Verkehrte Welt

Da packt einer die Keule aus und keiner duckt sich weg: So muss man die Reaktion nach dem EZB-Entscheid werten. Oder: Warum blieb ein erneuter Frankenschock aus?

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Es war ein dickes Paket, das die EZB gestern schnürte: 0,00 Prozent Leitzinsen, verschärfte Negativzinsen und eine Erhöhung des Anleihenkaufprogramms. Kein Wunder, verteuerte sich der Franken kurz nach der Ankündigung des obersten europäischen Währungshüters deutlich. Doch das war nur vorläufig, es folgte eine massive Abschwächung bis zwischenzeitlich auf über 1.10 Franken.

Was hätte eigentlich passieren sollen?
Die Massnahmen der EZB sollen den Euro abschwächen und die Inflation ankurbeln. Denn vom Teuerungsziel von 2 Prozent ist der Euroraum derzeit meilenweit entfernt. Es gibt gar Deflationstendenzen. So sagte EZB-Chef Mario Draghi auch: «Wir werden nicht vor der niedrigen Inflation kapitulieren.» Erwartbar wäre gewesen, dass sich der Franken im Vergleich zum Euro durch die Massnahmen deutlich verteuert. Genau das passierte auch gestern um 13.45 Uhr. Vor Bekanntgabe des EZB-Entscheids lag der Preis für 1 Euro bei 1,0950 Franken. Dann wertete sich der Franken auf – bis auf 1,0903. Was dann folgte, war genau das Gegenteil der Erwartungen.

Warum blieb eine deutliche Aufwertung des Frankens aus?
Zwar waren die Massnahmen der EZB ein deutliches Zeichen an die Finanzmärkte, dass Frankfurt bereit ist, schweres Geschütz aufzufahren, um das Wachstum anzukurbeln und die Preise stärker steigen zu lassen. Doch viele – wenn auch nicht alle – Massnahmen waren bereits erwartet worden. So drehte der Franken innerhalb von rund zwei Stunden nach Ankündigung. Schlagartig verpufften die Gewinne. Doch auch Experten ringen mit Erklärungsversuchen. Vielleicht trifft hier der legendäre Spruch des Ökonomen John Maynard Keynes an die Adresse von Händlern zu: «Die Märkte können länger irrational bleiben als du solvent.»

Hat die EZB nun ihr Pulver verschossen?
Bereits vor dem gestrigen Entscheid waren die Zinsen auf einem historischen Tief gewesen. Nun erreicht der Leitzins mit 0 Prozent ein neues Tief. Und Draghi machte bereits klar: «Die Zinsen werden für eine sehr lange Zeit niedrig bleiben.» Ausserdem kann die EZB die Märkte mit noch mehr Geld fluten. Die Anleihenkäufe wurden gestern auf monatlich 80 von bisher 60 Milliarden Euro aufgestockt. Auch Unternehmensanleihen werden künftig aufgekauft. Insgesamt erhöht sich damit der Umfang des Programms auf 1,74 Billionen Euro bis Ende März 2017. Bisher waren es 1,5 Billionen Euro. Man habe noch einiges «im Köcher», sagte der EZB-Chef. Dass diese Warnung ernst genommen werden muss, meinen viele Beobachter. Auch Klaus Wellershoff, ehemaliger UBS-Chefökonom, sagte: «Im globalen Vergleich hat die EZB bis vor kurzem die vorsichtigste Geldpolitik betrieben.»

Muss die SNB nun reagieren?
Nicht unbedingt. Denn die Abschwächung des Frankens nimmt Druck von der SNB. Die Notenbank interveniert bereits am Devisenmarkt, kauft andere Währungen und wirkt somit abschwächend auf den Franken. Die Schweizer Währungshüter werden «den Wechselkurs in den Mittelpunkt stellen», sagte UBS-Ökonom Alessandro Bee. Daher erwarten viele Ökonomen, dass die SNB bei der nächsten vierteljährlichen Lagebeurteilung kommenden Donnerstag ihren Strafzins nicht erneut auf –1 Prozent verschärfen wird. Bei einer nachhaltigen Aufwertung des Frankens sähe die Ausgangslage für Thomas Jordan und das SNB-Direktorium anders aus. (spu)

(Erstellt: 11.03.2016, 10:15 Uhr)

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