Über 14 Prozent arbeitslose Ausländer im Wallis

Nirgendwo in der Schweiz ist die Arbeitslosenquote ausländischer Arbeitskräfte derart hoch wie im Wallis. Dort überlassen die Baufirmen im Winter jeweils Tausende ihrer Angestellten der Arbeitslosenkasse.

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14,2 Prozent! Solch hohe Arbeitslosenquoten kennt man sonst nur aus dem Ausland. Sie sind aber auch in der Schweiz zu beobachten, wenn man die Arbeitslosendaten nach Kantonen und Bevölkerungsgruppen aufschlüsselt. Nimmt man den landesweiten Durchschnitt, so beträgt die Arbeitslosenquote derzeit 3,5 Prozent, wie das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) letzte Woche mitteilte. Viele interessante Entwicklungen erschliessen sich einem aber erst, indem man die Zahlen detaillierter betrachtet. Denn die Unterschiede zwischen den Geschlechtern, Altersklassen, Nationalitäten und Kantonen sind bemerkenswert.

Um den Verlauf der Arbeitslosenquoten verschiedener Gruppen miteinander vergleichen zu können, hat der «TagesAnzeiger» eine interaktive Grafik entwickelt. Sie ist ab heute auf seiner Internetsite aufgeschaltet. Unter anderem zeigt sie, dass im Wallis derzeit 14,2 Prozent aller Ausländerinnen und Ausländer arbeitslos sind. Im Sommer waren es noch 6,2 Prozent. Doch im Winter ist die Kurve steil angestiegen. Das konnte man bereits in früheren Jahren beobachten. Mit Ausnahme vom Dezember 2009 kletterte die Arbeitslosenquote aber noch nie so weit nach oben wie in den vergangenen Wochen.

Andere Kantone wie Graubünden kennen ebenfalls saisonale Schwankungen. Auch dort sind im Winter mehr Menschen ohne Job als im Sommer. Doch in Graubünden schwankt die Arbeitslosenquote weit weniger stark als im Wallis. Und sie tut dies auf deutlich tieferem Niveau.

Wer nach dem Grund für die extremen saisonalen Schwankungen im Wallis sucht, muss die Arbeitslosenzahlen der einzelnen Branchen konsultieren. Das Seco weist zwar keine branchenbezogenen Arbeitslosenquoten aus. Die absolute Zahl der Arbeitslosen pro Branche publiziert es aber sehr wohl. Und diese Zahl schwankt in der Walliser Bauindustrie sehr stark.

Rund 2000 Ausländer und 500 Schweizer schicken die dortigen Baufirmen im Winter in die Arbeitslosigkeit. Im Frühjahr stellen sie die Leute dann wieder an. Sie tun dies zum einen, weil das Bauen im Winter durch das kalte Wetter erschwert ist. Zum andern ist es in touristischen Regionen oft nicht erwünscht, während der Skisaison zu bauen.

Jean-Marc Furrer, Präsident des kantonalen Baumeisterverbands, macht keinen Hehl daraus, dass befristete Verträge im Walliser Bau gang und gäbe sind. Man holt also Ausländer, um sie von Frühling bis Herbst auf der Baustelle arbeiten zu lassen. Im Winter schickt man sie dann auf die Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV). Mit anderen Worten: Die Baufirmen lassen einen Teil ihrer Belegschaft auf Kosten der Allgemeinheit überwintern.

Viele der derzeit stellenlosen Bauarbeiter haben bereits einen Vertrag fürs nächste Frühjahr. Entsprechend schwierig sind sie vermittelbar. Die Regionalen Arbeitsvermittlungszentren könnten folglich argumentieren, wer sich nicht für eine dauerhafte Stelle interessiere, habe auch kein Anrecht auf Arbeitslosengelder. Nicht alle Kantone sind diesbezüglich aber gleich streng. Und das Seco gewährt ihnen einen grossen Handlungsspielraum. Einen Spielraum, den die Walliser zu nutzen wissen.

So gibt es im Wallis eigentliche «Winterprogramme» für Erwerbslose, wie Peter Kalbermatten, Chef der kantonalen Dienststelle für Industrie, Handel und Gewerbe, ausführt. In diesen Programmen würden Velos geflickt und Unterhaltsarbeiten verrichtet.

Kein Saisonnier-Statut mehr

Früher behalfen sich die Baufirmen mit dem Saisonnier-Statut: Sie schickten ihre ausländischen Arbeiter im Winter nach Hause, womit sie die Arbeitslosigkeit exportieren konnten. Seit der Einführung der Personenfreizügigkeit funktioniert dies nicht mehr. Seither haben die nur saisonal eingesetzten Bauangestellten im Winter ein Recht auf Arbeitslosengelder. Jetzt – nach dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative – will ihnen die SVP dieses Recht wieder nehmen, indem sie saisonal beschränkte Arbeitsbewilligungen einführen möchte.

Warum aber schwankt die Arbeitslosenquote im Wallis derart viel stärker als in Graubünden, einem Kanton mit vergleichbaren geografischen und klimatischen Verhältnissen? Peter Kalbermatten führt dies auf die unterschiedliche Wirtschaftsstruktur zurück: «Graubünden hat ein idealeres Verhältnis zwischen Bau- und Gastgewerbe.» Die Bauindustrie sei dort weniger dominant als im Wallis. Dafür beanspruche der Tourismus einen grösseren Anteil an der Gesamtwirtschaft. So könnten Bauarbeiter und Landwirte ihre Winterpause bei den Bergbahnen, in Skischulen oder in Gastrobetrieben überbrücken.

Im Oberwallis kommt dies laut Kalbermatten ebenfalls oft vor. Im Unterwallis hingegen sei der Bau viel dominanter. Da möge der Wintertourismus nicht all die Arbeitskräfte aufnehmen, die in der kalten Jahreszeit frei würden. Kommt hinzu, dass im Unterwallis die Landwirtschaft mit ihrem Reb-, Gemüse- und Früchteanbau ebenfalls viel stärker saisonal ausgerichtet ist als im Oberwallis.

Ohne politische Folgen

Auch in anderen Kantonen beschäftigen Baufirmen im Sommer Ausländer, die sie im Winter der Arbeitslosenkasse überlassen – wenn auch nicht im selben Ausmass wie im Wallis. Das Phänomen hat in den letzten Jahren gesamtschweizerisch deutlich zugenommen.

Politische Folgen hatte dies bis anhin nicht. Zwar hat das Seco anlässlich der letzten Revision des Arbeitslosenversicherungsgesetzes generell geprüft, risikoabhängige Prämien einzuführen. Die Angelegenheit sei aber vielschichtig und eine Umsetzung komplex, sagt Bernhard Weber, Arbeitsmarktexperte beim Seco. Neben den saisonalen Schwankungen müsste man auch andere Risikofaktoren berücksichtigen. Eine erhöhte saisonale Arbeitslosigkeit bedeutet nämlich nicht automatisch, dass eine Branche unter dem Strich von der Arbeitslosenversicherung profitiert. Die Idee risikoabhängiger Prämien ist daher verworfen worden – wohl auch, weil sie politisch heikel ist. So können die Baufirmen ihr saisonales Problem auch weiterhin auf die Arbeitslosenkasse abwälzen – nicht nur, aber vor allem im Wallis.

Zur interaktiven Arbeitslosengrafik

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 17.02.2014, 08:10 Uhr)

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