«Ungleichheit ist nicht per se gefährlich»

US-Ökonom Daron Acemoglu hält Institutionen für den Faktor, der über den Erfolg von Staaten entscheidet.

«Menschen reagieren auf Anreize und sich bietende Chancen»: Daron Acemoglu ist Professor am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge.

«Menschen reagieren auf Anreize und sich bietende Chancen»: Daron Acemoglu ist Professor am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge. Bild: Keystone

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Normalerweise untersuchen Ökonomen die Gründe des Erfolgs. Warum interessieren Sie sich für das Versagen von Staaten?
Der Titel: «Warum Nationen versagen» tönt besser als «Warum Nationen Erfolg haben». Aber ernsthaft: In der Geschichte der Menschheit kommt das Versagen von Nationen sehr viel häufiger vor. Deshalb braucht es eine Erklärung dafür.

In der weltweiten Wirtschaftskrise nimmt das Versagen zu.
Ökonomisch gesehen stimmt das nicht. Immer mehr Staaten gelingt es, ihre Bürgerinnen und Bürger aus absoluter Armut zu befreien. Was mich jedoch empört, ist die Tatsache, dass in der reichen, globalisierten Weltwirtschaft immer noch so viele Menschen am Rande des Abgrunds leben und dass wir immer noch Hungerkatastrophen, Bürgerkriege und Genozide haben.

Traditionell gibt es drei Gründe dafür. Erstens: die Geografie.
Geografie kann erklären, warum die Menschen nach Südfrankreich und nicht in die Arktis in die Ferien fahren, aber nicht, warum ein Land erfolgreich ist. Zivilisationen sind unter allen geografischen Bedingungen entstanden, und es gibt überhaupt keine Beweise, dass bestimmte geografische Begebenheiten den wirtschaftlichen Erfolg fördern. Nehmen Sie die Beispiele von Ost- und Westdeutschland vor der Wiedervereinigung oder Nord- und Südkorea heute.

Was ist mit dem Klima als Erfolgsfaktor?
Nordeuropa ist heute erfolgreicher als Südeuropa. Zu Zeiten des Römischen Reiches war es umgekehrt. Das Klima kann nicht entscheidend sein. In Singapur und Hongkong wird es sehr heiss. Trotzdem boomen diese Stadtstaaten.

Als dritter Grund wird oft die Kultur genannt. Was ist davon zu halten?
Wenn man darunter Rasse oder Religion versteht, dann trifft auch dies nicht zu. Vor 50 Jahren hat man ernsthaft erklärt, der Konfuzianismus verhindere wirtschaftliches Wachstum. Das hört man heute selten. Wenn man Kultur jedoch weit genug definiert und die Einstellung zu Institutionen dazurechnet, dann ist sie ein gewichtiger Faktor: Man kann sich keine funktionierenden Institutionen ohne Kultur vorstellen.

Immobilienhändler repetieren, die Lage, die Lage und nochmals die Lage sei entscheidend. In Ihrem Buch wiederholen Sie: Institutionen, Institutionen und nochmals Institutionen sind entscheidend für das Schicksal einer Nation. Warum?
Das ist schlicht wirtschaftliche Logik. Menschen reagieren auf Anreize und sich bietende Chancen. Diese werden nicht mit abstrakten Vorstellungen und Werten geschaffen, sondern von konkreten Institutionen: Diese bestimmen, was belohnt und was bestraft wird.

Ökonomische Institutionen sind aber in die Politik eingebunden.
Es braucht die politischen Institutionen, um einen Ausgleich zwischen Gewinnern und Verlierern zu schaffen. Deshalb sind nicht nur die Institutionen an sich wichtig, sondern auch ihr Verhältnis zur Politik.

Sie unterscheiden zwischen inklusiven Mechanismen und extraktiven. Das tönt sehr abstrakt.
Die extraktiven Mechanismen sind leicht zu verstehen. Sie dienen dazu, die Mehrheit der Menschen zugunsten einer kleinen Elite auszubeuten. Der schlimmste extraktive Mechanismus ist die Sklaverei. In einer Sklavengesellschaft gibt es für die Mehrheit der Menschen keine Eigentumsrechte, keinen Rechtsstaat und keine öffentlichen Schulen. Talent und Leistung sind bedeutungslos.

Warum haben in der Geschichte extraktive Mechanismen dominiert? Anders gefragt: Warum haben es inklusive Mechanismen so schwer, sich durchzusetzen?
Extraktive Mechanismen sind sehr beständig und nur schwer zu überwinden. Selbst wenn es mit einer Revolution gelingt, die alten Sklavenhalter zu besiegen, greifen die Sieger rasch auf die bestehenden extraktiven Mechanismen zurück, um sich selbst als Elite zu etablieren und an der Macht zu halten.

Können anständige Menschen diesen Teufelskreis nicht sprengen?
Das tönt mir zu moralisch. Anstand und Charakter allein genügen nicht. Aber ich bestreite auch nicht, dass es Botswana relativ gut geht, weil es das Glück hatte, gute und anständige Führer zu haben. Aber Anstand kann sehr relativ sein.

