Über 50 und ohne Job – stimmt die Quote?

Im internationalen Vergleich hat die Schweiz eine sehr tiefe Arbeitslosenquote bei Menschen über 50 Jahren. Doch die offiziellen Zahlen haben einen Haken.

Sozialzentrum Selnau, Zürich: Die Zahl älterer Sozialhilfebezüger steigt in den Städten stetig. Foto: Dominique Meienberg

Sozialzentrum Selnau, Zürich: Die Zahl älterer Sozialhilfebezüger steigt in den Städten stetig. Foto: Dominique Meienberg

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Die Luzerner Schwinger-Zeitung «Schlussgang» fällt etwas aus dem Rahmen. Einerseits erfreut sich das vor zehn Jahren gegründete Blatt entgegen dem Branchentrend ständig steigender Auflage, mittlerweile sind es 10'000 Abonnenten. Andererseits betreibt der Verlag eine ausgefallene Personalpolitik: «Ich möchte als Arbeitgeber Verantwortung übernehmen. Obwohl meine älteren Angestellten etwas teurer sind, habe ich sie wegen ihrer Berufserfahrung und der hervorragenden Arbeitsleistung eingestellt», sagt Beat Reichenbach, geschäftsführender Inhaber der Bewe Medien. Im siebenköpfigen Verlag arbeitet eine 61-jährige Buchhalterin, und ein 50-Jähriger leitet die Administration. Dazu kommen drei Pensionierte im Anzeigenverkauf. «Es kann nicht sein, dass das Rentenalter steigt und gleichzeitig die älteren Arbeitnehmer immer mehr Mühe haben, Arbeit zu finden.»

Grosse Altersdiskriminierung

Reichenbach ist eine löbliche Ausnahme unter den Schweizer Arbeitgebern. «Es gibt keiner zu, dass die Altersdiskriminierung weit verbreitet ist. Die Zahlen sprechen jedoch eindeutig dafür», sagt Norbert Thom, emeritierter Professor für Organisation und Personalmanagement an der Universität Bern. «Die Arbeitgeber rechnen eiskalt, für sie sind ältere Arbeitnehmer meist zu teuer.»

In den Medien werden die Probleme der älteren Arbeitnehmer seit Jahren immer wieder thematisiert: «Über 50, gut qualifiziert – und trotzdem will sie keiner» («Tages-Anzeiger») oder «Über 50-Jährige finden kaum einen Job» («NZZ am Sonntag»). Für Aufsehen sorgte letzte Woche zudem die Analyse des früheren SP-Nationalrats und Preisüberwachers Rudolf Strahm im «Tages-Anzeiger»: Die Einwanderungsinitiative sei durch die 50- bis 59-Jährigen entschieden worden, weil «sie Opfer des Verdrängungseffekts im Arbeitsmarkt sind und sich durch die Rekrutierung von jüngeren Fachkräften im Ausland besonders betroffen fühlen».

Kann das stimmen? Beim Staatssekretariat für Wirtschaft Seco heisst es auf Anfrage, dass die Schweiz im internationalen Vergleich gut dastehe. Einerseits weist die Schweiz europaweit seit Jahrzehnten die höchsten Erwerbsquoten auf – und zwar in allen Alterskategorien. 2004 betrug die Erwerbsquote der 55- bis 64-Jährigen 79,1 Prozent. Zum Vergleich: Dänemark 73,3 Prozent, Deutschland 54,8, Frankreich und Italien 44 oder Österreich 38,6. Für das Jahr 2010 setzte sich die EU damals das bescheidene Ziel, die europaweite Erwerbsquote auf 50 Prozent zu steigern.

Auch die Arbeitslosenzahlen stützen die These von einer hohen oder wachsenden Altersarbeitslosigkeit nicht. Seit dem Jahr 2000 ist die Arbeitslosigkeit bei den 50-Jährigen immer leicht tiefer gewesen als in den übrigen zwei Alterskategorien 15–24 Jahre und 25–49 Jahre. So auch vergangenen Monat: 15–24 Jahre 3 Prozent, 25–49 Jahre 3,4 Prozent und 50 Jahre und mehr 2,8 Prozent.

Das Seco sagt aber auch: «Solche Indikatoren sind eine starke Vereinfachung, womit sie die Arbeitsmarktlage einer Bevölkerungsgruppe immer nur partiell abbilden.» Für die Berechnung der Erwerbsquote wird die Definition der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) verwendet: Erwerbstätige sind Personen im Alter von mindestens 15 Jahren, die während der Referenzwoche mindestens eine Stunde gegen Entgelt gearbeitet haben. «Damit ist die Erwerbsquote nur auf dem Papier sehr hoch. Denn es herrscht gleichzeitig grosse Unterbeschäftigung», sagt Norbert Thom. Diese Erfahrung macht auch Felix Wolffers, Leiter Sozialamt der Stadt Bern: «Bei den Älteren herrschen zunehmend prekäre Arbeitsverhältnisse.» Pascal Scheiwiller, Managing Director beim Schweizer Ableger der Outplacement-Firma Lee Hecht Harrison (LHH), geht davon aus, dass in Zukunft immer mehr ältere Personen Teilzeit und selbstständig werden arbeiten müssen.

