Wirtschaft

Und er hat es doch getan

Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 07.04.2011 12 Kommentare

Der Präsident der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, hat erwartungsgemäss die Erhöhung des Leitzins um ein Viertelprozent bekannt gegeben. Der Anstieg mag klein erscheinen, seine Bedeutung ist aber gewaltig.

Keine Geldpolitik im Interesse aller: EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hat den erwarteten Zinsschritt vollzogen.

Keine Geldpolitik im Interesse aller: EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hat den erwarteten Zinsschritt vollzogen.
Bild: Keystone

Markus Diem Meier, Chefreporter Wirtschaft Tagesanzeiger.ch/Newsnet

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Der eben kommunizierte Zinsentscheid der Europäischen Zentralbank (EZB) ist schon im Vorfeld weltweit an den Märkten, aber auch in der breiten Öffentlichkeit auf ein ausserordentlich grosses Interesse gestossen. Dies obwohl nach einer Reihe von Hinweisen durch die EZB die nun beschlossene Leitzinserhöhung um ein Viertelprozent auf 1,25 Prozent allgemein erwartet wurde. Tatsächlich hat die Entscheidung von heute eine kaum zu unterschätzende weltwirtschaftliche Bedeutung.

Einmal steht sie für eine Art Schubumkehr. Mit der EZB erhöht zum ersten Mal seit der Finanzkrise eine der grössten Zentralbanken des Westens die Zinsen. Die letzte Zinserhöhung der Zentralbank ist fast drei Jahre alt, sie ist im Juli 2008 von 4 auf 4,25 Prozent erfolgt – als der Ölpreis den Rekordwert von fast 150 Dollar pro Fass erreicht hat. Schon drei Monate später musste die EZB dann im Zuge der verschärften Finanzkrise eine Schubumkehr vornehmen: Vom Oktober 2008 bis zum Mai 2009 hat sie den Leitzins um 3,25 Prozent auf 1 Prozent gesenkt und ihn seither auf dem tiefsten Niveau der Euro-Geschichte belassen.

Wirkung auf Dollar, Franken und Schweizer Hypozinsen

Zum ersten Mal in der Euro-Geschichte erhöht die EZB die Zinsen sogar vor der amerikanischen Zentralbank Federal Reserve. Schon die Erwartung des Anstiegs hat dem Euro gegenüber dem Dollar und gegenüber dem Schweizer Franken in den letzten Wochen Schub verliehen. In der Schweiz dürfte der Zinsschritt vor allem bei Hausbesitzern auf besondere Beachtung stossen, die sich bei der Finanzierung ihrer Hypotheken zu sehr auf ein länger anhaltendes tiefes Zinsniveau eingestellt haben. Denn der Zinsschritt in Europa macht einen baldigen Nachzug der Schweizerischen Nationalbank hoch wahrscheinlich.

Bedeutsam ist der Schritt der EZB aber auch vor dem Hintergrund der Euro-Krise, die zeitgleich die nächste Eskalationsstufe erreicht hat. Gestern hat Portugal – entgegen allen bisherigen Beteuerungen, aber entsprechend allen Markterwartungen – um Hilfe aus dem Euro-Rettungsfonds nachgesucht. Im Fall von Griechenland beginnt man sich laut Medienberichten – die natürlich wie so oft sofort dementiert wurden – auch beim IWF und bei der EU auf einen Staatsbankrott einzurichten. Und selbst Irland kommt wegen seiner Banken unter zusätzlichen Druck. Zwar hat der Euro heute Morgen sowohl gegenüber dem Dollar, wie gegenüber dem Franken der Meldung zu Portugal etwas nachgegeben. Aber die Zinserhöhung bleibt für die Devisenmärkte der dominierende Einflussfaktor.

Für die einen zu hoch, für die anderen zu tief

Der Zinsschritt wirft schliesslich erneut ein grelles Licht auf das Grundproblem der Währungsunion: Eine für alle Länder angemessene Geldpolitik ist nicht möglich. Die EZB begründet ihren Zinsschritt mit der Tatsache, dass die durchschnittliche Inflation im Euroraum im März bereits auf 2,6 Prozent angestiegen ist – das sind bereits 0,6 Prozent mehr, als sie gewöhnlich zu akzeptieren bereit ist. Doch der Durchschnittswert verdeckt die grundlegend unterschiedlichen konjunkturellen Voraussetzungen in den Mitgliedsländern. Deutschlands Wirtschaft brummt auf Hochtouren. Der Chefökonom der Commerzbank hält daher in der «Financial Times» zu Recht fest, dass die frühere Bundesbank die Zinsen schon früher und höher angehoben hätte.

