Wirtschaft
Vier Jahre Stifti – und nur ein mickriger Lohn
Von Romeo Regenass. Aktualisiert am 17.05.2009 2 Kommentare
Im Detailhandel schauen Medien und Gewerkschaften genau hin, wenn es um die Löhne an der Front geht. Nicht zuletzt deswegen verdienen Vollzeitangestellte bei Coop heute im Minimum 3600 Franken, bei Migros und Lidl 3700, bei Denner 3800 Franken. Und das als Ungelernte im Alter von 20 Jahren.
Es gibt allerdings Berufe, die erfordern eine qualifizierte Lehre, und dennoch hat ein Ausgelernter einen kleineren Zahltag als das Hilfspersonal im Detailhandel. Drogisten etwa müssen vier Jahre in die Stifti, um dann zwischen 3384 und 3861 Franken zu verdienen – je nach Region und Arbeitgeber. Denn die genannten Zahlen sind lediglich eine Empfehlung. Ähnlich ergeht es den Zahntechnikern: Nach vier Jahren Lehre stehen auf ihren Lohnabrechnung mickrige 3400 Franken.
«Das sind in der Tat tiefe Einstiegslöhne», bestätigt Bernhard Breunig, Präsident der Schweizerischen Zahntechniker-Vereinigung. «Bisher haben wir die Labors aber nicht zu Lohnverhandlungen bewegen können, zudem steigt der Lohn nach einigen Jahren auf 4000 bis 5000 Franken.» Aus Angst, Kunden zu verlieren, praktizieren laut Breunig einige Labors Preisdumping. «Andere verlangen von den Zahnärzten allerdings gute Preise und entlöhnen ihr Personal entsprechend gut.» Weil sich immer wieder Zahntechniker aus Unzufriedenheit selbstständig machten, um wenigstens auf eigene Rechnung arbeiten zu können, nehme der Preiskampf noch zu. Und schliesslich investieren Labors in neue computergestützte Technologien, sodass weniger Geld für die Löhne bleibt.
Konkurrenz aus Asien und Osteuropa
Auch die Arbeitgeberseite weiss, dass der Beruf des Zahntechnikers trotz qualifizierter Lehre einen tiefen Mindestlohn vorsieht. Anna Eichenberger vom Verband Zahntechnischer Laboratorien der Schweiz ortet die Probleme der Branche unter anderem in der Abhängigkeit der Labors von jeweils wenigen Kunden (Zahnärzten), einer grossen Zahl von Klein- und Kleinstbetrieben, der zunehmenden Billigkonkurrenz aus Osteuropa und Asien sowie der technologischen Entwicklung, die das zahntechnische Handwerk teilweise ersetzt. «Der hohe Preisdruck auf die Laboratorien wirkt sich direkt auf ihre Verdienstmöglichkeiten und damit natürlich auf die Löhne aus, welche sie zahlen können», sagt Eichenberger.
Ein Problem ist auch, dass es seit März diesen Jahres zwar einen neuen Tarif gibt. Der Stundenansatz, der seit 1993 nicht angepasst worden war, stieg von 80 auf neu 110 Franken. Doch der Tarif wird von den Zahnärzten nur dann angewendet, wenn die Unfallversicherung zahlt. Für private Behandlungen ist der Tarif nicht bindend.
Zahntechnikerlehre wird unbeliebt
Dass dem so ist, kritisiert auch Felix Adank von der Zahnärztegesellschaft SSO. «Man hätte uns zwingend in die Tarifverhandlungen einbinden müssen, und das ist nicht geschehen.» Deshalb befände man sich in der unglücklichen Situation, dass jeder Zahnarzt nun selber mit seinem Zahntechniker verhandeln müsse.
Ein unabhängiger Zahntechniker, der nicht genannt sein will, definiert seinen Berufsstand denn auch als «Knechte der Zahnärzte». Einen wichtigen Grund für die desolate Lohnsituation sieht er im schwachen Berufsverband, der die Interessen der Mitglieder ungenügend vertrete. Zumindest die Konkurrenzsituation werde sich aber bald verbessern: An Berufsschulen lasse das Interesse für den Beruf spürbar nach.
Wenige Drogisten im Berufsverband
Nicht viel anders sieht es im Drogeriegewerbe aus. «Infolge des schwachen Organisationsgrades fehlt uns ein Druckmittel, um nur schon einen Mindestlohn im Gesamtarbeitsvertrag durchzusetzen», so Barbara Pfister vom Personalverband Droga Helvetica. Die Drogerien litten unter der Konkurrenz der Grossverteiler, die immer mehr umsatzstarke Produkte des Drogerie-Sortiments übernehmen. Dennoch sei ein gerechter Lohn ein Anliegen, denn die Ausbildung sei anspruchsvoll.
«Die unbefriedigende Entlöhnung führt nämlich auch dazu, dass gute Berufsleute abspringen», weiss Pfister. Im typischen Frauenberuf arbeiteten zudem viele Wiedereinsteigerinnen, und für sie sei das Einkommen oft eher untergeordnet, weil der Mann das Haupteinkommen generiere.
Martin Bangerter, Geschäftsführer des Schweizerischen Drogistenverbandes, betont, dass es sich beim tiefen Anfangslohn um eine absolute Mindestlohnempfehlung handle. Sie nehme Rücksicht auf die wirtschaftliche Situation und die Standortregion umsatzschwächerer Mitglieder. «Im Allgemeinen sind Drogistinnen und Drogisten direkt nach der Lehre besser entlöhnt», sagt Bangerter. «Im Weiteren steigen die Löhne nach dem ersten Jahr Berufserfahrung in den meisten Fällen klar über 4000 Franken.»
Andere Berufe mit schlechten Löhnen
Die Nachfrage nach Lehrstellen sei da. «Normalerweise können Drogerien zwischen mindestens zwei bis drei valablen Kandidaten aussuchen.» Auch nach Abschluss der Lehre blieben genügend Leute im Beruf, der auch Karriere- und Weiterbildungsmöglichkeiten und die Chance der Selbstständigkeit biete.
Zahntechniker und Drogisten sind in guter Gesellschaft: Auch in zahlreichen Berufen, die eine drei- oder zweijährige Lehre erfordern, liegen die Anfangslöhne unter dem, was Ungelernte im Detailhandel auf der Lohnabrechnung haben. Zu den eklatantesten Beispielen gehören die Floristinnen, Gärtner, Damenschneiderinnen, Coiffeure und Carosseriespengler. Bei diesen Berufen liegt der Einstiegslohn zwischen 3380 und 3680 Franken.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.05.2009, 21:43 Uhr
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2 Kommentare
Zur Berichtigung: Im Schweizerischen Carrosseriegewerbe beträgt der Lohn im 1. Jahr nach Lehrabschluss Fr. 4000.00 (bei 4-jähriger Lehre) und Fr. 3800.00 (bei 3-jähriger Lehre). Diese Löhne sind zwingend, da in dieser Branche ein allgemeinverbindlich erklärter GAV gilt. Antworten




Romeo Regenass
Die Angaben in meinem Artikel bezüglich des Carrosseriegewerbes beziehen sich auf die zweijährige Lehre. Danach verdient man im ersten Jahr gemäss GAV 3600 Franken. Antworten