Wirtschaft

Unser Freund, der Spekulant

Von David Vonplon. Aktualisiert am 11.05.2010 121 Kommentare

Nicht Zocker, sondern Politiker sind schuld an der Euro-Krise. Wenn die Mächtigen Europas ankündigen, der Spekulation das Handwerk zu legen, ist deshalb grösste Vorsicht geboten – ein Analyse von Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Reporter David Vonplon.

Wem wird hier der Krieg erklärt?: Händler an der Börse Frankfurt prosten sich zu.

Wem wird hier der Krieg erklärt?: Händler an der Börse Frankfurt prosten sich zu.
Bild: Reuters

Umfrage

Nicht Zocker, sondern Politiker sind schuld an der Euro-Krise. Sind Sie auch dieser Meinung?

Ja

 
75.4%

Nein

 
24.6%

1343 Stimmen


Artikel zum Thema

«Kein Wunder, sind die Spekulanten den EU-Mächtigen ein Dorn im Auge»: Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Reporter David Vonplon.

An ein Wolfsrudel erinnere ihn das Verhalten der Spekulanten, sagte der schwedische Finanzminister Anders Borg am Sonntag. Die EU war eben dabei, das grösste Rettungspaket ihrer Geschichte zu schnüren. Gebiete man dem Treiben keinen Einhalt, würden diese Zocker schwächere Länder zerreissen. Von «einer weltweit orchestrierten Attacke gegen den Euro» sprach derweil der Premier Luxemburgs Jean Claude Juncker. Und der französische Präsident Nicolas Sarkozy kündigte an, die Spekulation «ohne Gnade» zu bekämpfen. Er sprach von einer «absoluten Generalmobilmachung» gegen die Zocker.

Mit ihrer rhetorischen Kraftmeierei können sich EU-Spitzenpolitiker eines sicher sein: Der Zustimmung der breiten Bevölkerung. Denn längst hat das Schimpfen gegen die Spekulanten die Stammtische quer durch Europa erreicht – und das macht sich die Politik zu Nutze. Wenn sie gegen die bösen Marktkräfte zu Felde zieht, richtet sich der Volkszorn nicht gegen sie, sondern gegen diese angeblich rein profitsüchtige Spezies ohne moralisches Gewissen.

Spekulanten sagen die Wahrheit

Nur: Wem wird da eigentlich der Krieg erklärt? Und: Was soll so schlimm daran sein, wenn Menschen nicht gut finden, was eine Regierung tut und ihr Geld darauf verwetten, dass es schief geht? «Spekulanten werden nur gehasst, weil sie die Wahrheit sagen», schrieb der deutsche Volkswirtschaftler Hans-Peter Burghof kürzlich in einem Essay im «Spiegel». Die Zocker versuchten die Welt zu sehen, wie sie sei, und nicht, wie wir sie gern hätten. Doch das mögen wir nicht und darum zeigen wir mit dem Finger auf sie: Denn sonst könnte irgendjemand auf die dumme Idee kommen, man sei selbst mit schuld, so Burghof.

Wenn gegen das Treiben der Spekulanten gewettert wird, legen die meisten Ökonomen die Stirn in Falten. Schlicht als «Blödsinn» bezeichnet der Basler Makrökonomie-Professor Peter Kugler dieses Gerede. Für seine Zunft steht ausser Zweifel, wer das teure Euro-Schlamassel zu verantworten hat: Es sind die Regierungen der Schuldenstaaten – und nicht die Marktkräfte. Letztere nehmen vielmehr die Rolle eines Rauchmelders ein. Sie zeigen auf, wo Feuer ist. Sie sind nicht Ursache der Krankheit, an der die EU leidet, sondern Symptom. Man könnte auch sagen: Gesund wird die EU nur dann, wenn sie ihre Fiskalpolitik ändert.

Zocker sind Politikern lästig

Darum ist es falsch, wenn EU-Bürger nun ihren Hass auf die Spekulanten projizieren. Denn: Was wäre passiert, wenn die Märkte nicht auf die Haushaltsprobleme von Schuldenstaaten wie Griechenland reagiert hätten? Aller Wahrscheinlichkeit nach: Gar nichts. Die Regierung in Athen hätte weiter über ihre Verhältnisse gelebt. Und die reicheren EU-Länder hätten weggeschaut. So, wie sie es bisher getan haben und die Schummeleien Griechenlands zur Umgehung der Maastricht-Kriterien akzeptierten. Nicht zuletzt auch weil die Spekulanten die hässliche Wirklichkeit ans Tageslicht gezerrt haben, wird das künftig anders sein.

Wenn die Mächtigen Europas ankündigen, der Spekulation das Handwerk legen zu wollen, ist also Vorsicht geboten: Denn freilich ist es ihnen ein Dorn im Auge, wenn die Zocker sie zwingen, ihre Hausaufgaben zu machen und der Lotterwirtschaft abzusagen. Auch ohne die Märkte wäre Griechenland in die Schuldenfalle getappt. Wohl Monate oder Jahre später zwar. Aber dann wäre es allenfalls zu spät gewesen, um einen Rettungsschirm aufzuspannen. Die Falle wäre endgültig zugeschnappt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.05.2010, 11:44 Uhr

121

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

121 Kommentare

Heinz Schuler

11.05.2010, 12:29 Uhr
Melden

Wenn noch ein Journalist behauptet, er/sie wüsste wer "Schuld" sei an der Wirtschaftskrise, geht mir echt der Hut hoch. Als ob man für so ein Phänomen ein einzelnen Schuldigen finden könnte. Sicher haben die Regierungen Fehler gemacht, und es ist gut, wenn sie aufgezeigt werden. Aber dort jetzt die Alleinschuld zu verorten (und dann noch so eine alberne Umfrage dazu zu machen) ist mir zu dumm. Antworten


Rik Müller

11.05.2010, 12:29 Uhr
Melden

Herr Vonplons Theorie hinkt dahingehend, dass die Arbeit des Spekulanten sich darauf beschränkt, auf Scheitern oder Gelingen zu setzen, oder in seinen Worten ausgedrückt, "Geld darauf zu verwetten, dass es schief geht." Genau dies hilft, aktive Beiträge zu Gunsten der Allgemeinheit zu behindern. Und Herr Vonplon findet das gut? O tempora, o mores! Antworten



Wirtschaft

Populär auf Facebook Privatsphäre