Doch während die Leitzinsen für Deutschland trotz dem Anstieg noch immer zu tief sind, sind sie Gift für die in der konjunkturellen Krise verharrenden Euroländer der Peripherie. Dass dies nichts mit der typischen Eigenart der Länder zu tun hat, zeigt die jüngste Geschichte. Denn in den ersten Jahren des letzten Jahrzehnts war es gerade umgekehrt. Die Zinsen waren für die damals boomenden Länder Spanien, Irland und Griechenland zu tief – was die Übertreibungen dort noch befeuert hat – und für das damals als «kranker Mann Europas» bezeichnete Deutschland zu hoch. Das hat dort die Lohnzurückhaltung erzwungen, die das Land – neben dem billigen Euro – heute besonders wettbewerbsfähig macht.

Das historische Vermächtnis

Während eine für alle passende Geldpolitik nicht möglich ist, bleibt doch die Entscheidung, wo denn die Prioritäten gesetzt werden sollen. Die EZB setzt sie – in der Tradition der Deutschen Bundesbank – fast vollständig auf die Inflationsbekämpfung. Das hat viel mit ihrer Geschichte zu tun, denn anfänglich war die Sorge vor allem bei den Deutschen sehr gross, die Europäische Zentralbank könnte – ganz nach dem Vorbild Italiens mit ihrer Lira – bei jedem wirtschaftlichen Problem auf die Geldpresse zurückgreifen. Nichts war und ist daher der noch immer jungen Zentralbank wichtiger, als das Gegenteil zu beweisen. Koste es für die Länder mit Konjunkturproblemen, was es wolle.

Genau genommen gelingt es auch der EZB seit der Finanzkrise nicht mehr, die Wirtschaft entsprechend ihren eigenen hehren und strengen Stabilitätsprinzipien mit Geld zu versorgen. Wenn der Zusammenbruch des Bankensystems droht, werden die üblichen Instrumente jeder Zentralbank wirkungslos. Denn die Finanzhäuser sind die unverzichtbaren Vermittler von Zentralbankgeld. Sind sie vom Untergang bedroht, funktioniert der ganze sogenannte «Transmissionsmechanismus» des Geldes nicht mehr. Die EZB kommt daher bis heute nicht darum herum, gefährdete Finanzhäuser grosszügig mit Geldspritzen vor dem Untergang zu bewahren.

Die Aussage dazu, wie die EZB hier weitermachen will, hat daher neben dem Zinsentscheid selbst ebenfalls eine grosse Bedeutung. In ihrer ersten Pressemitteilung hat sich die Zentralbank hierzu noch nicht ausgelassen. Mehr Klarheit wird von der Pressekonferenz mit dem Chef der Zentralbank, Jean-Claude Trichet um 14.30 Uhr erwartet.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.04.2011, 13:59 Uhr

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12 Kommentare

Fabian Natus

07.04.2011, 16:25 Uhr
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Bitte studieren sie doch als Reporter wieder einmal den Genitiv.
z.B.
entgegen allen bisherigen Beteuerungen, aber entsprechend allen Markterwartungen.
sollte doch heissen:
entgegen *aller* bisherigen Beteuerungen, aber entsprechend *aller* Markterwartungen.
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Carlo Schnydrig

07.04.2011, 14:57 Uhr
Melden 13 Empfehlung

Und wo bleiben die geliehenen Milliarden bei einem Staatsbankrott Griechenlands? Der IWF und die EU glauben selbst nicht mehr an die Rettung. Im Spiel sind natürlich auch die namhaften Beträge der CH. Zuerst Gewährung der Milliarden und päter Verlust?? Wo bleibt hier die Weitsicht und das Beurteilungsvermögen der "klugen" Politik und Finanzgenies? Der Steuerzahler muss es erneut richten!!! Antworten



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