden hat, wie der britische Experte Ronen Palan beschreibt. Nachdem New Jersey in den 1880er-Jahren erste Versuche mit Steuernachlässen für Firmen gemacht hatte, erfand Delaware ab 1889 eine Reihe spezieller Unternehmens- und Stiftungsformen, die darauf abzielten, Firmen mit sehr tiefen Steuersätzen anzuziehen, ohne dass sie im Staat ansässig oder tätig sein mussten. 20 Jahre später übernahm der Kanton Zug das Modell und setzte sich – gleich wie Delaware – an die Spitze des innerstaatlichen Steuerwettbewerbs.

Delaware wurde zwar in der Folge von Staaten wie Nevada oder Florida bedrängt, blieb aber unerreicht. Heute finden sich hier mehr Briefkastenfirmen als Menschen. Rund 950'000 Firmen sind es, dreimal mehr als vor zehn Jahren. Besonders attraktiv ist die Verschiebung von Patent- und Lizenzeinnahmen sowie Abgaben auf Schürfrechten nach Delaware, wo sie nicht besteuert werden. Auf diese Weise sparten die Bergbaukonzerne in den letzten sechs Jahren 10 Milliarden Dollar.

Einbussen bei andern Staaten

Dies zum Schaden von Staaten wie Ohio und Pennsylvania, wo Erdgas- und Erdöl mittels der Fracking-Technik gefördert werden. Dafür müssten die Abbaufirmen an sich Schürfrechte zahlen, doch tatsächlich verschwinden diese Abgaben im Steuerschlupfloch Delaware. Im Fall von Pennsylvania dürften es pro Jahr gegen 500 Millionen Dollar sein. Ein Gesetz, das diese Steuerflucht unterbinden will, ist im Kongress in Pennsylvania hängig, doch wehrt sich die Branche mit allen Mitteln dagegen.

Bisher mit Erfolg: Würde nämlich das «Delaware-Loophole» gestopft, so verlören auch andere Firmen als die Erdgaskonzerne ihre Privilegien, wovon auch etablierte Unternehmen in Pennsylvania betroffen wären. Doch hat Grossbritannien inzwischen am Beispiel von US-Konzernen wie Starbucks und Google vorgemacht, wie solche Hintertüren zu schliessen sind.

Eine hartnäckige Steueroase

«Delaware ist eine besonders harte Knacknuss», sagt Jack Blum, Chef des Justice Network USA und ein früherer Ermittler in Betrugs- und Steuerstrafsachen. «Die Geheimniskrämerei ist ein massives Problem.» Die Aussicht allerdings, die eingespielten Teams von Anwälten, Bankern, Treuhändern und Richtern zu knacken, scheint gering.

Delaware kennt eine Besonderheit, die den Steuerpakt politisch und gesellschaftlich ausserordentlich stark zusammenhält. Die weitverzweigte Unternehmerfamilie der du Ponts bildet das Rückgrat. Der aus einer Schiesspulverfabrik entstandene Chemiekonzern rief 1903 den Wilmington Trust ins Leben, die erste grosse Familienstiftung des Landes. Sie diente dazu, die Einkommen aus dem Unternehmen DuPont (Familie und Unternehmen werden unterschiedlich geschrieben) vor dem Fiskus abzuschirmen und den heute über 2000 Nachkommen zu erhalten.

Aus dem Wilmington Trust wuchs eine eigentliche Stiftungsindustrie mit Dutzenden von Trust Banks, ähnlich den Liechtensteiner Banken. Sie verwalten heute weit über 1000 Milliarden Dollar. Kein Wunder, sprechen die Vermögensverwalter in Wilmington von einer einzigartigen Offshore-Steuerinsel innerhalb der USA, deren Status selbst jenen der echten Offshoreplätze wie den Cayman-Inseln übertrifft.

Gerichtssystem schützt Steuerregime

Gegen Angriffe von aussen wird die Steuerburg durch ein besonderes Gerichtssystem geschützt, das auf altenglisches Recht zurückgeht und seit 1792 Bestand hat. Der sogenannte Chancery Court (Kanzleigericht) entscheidet die Fälle nach dem Prinzip des Ermessens. Recht ist demnach nicht nur, was das Gesetz vorschreibt, sondern was die Richter als billig und fair betrachten. Gerade in Steuersachen können Unternehmen mit grosser Nachsicht rechnen.

Das missfällt der Börsenaufsicht SEC. Sie ist daran, Ausführungsvorschriften zur grossen Finanzmarktreform von 2010 in Kraft zu setzen. Dabei wird die Offenlegungspflicht aller in den USA kotierten Firmen grossgeschrieben, womit es mit der Geheimniskrämerei in Delaware vorbei sein dürfte. Kampflos allerdings wird der Staat seine Privilegien nicht preisgeben, meint Historiker Palan: «In Delaware wurde eine der ersten Steueroasen errichtet, doch deutet ironischerweise alles darauf hin, dass sie zu den letzten gehören wird, die aufgehoben werden müssen.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 29.12.2012, 12:38 Uhr)

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