«Die Schweiz unterliegt einem massiven Selbstbetrug, weil wir auf die Arbeitslosenstatistik fixiert sind», sagt Felix Wolffers und ergänzt, dass die Erwerbslosenquote bei gewissen Personengruppen ein Mehrfaches der ausgewiesenen Arbeitslosenquote betragen könne. Er beobachtet, wie in Bern und in anderen Städten die Zahl der älteren Sozialhilfebezüger stetig steigt. Gemäss der Sozialhilfestatistik des Bundes nahm der Anteil der 50- bis 64-Jährigen an allen Sozialhilfebezügern von 2004 bis 2012 von rund 13 Prozent auf knapp 16 Prozent zu. Die nationalen Sozialhilfezahlen von 2013 erscheinen erst im Dezember 2014. Dem «Tages-Anzeiger» liegen die neuesten Zahlen für die Städte Zürich und Bern bereits vor: In Bern nahm die Zahl der Sozialhilfebezüger in der Alterskategorie 56–64 Jahre mit 4,9 Prozent am stärksten zu. In Zürich war es die Altersgruppe 46–55 Jahre mit 4,8 Prozent.

Ein weiteres Indiz für die wachsenden Probleme der älteren Arbeitslosen sind die Aussteuerungen. Im vergangenen Jahr waren 27 Prozent der ausgesteuerten Personen über 50 Jahre alt. Und das, obwohl ein Teil dieser Personen (55 Jahre und älter) anstatt der üblichen 400 Taggelder altersbedingt 520 Taggelder beziehen konnte. «Das heisst, sie konnten fast zwei Jahre Arbeitslosengelder beziehen und mussten sich dafür auch mindestens die gleiche Zeit intensiv für eine neue Stelle bemühen – dennoch haben sie am Schluss nichts gefunden», sagt Arbeitsmarktexperte Pascal Scheiwiller.

Seco setzt falsche Prioritäten

Auf der Seco-Website findet sich übrigens eine Rubrik mit dem Namen «Ältere Arbeitnehmer». Dort heisst es: «Die Partizipation der älteren Erwerbstätigen am Arbeitsmarkt wird wegen der demografischen Alterung auch für unser Land immer wichtiger.» Deshalb hätten die Departemente des Innern und der Volkswirtschaft eine Leitungsgruppe eingesetzt, um konkrete Massnahmenvorschläge auszuarbeiten, heisst es weiter. Die entsprechenden Studien können heruntergeladen werden. Sie sind allerdings nicht ganz taufrisch, sie stammen aus den Jahren 2005 und 2006.

Vorgeschlagen wurden damals drei Massnahmen: Vermeidung von Anreizen für einen frühzeitigen Rückzug aus dem Erwerbsleben durch die Sozialversicherungen, Verbesserung der gesundheitlichen Voraussetzungen für die Arbeitsfähigkeit sowie Verbesserung der Wiedereingliederung älterer Arbeitsloser. Wie das Seco erklärt, wurden bis heute vor allem die Elemente betreffend anreizneutrale Sozialversicherungen umgesetzt.

Professor Thom, einer der Mitverfasser der Seco-Studie, findet, dass damals der Bedarf zwar erkannt wurde, aber später die falschen Prioritäten gesetzt wurden: «Kurz darauf kam die Jugendarbeitslosigkeit und verdrängte die Altersdiskriminierung von der politischen Agenda wieder. Das wird der demografischen Herausforderung nicht gerecht.» Doch offenbar konnten Wirtschaft und Politik dieses Problem elegant mit dem Personenfreizügigkeitsabkommen lösen.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 14.05.2014, 07:02 Uhr)

Deutschland

Auf die Alten angewiesen

Der deutsche Arbeitsmarkt ist im EU-Vergleich fit. Das gilt auch für ältere Arbeitnehmer. Auf 6,8 Prozent ist die Arbeitslosenquote gesunken. Von den Menschen über 50 Jahre haben 7,6 Prozent keinen Job. Unter ihnen sind viele, die wegen schlechter Ausbildung oder gesundheitlicher Probleme Mühe haben, eine Stelle zu finden. Volkswirtschaftlich aber steht Deutschland vor einer ganz anderen Herausforderung.