Wie meinen Sie das?
König Leopold von Belgien war einer der schlimmsten Diktatoren in Afrika und beutete den Kongo gnadenlos aus. In Belgien selbst hatte er keinen schlechten Ruf und galt als ganz anständig. Hier sehen Sie geradezu exemplarisch, wie wichtig Institutionen sind. König Leopold war in Belgien kein besserer Mensch als in Afrika. Aber er konnte seine Bösartigkeit nicht ausleben, weil er von Institutionen daran gehindert wurde.

Haben die Europäer mit dem Kolonialismus die extraktiven Mechanismen nach Afrika gebracht?
Was den Kolonialismus betrifft, gibt es zwei fundamentale Fehleinschätzungen: Konservative behaupten, Kolonialismus sei eine gute Sache und habe Religion und Zivilisation zu Wilden gebracht. Sie wären erstaunt, weil viele Menschen auch heute noch in den Vereinigten Staaten dieser Ansicht frönen.

Kiplings Theorie von der «Bürde des weissen Mannes» gewissermassen.
Genau. Es gibt aber auch bei den Linken ein fatales Missverständnis. Es lautet: Alle Probleme Afrikas sind die Folgen des Kolonialismus. Aber Afrika war zur Zeit, als die Europäer kamen, ein grauenhafter Ort, ein wirklich grauenhafter Ort. Es war technisch unterentwickelt, und wenn es überhaupt so etwas wie Staaten gab, dann waren sie extrem diktatorisch. Natürlich hat der Kolonialismus das alles noch schlimmer gemacht, indem er sich die extraktiven Mechanismen und Institutionen zunutze gemacht hat.

Seit rund einem halben Jahrhundert ist die Ära des Kolonialismus vorbei.
Es wäre naiv anzunehmen, dass danach sofort eine freie Gesellschaft mit inklusiven Mechanismen hätte entstehen sollen. In den letzten 50 Jahren ist es Afrika sehr schlecht gegangen, weil es unter miserablen Führern gelitten hat. Es wurden kaum Versuche unternommen, eine zivilisierte Gesellschaft mit inklusiven Institutionen aufzubauen.

Jetzt scheint Afrika allmählich die Kurve zu kriegen.
Das hat einen banalen Grund: Afrikas Rohstoffe sind so begehrt wie noch nie. Das sorgt für wirtschaftliches Wachstum. In der Vergangenheit hat der Rohstoff-reichtum auch zu Verteilkämpfen und Bürgerkriegen geführt. In dieser Hinsicht hat Afrika Fortschritte gemacht. Es gibt allmählich eine staatliche Gewalt, die Regeln durchsetzt. Damit erhält auch eine geregelte Marktwirtschaft eine Chance.

Und die politischen Institutionen?
Es entwickeln sich erste Formen von Pluralismus. Aber es ist noch zu früh, darüber zu urteilen.

Gescheiterte Staaten gibt es in unserer Vorstellung vor allem in Afrika. Aber was ist mit Griechenland? Können auch westliche Staaten so versagen?
Griechenland hat den Übergang zu einer modernen Demokratie nicht geschafft. Noch in den 70er-Jahren war es eine Militärdiktatur. Jetzt rächt es sich, dass man beim EU-Beitritt nicht dafür gesorgt hat, dass die politischen Institutionen erneuert oder geschaffen wurden. Bei östlichen Staaten wie Polen oder Tschechien war dies der Fall. Darum sind sie heute auch die Erfolgsgeschichten in Europa.

Selbst in den modernsten Staaten hat die Ungleichheit des Reichtums extrem zugenommen. Besteht die Gefahr eines Comebacks von extraktiven Institutionen?
Diese Gefahr besteht tatsächlich, aber mit einem Vorbehalt: Wirtschaftliche Ungleichheit ist nicht per se gefährlich, wenn sie richtig gemanagt wird und solange sie mit den Grundwerten einer Gesellschaft im Einklang ist. Es gibt in dieser Frage grosse Unterschiede zwischen den Ländern. Was in den USA akzeptiert wird, ist etwa in Schweden völlig inakzeptabel.

Wann wird es gefährlich?
Wirtschaftliche Ungleichheit hat meistens einen Begleiter, die politische Ungleichheit. Auch in den USA. Heute besteht das Problem darin, dass die Chancengleichheit schwindet. Wer arm geboren wird, hat kaum mehr eine Chance aufzusteigen. Gleichzeitig haben die Politiker aufgehört, auf den sprichwörtlichen Mann von der Strasse zu hören. Sie orientieren sich fast nur noch am Geld. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 17.11.2012, 18:44 Uhr)

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Daron Acemoglu

Der 45-Jährige ist Professor für Ökonomie am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge USA. 2005 ist ihm die John Bates Clark Medal verliehen worden, die wichtigste ökonomische Auszeichnung nach dem Nobelpreis. Daron Acemoglu hat mit James A. Robinson dieses Jahr das viel beachtete Buch «Why Nations Fail» veröffentlicht.

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