Versager oder zufällige Helden?

SerieIm zweiten Teil unserer Serie «Ökonomie in der Krise» erklärt der Basler Professor Yvan Lengwiler, warum es Astrologen einfacher haben als Ökonomen.

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Der Begriff «Ökonom» hatte schon bis anhin bei manchen Mitmenschen einen schalen Beigeschmack: «Das sind doch die, die glauben, dass alle Egoisten sind und die Armen einfach zu faul zum Arbeiten, oder?» Die Missgunst schlägt uns Ökonomen zurzeit noch etwas offener entgegen als auch schon. Bei manchen Zeitgenossen ist «liberal» oder gar «neoliberal»ein Schimpfwort ähnlich wie «Abzocker» oder gar «Faschist».

Dabei scheint es sich primär um eine Verwechslung zweier Dinge zu handeln: Die Wirtschaft steckt in der Krise, das ist unbestritten. Aber heisst das, dass die Wissenschaft, die sich mit der Wirtschaft befasst, auch in der Krise steckt?

Helden durch Zufall

Man wirft den Ökonomen vor, sie hätten die Krise nicht vorausgesehen. Stimmt. Fast kein Ökonom hat diese Krise kommen sehen (und es gibt immer solche, die demnächst eine Krise kommen sehen – das sind dann zufälligerweise die Helden, wenn sie tatsächlich eintritt). Der Grund dafür ist, dass Krisen sehr, sehr schwierig vorauszusehen sind. Überhaupt ist die Wirtschaftswissenschaft für die Prognose kaum zu gebrauchen. Das liegt daran, dass unser Studienobjekt ausserordentlich komplex ist – viel komplexer beispielsweise als das physische Universum. Planetenbahnen zu prognostizieren, ist ein Kinderspiel im Vergleich zur Prognose des Wechselkurses oder des Bankrotts einer Firma.

Man wirft den Ökonomen auch vor, dass die Marktwirtschaft oder, etwas klassenkämpferischer, der Kapitalismus versagt hat. Dabei verkennt man, dass wir längst in einem gemischten System leben. Der Staat ist in allen Volkswirtschaften — auch in den kapitalistischen — einer der grössten Wirtschaftsakteure. Er tätigt einen bedeutenden Anteil aller Ausgaben und führt über mehrere Methoden Umverteilungen zwischen seinen Bürgern herbei.

Doch auch die sogenannt freie Wirtschaft ist bei weitem nicht so frei, wie man sich das vielleicht vorstellt. Insbesondere die Banken sind – zu Recht – ausserordentlich umfangreich reguliert und überwacht. Wenn das System versagt hat, dann ist es eben nicht «der reine Markt» der versagt hat, sondern ebenso sehr die Regulierung der Banken. Sicher gibt es Marktversagen. Das Studium der Funktionsweise von Märkten und weshalb sie eben manchmal nicht funktionieren, gehört zu den Schlüsselkompetenzen der Wirtschaftswissenschaft. Aber wir stellen eben häufig fest, dass es nicht nur Marktversagen gibt, sondern, mindestens so häufig, auch Staatsversagen.

Von Ärzten, Autoverkäufern und Drogendealern

Wozu sind denn die Ökonomen gut, wenn sie die Gesellschaft nicht auf derartige Stürme wie die neueste Finanzkrise vorbereiten können? Die Wirtschaftswissenschaft befasst sich mit den Mechanismen, welche Gesellschaften hervorgebracht haben, die zum Austausch von Gütern und Leistungen dienen. Das Feilbieten der Waren, wie man es auf einem Marktplatz beobachten kann, hat sich in der Geschichte der Menschheit als ausserordentlich leistungsfähiges System etabliert. Es vollführt genau diesen Austausch zu beidseitigem Nutzen, und zwar mit relativ geringem Reibungsverlust.

Der Austausch ist aber nicht immer unproblematisch: Wie können Sie mit einem Autoverkäufer handelseinig werden, wenn Sie die Qualität des Gebrauchtwagens nicht beurteilen können? Wie entscheiden Sie sich für einen bestimmten Arzt, wenn Sie dessen Kompetenz nicht beurteilen können? Und wie sorgt man dafür, dass die chemische Fabrik nicht alle Abfälle in den Fluss wirft und damit den Anrainern weiter unten am Fluss das Leben vergällt? Das sind alles Beispiele, in denen «der reine Markt» nicht problemlos funktioniert.

Der Konsens unter den Ökonomen ist nicht, dass «der Markt alles richtet», sondern dass Menschen auf Anreize reagieren — die meisten auch auf finanzielle Anreize. Das impliziert auch, dass zwei Parteien immer Wege suchen werden, einen beidseitig profitablen Tausch durchzuführen, selbst wenn Hindernisse zu überwinden sind. Wir sehen das beim Handel mit illegalen Substanzen genauso wie bei Versuchen, den Mindestlohn zu umgehen.

Das an sich bedeutet natürlich noch nicht, dass man Drogen freigeben und den Mindestlohn abschaffen sollte. Ökonomen sind sich aber vielleicht mehr als andere bewusst, dass eine neue Vorschrift immer zu einer Ausweichbewegung der von ihr Betroffenen führen wird. Wenn man die Steuern exzessiv erhöht, stimmen die Steuersubjekte mit den Füssen ab. Wenn man den Vermietern verbietet, die Wohnungsmieten der Wettbewerbssituation anzupassen, werden weniger neue Wohnungen gebaut. Und wenn man die Leser zwingt, Kartellpreise für Bücher zu bezahlen, werden sie noch schneller nach elektronischen Alternativen greifen. An diesen Wahrheiten hat die Finanzkrise keineswegs gerüttelt.

Was lernen wir daraus?

Die Krise selbst bietet sogar Anschauungsmaterial für die Behauptung der Ökonomen, dass Anreize das Verhalten steuern. Es ist für einen Ökonomen nicht verwunderlich, dass die Führungskraft einer Unternehmung, die mit Aktien oder gar Optionen bezahlt wird, ein Interesse daran hat, möglichst hart an der Grenze und mit viel Risiko zu wirtschaften. Die aussergewöhnliche Risikofreude, die im Finanzbereich festzustellen ist, überrascht angesichts dieser Entlohnungssysteme keinen Ökonomen.

Die Finanz- und Wirtschaftskrise ist kein Anlass, die Wirtschaftswissenschaft oder gar die Marktwirtschaft über Bord zu werfen. Natürlich ist die Marktwirtschaft nicht perfekt. Kein seriöser Ökonom hat das je ernsthaft behauptet. Daraus zu schliessen, die Staatswirtschaft sei besser oder gar perfekt, ist grober Unfug. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 12.04.2012, 15:42 Uhr)

Serie: Ökonomie in der Krise

Die Ökonomie steht in der Kritik: Zu marktgläubig, zu dogmatisch, zu imperialistisch sei die Disziplin. Nach der Wirtschaftskrise wird ein Neubeginn erwartet. Wie stehen Fachvertreter zu diesen Vorwürfen? Tagesanzeiger.ch/Newsnet lässt Schweizer Ökonomen in einer Serie zu Wort kommen.

Bisher erschienene Beiträge:
Nobelpreise für unsinnige Forschung (Mathias Binswanger)

Zum Autor

Yvan Lengwiler ist seit 2005 Professor für Nationalökonomie an der Universität Basel. Er befasst sich mit Fragen der Geldpolitik, mit dem Zusammenhang zwischen Finanzmarktpreisen und mikroökonomischen Fundamentaldaten, sowie mit dem Design von Mechanismen, insbesondere von Auktionen.

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