US-Notenbank hält sich alle Türen für weitere Interventionen offen

Der gestrige Entscheid der US-Notenbank ist bemerkenswert. Zum ersten Mal nennt sie ein klares Datum für ihre Zinspolitik. Und ausnahmsweise war sich das Gremium nicht einig.

Das Notenbank-Gremium war sich uneins: Drei von zehn stimmten gegen Fed-Chef Ben Bernankes Vorschlag. Foto: AP/Keystone

Das Notenbank-Gremium war sich uneins: Drei von zehn stimmten gegen Fed-Chef Ben Bernankes Vorschlag. Foto: AP/Keystone

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Bis mindestens Mitte 2013 sollen die für die Banken massgeblichen Leitzinsen bei beinahe 0 Prozent verbleiben. Die kanadische Notenbank hatte in ihrem Kampf gegen die Rezession ebenfalls ein solches Datum genannt und damit einigen Erfolg gehabt. Für die Federal Reserve aber, die sich ungern auf fixe Versprechen behaften lässt, ist dies ein Novum, geboren aus der Furcht vor einem erneuten Abtauchen in eine Rezession. Bisher war nur die Rede davon, die Zinsen «für eine längere Periode» tief zu halten, das sind zwei bis drei Notenbanksitzungen oder vier bis sechs Monate.

Psychologisch bemerkenswert ist, dass von den zehn Mitgliedern des Notenbank-Ausschusses drei gegen das Nennen eines Datums waren. Sie wollten die alte Formel beibehalten, offensichtlich in der Meinung, dass die Wirtschaftslage nicht derart gravierend sei und eine mögliche Inflation die grösseren Risiken darstelle. Es ist dies zum ersten Mal seit Dezember 2002, dass drei Mitglieder von der Vorgabe des Notenbankchefs abwichen; ein Vorgang, der sich angesichts der ungewissen Wirtschaftslage und der schweren Marktturbulenzen wiederholen könnte.

Mit diesem Manöver behält sich die Notenbank alle Türen für weitere Interventionen offen. Einzelne Marktakteure hatten zwar erwartet, dass Ben Bernanke und seine Kollegen schon jetzt eine dritte Runde einer quantitativen Geldmengenlockerung einläuten würden. Ein solcher Entscheid hätte der Notenbank indessen das letzte grosse und ebenso umstrittene Interventionsinstrument bereits aus der Hand genommen. Ebenso verzichtete sie darauf, einen längeren Zeitraum für das Festhalten an einem dicken Portfolio von US-Staatsanleihen zu nennen oder gar den Kauf zusätzlicher, längerfristiger Anleihen bekannt zu geben. Alles in allem habe die Notenbank klug entschieden, sagte Jim McCaughan, Geschäftsführer der Principal Global Investors. «Die Notenbank hat eine realistische Sicht der Dinge eingenommen und es vermieden, einfach den Erwartungen der Märkte nachzugeben.»

Die Reaktionen waren denn auch durchzogen. Die Aktien gaben zunächst nach und beruhigten sich später wieder. Gold wurde teurer, ebenso setzte sich die Frankenstärke erbarmungslos fort. Der US-Entscheid setzt damit die Schweizer Nationalbank unter grossen Druck, die Frankenaufwertung entschiedener zu bekämpfen.

Das wichtigste Ziel wurde verfehlt

Für die US-Notenbank wird damit der Monat August zum eigentlichen Prüfstein ihres geldpolitischen Geschicks und Könnens. Vor exakt vier Jahren, im August 2007, reagierte sie erstmals mit einem scharfen Zinsschnitt auf die Finanzkrise und die zusammenbrechenden Börsen. Es folgten zwei direkte Belebungsversuche an der Wirtschaft, die sich die Notenbank über 2500 Milliarden Dollar kosten liess. Die zweite dieser «quantitativen Lockerungen» der Geldmenge kündigte Ben Bernanke im vergangenen August an. Sie sorgte sofort und spürbar an den Aktienbörsen für einen Höhenflug – der genau dann abbrach, als dieses Programm im Juni abgeschlossen wurde. Das wichtigste Ziel wurde verfehlt: Die US-Wirtschaft konnte das billige Geld der Notenbank nicht wie erwartet in ein stärkeres Wachstum und neue Arbeitsplätze umsetzen. Diesen Misserfolg anerkannte das Fed gestern zum ersten Mal indirekt, indem es die Leitzinsen noch zwei Jahre extrem tief hält, gerade eben, weil es für diesen Zeitraum ein schwaches Wirtschaftswachstum erwartet. Jüngsten Schätzungen von Goldman Sachs zufolge wird die Wirtschaft bis Ende 2012 nur gerade um 2,0 bis 2,5 Prozent wachsen. Schlimmer noch: Die Arbeitslosenquote steigt auf 9,25 Prozent.

Die USA stehen vor der einmaligen Situation, erneut in eine Rezession zurückzufallen, bevor die letzte voll ausgestanden ist. Zwar wurde diese letzte Wirtschaftsschwäche im Sommer 2010 für überwunden erklärt, doch der Arbeits- und der Immobilienmarkt blieben tief in der Rezession stecken. Ebenso kam die Kredittätigkeit nie so stark in Gang, wie das im Übermass vorhandene billige Geld erwarten liess. Die Herabstufung der US-Staatsanleihen durch Standard & Poor’s verschärfte die allgemeine Krisenstimmung nur noch, ohne dass die Ratingagentur wesentlich Neues zur Lage der Wirtschaft oder zum Ausweg aus der Schuldenfalle gesagt hätte.

Dass die Herabstufung nach einer billigen politischen Aktion roch, machten die Börsen inzwischen klar. Die amerikanischen Staatsanleihen, die eigentlich hätten steigen müssen, ermässigten sich, weil die Investoren sie noch immer als relativ sichere Anlage in einem äusserst labilen Umfeld sahen. Dafür gaben die Aktien nach. Historisch gesehen, nehmen solch starke Rückschläge, wie sie in den letzten Tagen auftraten, eine starke Wirtschaftsabkühlung bis hin zu einer Rezession vorweg. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.08.2011, 06:31 Uhr

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