Wirtschaft

Vor Illusionen sei gewarnt

Von Robert Mayer. Aktualisiert am 03.08.2011 66 Kommentare

Wirklich effektive Massnahmen zur Eindämmung der Franken-Hausse sind mit starken Nebenwirkungen verbunden. Lassen wir also lieber die Finger davon – vorderhand jedenfalls.

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17,7 Milliarden Verlust im Juli

Der rapide Zerfall von Euro und Dollar gegenüber dem Franken verschärft die Verluste in den Büchern der Schweizerischen Nationalbank. Ende Juli meldete die SNB einen Halbjahresverlust von 10,8 Milliarden Franken (TA vom 30. Juli). Nach Berechnungen von Alexandre Ziegler, Assistenzprofessor für Finance an der Uni Zürich, hat sich der Verlust im Juli um 17,732 Milliarden Franken vergrössert. Mit 10,541 Milliarden die grössten Verluste sind bei den Eurobeständen angefallen. Laut Ziegler sind die Eigenmittel um weitere 12 Milliarden gesunken. Die Eigenkapitalquote dürfte damit unter die 10-Prozent-Marke gefallen sein. (TA)

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«Man kann das Meer nicht allein austrinken.» Niklaus Blattner, früher selber mal Vizepräsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB), fasste letzte Woche gegenüber «Tagesanzeiger.ch/Newsnetz» in einen Satz, vor welch unmögliche Aufgabe sich die hiesigen Währungshüter im Blick auf den alle Rekorde brechenden Franken gestellt sehen. Wenn Grossanleger und Kapitalsammelstellen, die Hunderte Milliarden Dollar an Vermögen verwalten, ihr Vertrauen in Dollar und Euro zusehends verlieren und auf der Suche nach Alternativen unter anderem in Franken umschichten und wenn gleichzeitig nicht minder potente, spekulativ orientierte Investoren auf diesen Zug aufspringen, kann die SNB (SNBN 1089 2.06%) dem nichts entgegenhalten. Die Volumina – das Meer – sind zu gross.

Hinzu kommt: Die Verunsicherung unter den Marktakteuren sitzt mittlerweile so tief, und die Schuldenprobleme in der Eurozone und den USA sind derart gravierend, dass niemand abzuschätzen vermag, wie lange die Fluchtbewegung aus den beiden dominanten Weltwährungen noch andauert. Und seit sich die Anzeichen für eine weltweite Konjunkturabkühlung von Woche zu Woche verstärken, sind sichere Anlagewerte wie der Franken gar noch begehrter geworden. Mit andern Worten: Anzeichen für eine Beruhigung respektive Bodenbildung im Devisenhandel bestehen derzeit nicht.

Kein Anlass für Alarmismus

In einem solchen Umfeld als einzelne, kleine Notenbank durch Kauf von Devisen am Markt zu intervenieren, wie dies etwa Swatch-Chef Nick Hayek verlangt, ist nicht zielführend, ja fahrlässig. Dass die SNB mit Marktinterventionen unnütz ihr Pulver verschiessen würde, wäre noch das geringere Übel. Weitaus schwerer wöge ihr Reputationsverlust, wenn sie von den Märkten nach Belieben an die Wand gespielt würde.

Hayeks Alarmismus ist auch sachlich nicht gerechtfertigt. Zweifellos verlieren Schweizer Exporteure wegen des Franken-Höhenflugs Aufträge, Einnahmen und Gewinnmarge, und es gehen hierzulande auch Arbeitsplätze verloren. Dennoch hält sich die Wirtschaft auf einem – wenngleich flacher werdenden – Wachstumspfad, und kein ernst zu nehmender Ökonom sagt für nächstes Jahr eine Rezession oder Deflation voraus.

Wäre die preisliche Stabilität in der Schweiz im Zuge eines weltwirtschaftlichen Niedergangs tatsächlich nach unten gefährdet, würde sich die Risikoabwägung für die Nationalbank in anderem Lichte darstellen. Ihr Direktorium hat für einen solchen Fall bereits neue Massnahmen angekündigt – was freilich mit zusätzlichen Risiken und Nebenwirkungen verbunden wäre.

Bewertungsrisiko würde noch grösser

Würden sich die Währungshüter erneut zu Devisenmarktinterventionen entschliessen, würden die Fremdwährungsreserven in der SNB-Bilanz locker um 100 Milliarden Franken und mehr anschwellen (verglichen mit einem Bestand von annähernd 200 Milliarden per Mitte Jahr). Denn nur Devisenkäufe mit der grossen Kelle, und langem Atem, hinterlassen an den Märkten nachhaltig Wirkung und Eindruck. Dafür würde jedoch das Bewertungsrisiko für die Devisenreserven noch weitaus grösser, als es jetzt schon ist. Von den Inflationsrisiken einer ausser Kontrolle geratenen Geldmenge ganz zu schweigen. Wollen wir das in Kauf nehmen?

Falls die Nationalbank den Franken fest an den Euro binden und somit (gesetzeswidrig?) auf eine eigenständige Geldpolitik verzichten würde, wären die Folgen wohl noch einschneidender. Sowohl die Inflationsrate als auch das Zinsniveau hierzulande würden früher oder später auf Eurohöhen klettern, und die Schweizer Wirtschaft sähe sich wichtiger Konkurrenzvorteile beraubt. Wäre den Exporteuren unter dem Strich so wirklich geholfen?Vor Illusionen sei gewarnt. «Weiche» Massnahmen wie Negativzinsen auf ausländischen Kapitalzuflüssen haben bereits in den Siebzigerjahren ihre abschreckende Wirkung weitgehend verfehlt, sie werden im derzeitigen Umfeld negativer Realzinsen gewiss noch weniger ausrichten können. Überlegen wir also gut, was wir von der Nationalbank wünschen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.08.2011, 06:11 Uhr

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66 Kommentare

Antonio Andreano

03.08.2011, 07:11 Uhr
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Gott sei Dank endlich mal ein vernüftiger Artikel zum Thema. Was ich in den letzten Wochen an Ansichten von Nationalbank, Politikern und irgendwelchen Wirtschafts"Kapitänen" lesen musste, war schlicht grausam.
Ich hatte mich schon vor einem Jahr dermassen geärgert, dass die SNB völlig nutzlos einfach weiterhin sinnfrei Euros einkauft und damit Staatsvermögen zugunsten weniger Spekulanten verbrennt
Antworten


Peter Müller

03.08.2011, 07:08 Uhr
Melden 62 Empfehlung

Ich habe vor ca.einem Jahr gesagt, der richtige Kurs liege bei ca. 0,95 CHF/EUR. Ursache ist die Überschuldung der sozialistischen Müllhalde EU. In keinem einzigen EU-Mitglied könnnen die Schulden noch zurückbezahlt werden. Und es wird weiter Schulden gemacht. Der Kurs wird sich also ähnlich verhalten wie der USD, sofern die Schuldenspirale nicht gestoppt und 50 % der Schulden erlassen werd Antworten



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