Wirtschaft
«Und in welche Altersheime sollen diese 400'000?»
Von Matthias Chapman. Aktualisiert am 23.05.2011 413 Kommentare
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«Wenn man das weiterdenkt, braucht es ein immerwährendes Wachstum, denn die, die einwandern, werden auch alt und so weiter. Aber ein ewiges Wachstum wird es nicht geben», schreibt ein Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Leser zur Debatte über einen möglichen Arbeitskräftemangel. Er trifft damit den Kern der weit über 200 Kommentare auf den Bericht über die Studie von Travailsuisse. Diese kam zum Schluss, dass der Schweiz bis 2030 rund 400'000 Arbeitskräfte fehlen könnten. Auch ein anderer Leser fragte kritisch nach: «Und in welche Altersheime sollen diese 400'000 Fachkräfte, wenn sie denn vielleicht auch einmal alt werden sollten?» Hinterfragt wird der Sinn einer grosszügigen Einwanderungspolitik, auch wenn damit die Wirtschaft wächst und das Bruttoinlandprodukt zulegt.
Die Angst vieler Leser geht dahin, dass man wohl den grössten Teil der neu benötigten Arbeitskräfte im Ausland rekrutieren will. «Ich hoffe, die Studie geht noch einige Jahre weiter und vermag aufzuzeigen, dass durch die 400’000 fehlenden Arbeitskräfte, die man am liebsten wohl im Ausland rekrutieren möchte, wieder weitere 200’000 benötigt werden, um deren Pflegeaufwand zu decken.»
Teure Schweizer vs. billige Ausländer
Als Opfer dieses Systems müssten die «teuren» Schweizer Arbeitskräfte herhalten, schreiben viele Leser. Hiesige Leute kriegten schon mit 50 Jahren Probleme, einen Job zu finden. «Mit 40+ wird es teilweise schon sehr schwierig, eine Anstellung zu finden, mit 50+ fast aussichtslos. Es werden eben billigere Kräfte angeworben - so einfach ist es.» Ein anderer Leser sagt es so: «Solche Aussagen dienen doch nur dazu, dass man billigere Arbeitskräfte aus dem Ausland holen kann und natürlich auch um die Löhne im Land zu drücken.» Um dieses Szenario zu verhindern, oder aber zumindest abzudämpfen, verlangen die Gewerkschaften in den flankierenden Massnahmen zur Personenfreizügigkeit Mindestlöhne und schärfere Lohnkontrollen.
Auch Lösungsvorschläge kommen von den Lesern. «Wenn es eine bezahlbare Ganztages-Kinderbetreuung, Blockzeiten in den Schulen und keine steuerliche Benachteiligung Verheirateter gäbe, würden sicher mehr Frauen arbeiten.» Genau dahin steuert laut einem Bericht der «SonntagsZeitung» auch Bundesrat Johann Schneider-Ammann. Er will vermehrt Frauen zurück in den Arbeitsprozess holen. Doch dazu müssten wohl auch die finanziellen Anreize grösser sein.
Ältere Menschen im Arbeitsprozess halten
Viele Leser setzen bei der Rentendebatte den Schwerpunkt: «So lange unsere Lebensarbeitszeit abnimmt, aber die Lebenserwartung zunimmt, wird auch der Arbeitskräftemangel zunehmen.» Und die Lösung sähe dann so aus: «Das AHV-Alter soll abgeschafft und eine Möglichkeit zur freiwilligen Pensionierung eingeführt werden. Der Arbeitsmarkt verliert laufend motivierte, höchst kompetente und bestens ausgebildete Fachkräfte - und das nur, weil auf einem Papier eine Zahl steht.»
Die fast unglaublich hohe Zahl von 400'000 fehlenden Arbeitskräften lässt auch manch einen Leser skeptisch nachfragen: «Der Bundesrat hat nicht vorausgesehen, wie hoch die Einwanderung nach Einführung der Personenfreizügigkeit sein würde, und jetzt operiert er mit Prognosen auf 20 Jahre. Sehr seriös», so ein zynischer Kommentar. Die Debatten um grobe Fehleinschätzungen in der jüngsten Zeit lassen grüssen: «Sich so massiv bei Schengen-Dublin, der 11. AHV-Revision und der Unternehmenssteuerreform in einem Zeithorizont von nicht einmal 10 Jahren zu verrechnen und dann versuchen, 20 Jahre nach vorne zu blicken, überzeugt mich beinahe.»
Sich gegenseitig die Fachkräfte abjagen
Schliesslich wagen einige Leser auch den Blick über die Landesgrenzen hinaus. Ist es richtig, wenn man fehlende Fachkräfte einfach aus dem Ausland bezieht? Diese Länder finanzieren die teure Ausbildung und haben danach nur den Schaden im eigenen Land. Nämlich weil wiederum dort die Fachkräfte fehlten. «Die in Deutschland ausgebildeten Ärzte arbeiten in Norwegen, London, Florida oder der Schweiz. Die deutschen Krankenhäuser rekrutieren Ärzte aus Polen, Tschechien und den baltischen Staaten», vermerkt ein kritischer Leser. Und folgert: «Es ist höchste Zeit, dass diese moderne Form der Völkerwanderung ein Ende hat. Niederlassungsfreiheit ist das Eine, politische Verantwortung für die Steuerung des eigenen Arbeitsmarktes das Andere.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 23.05.2011, 11:58 Uhr
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413 Kommentare
Jahrelang wurden gut ausgebildete Arbeitskräfte frühzeitig in den Ruhestand geschickt, gleichzeitig wurde "optimiert", sprich rationalisiert und Löhne gedrückt. Dann wurde der Numerus clausus eingeführt, so dass gezielt qualifizierte Arbeitskräfte fehlten. Mit diesem Argument wurde dann das Volk in Angst und Schrecken versetzt um die Wahlen für die Personenfreizügigkeit zu gewinnen. Top Strategie Antworten
Das Wachstum bringt gemäss letzten Studien dem Mittelstand nichts. Allenfalls Reallohnverluste. Die Frage sei erlaubt: Weshalb dann immer noch mehr Arbeitsplätze in die Schweiz holen? Firmen mit Dumping-Steuern und deren Manager mit Steuergeschenken in die Schweiz locken? Damit wir möglichst bald den 10 millionsten Einwohner feiern können? Da läuft doch was gewaltig schief... Antworten
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