Demnächst gehen mehrere geburtenstarke Jahrgänge in Rente und hinterlassen eine Lücke, welche die deutlich kleinere nachrückende Generation nicht schliessen kann. Deswegen sollen gut ausgebildete Fachleute dazu gebracht werden, so lange wie möglich zu arbeiten. Wie das genau passieren soll, ist jedoch nicht klar. Union und SPD machen sich gerade ­daran, das Rentenalter für einen Teil der Arbeitnehmer auf 63 Jahre zu senken. Die Norm ist 67 Jahre. Gleichwohl hat sich Kanzlerin Angela Merkel jüngst dafür ausgesprochen, es Arbeitnehmern zu erleichtern, auch nach Erreichen des Pensionsalters im Job zu bleiben.
David Nauer (Tages-Anzeiger)

Frankreich

Verfehlte Subventionen

Frankreich zählt zu jenen Ländern Europas, in denen die Alterskategorie ab 50 Jahre zuletzt am meisten unter der Krise gelitten hat. Bei Sozialplänen riskieren auch hier die Senioren am meisten, weil sie als weniger flexibel und als unproduktiver gelten als ihre jüngeren Kollegen. Momentan suchen 761'000 von ihnen einen Job, das sind 12 Prozent mehr als zur selben Zeit im Vorjahr. Die Arbeits­losigkeit (total 10,2  Prozent) wächst in dieser Altersgruppe stärker als in allen anderen. Staatspräsident François Hollande versucht, diesen Trend mit seinem «Generationenvertrag» zu brechen.

Firmen, die einen Jungen einstellen und gleichzeitig einen Senior im Arbeitsprozess behalten, erhalten vom Staat jährlich einen Zuschuss von 4000 Euro – und das während dreier Jahre. Bis Ende 2013 hätte das Anreizsystem 75'000 Neueinstellungen bewirken sollen. Tatsächlich waren es aber knapp 20'000. Nun sinniert François Hollande über eine Justierung des Dispositivs, um die Senioren besser zu schützen.
Oliver Meiler (Tages-Anzeiger)

Österreich

370 Millionen für ältere Menschen

Der neue Rekord ist gerade erst einen Monat alt: 60 Prozent der Österreicher und Österreicherinnen über 50 Jahre arbeiten noch. So viele wie nie zuvor. Arbeiten im Alter? Das war in Österreich lange Zeit unbekannt. Lukrative Früh­pensionen und kaum kontrollierte Invaliditätspensionen machten den frühen ­Austritt aus dem Erwerbsleben attraktiv. Finanzierbar ist das für den Staat allerdings nicht mehr, weshalb die Regierung nun durch schärfere Kontrollen und ­Barrieren bei den Frühpensionen das Pensions­eintrittsalter deutlich anhebt.

Dafür steigt die Arbeitslosigkeit der über 50-Jährigen drastisch an: Im April um 22,2 Prozent innert Jahresfrist. Die Regierung will deshalb in den nächsten drei Jahren 370 Millionen Euro investieren, vor allem in Subventionen für Unternehmen, die ältere Menschen anstellen. Der Staat soll zwischen 30 und 90 Prozent der Löhne und Lohnnebenkosten übernehmen. Pro Jahr könnten so 20'000 Österreicher über 50 einen geförderten Job bekommen.
Bernhard Odehnal (Tages-Anzeiger)

Schweden

Guter Schutz vor Kündigung

Schweden hat traditionell vor allem Probleme mit der Jugendarbeitslosigkeit. Mit 50 Jahren hat man eher einen festen Job als mit 30. In der Altersgruppe der 55- bis 64-Jährigen sind drei von vier Schweden erwerbstätig – ein hoher Anteil im europäischen Vergleich. Die Arbeitslosenquote lag in dieser Gruppe letztes Jahr bei nur 5,1  Prozent. Unter den 20- bis 24-Jährigen suchten 18,6  Prozent eine Arbeit, unter den 24- bis 35-Jährigen waren es 8,1 Prozent – was genau dem Durchschnitt entsprach.

Grund für dieses Phänomen ist zum einen ein wirksamer Kündigungsschutz für ältere Arbeitnehmer. Wenn ein Unternehmen Mitar­beiter entlassen muss, trifft es zuerst diejenigen, die zuletzt eingestellt wurden. Allerdings musste auch der schwedische Wohlfahrtsstaat sparen und hat die Mittel für die Weiterbildung Jobsuchender gekürzt. Arbeitslose ab 55  Jahren suchen im Schnitt etwa 14  Monate nach einer neuen Anstellung, jüngere Kollegen dagegen bleiben nur 3 bis 4 Monate arbeitslos.
Silke Bigalke

(Tages-Anzeiger)

Umfrage

Wird das Problem Arbeitslosigkeit bei den über 50-Jährigen unterschätzt?

Nein, und im Vergleich zum Ausland stehen wir gut da.

 
7.0%

Ja, Altersdiskriminierung wird zu einem zunehmenden Problem.

 
93.0%

1366 Stimmen


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