Wirtschaft

WM-Aus für Schweizer TV?

Von Jean François Tanda . Aktualisiert am 05.02.2011

Der Europäische Gerichtshof steht vor einem Grundsatzentscheid zu den Fernsehrechten – die Branche fürchtet ein zweites Bosman-Urteil. Schuld daran ist eine britische Wirtin.

War noch auf breiter Front zu sehen: David Villa bei der WM 2010 im Spiel Spanien gegen Portugal.

War noch auf breiter Front zu sehen: David Villa bei der WM 2010 im Spiel Spanien gegen Portugal.
Bild: Keystone

Keine Fussball-WM mehr im Schweizer Fernsehen, sondern nur auf RTL oder Pro 7? Keine Champions League, keine Olympischen Spiele mehr mit Schweizer Kommentar? Diese Szenarien drohen bald wahr zu werden – und schuld daran ist eine Wirtin aus Portmouth in England.

Karen Murphy wehrt sich dagegen, dass sie in ihrem PubThe Red, White & Blue Fussballspiele der englischen Premier League nur auf dem englischen TV-Sender Sky zeigen darf. Jedes Jahr muss sie dafür mindestens 6000 Pfund bezahlen, umgerechnet über 9000 Franken. Bezieht sie hingegen die Bilder aus Griechenland, wo ein TV-Sender die Übertragungsrechte ebenfalls besitzt, kostet sie das 5200 Pfund weniger. Sie entschied sich für die günstigere Variante – und wurde dafür in England gebüsst. Nun wehrt sie sich dagegen vor dem höchsten Gericht der Europäischen Union, dem Europäischen Gerichtshof in Luxemburg (EuGH).

Europarecht wird zum Stolperstein

Der Gerichtshof steht nun vor einem Grundsatzentscheid mit möglicherweise weitreichenden Folgen. Er betrifft Fussballverbände, die TV-Rechte verkaufen. Er betrifft Fernsehanstalten, die um diese Rechte buhlen. Und er betrifft die Konsumenten, die bald nur noch einen einzigen Fernsehsender einschalten können, um sich Sportübertragungen anzusehen.

Die Richter müssen entscheiden, ob der Verkauf von Fernsehrechten – aufgeteilt nach einzelnen Ländern – mit dem Europarecht kompatibel ist. Bisher verkauften etwa der Weltfussballverband Fifa oder der europäische Fussballverband Uefa diese Rechte Land für Land. Ginge es nach der Generalanwältin am EuGH, wäre das bald Vergangenheit. In ihrer Schlusseingabe ans Gericht sagte sie: «Die Vermarktung von Senderechten auf der Grundlage territorialer Exklusivität läuft darauf hinaus, aus der Ausschaltung des Binnenmarktes Gewinn zu erzielen.» Die Exklusivitätsrechte stellten eine «schwerwiegende Beeinträchtigung der Dienstleistungsfreiheit» dar.

Fifa würde Geld verlieren

Zwar sind die Richter in Luxemburg nicht an die Anträge der Generalanwältin gebunden. In drei Vierteln der Fälle aber entscheiden sie in deren Sinne. Vertreter von Sportvermarktungsagenturen sind entsprechend alarmiert. Von einem «Bosman-Urteil für TV-Rechte» ist die Rede. Ein Sportvermarktungsmanager aus der Schweiz, der dem diskreten Business entsprechend nicht namentlich genannt sein möchte, sagt: «Das wäre ein Dammbruch.» Alle Verträge müssten neu ausgehandelt werden.

Ein Urteil wie von der Generalanwältin beantragt, würde die grossen länderübergreifenden Fernsehanstalten stärken. Ein Sportvermarkter aus England: «Nur noch grosse Konglomerate könnten sich dann WM- oder Champions- League-Rechte leisten: Eurosport, ESPN oder Sky von Rupert Murdoch.» Als Rechteinhaber könne man dann in Europa nur noch wenige Deals machen – am ehesten aufgeteilt nach Sprachregionen: «Die TV-Landschaft würde sich radikal ändern – zulasten kleinerer Sender in kleineren Ländern. Wenn etwa RTL die Champions-League-Rechte kauft, würde es darauf bestehen, dass die Spiele auch in der Deutschschweiz nur auf RTL zu sehen sind. Das Schweizer Fernsehen ginge leer aus.

Dort gibt man sich gelassen: «Wir verfolgen den Fall aus der Nähe und mit grossem Interesse», sagt Jean Brogle, Jurist der Business Unit Sport, «würde der EuGH-Entscheid zu Veränderungen führen, würden wir dies mit den Sportvermarktungsagenturen besprechen.»

Laut Sportvermarktern würde ein Urteil gegen die bisherige Praxis zu sinkenden Einnahmen bei Fifa und Uefa führen, die einen Grossteil ihrer Einkünfte durch TV-Rechte generieren. «Die Preise würden erstmals sinken, ganz klar», sagt eine Sportrechtehändlerin. Sobald aber die Agenturen angepasste Geschäftsmodelle entworfen hätten, stiegen die Einnahmen wieder.

Die Fifa will sich zum Gerichtsfall «derzeit» nicht dazu äussern. Die Uefa hat auf Anfrage nicht reagiert. Das Urteil wird in einigen Monaten erwartet. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.02.2011, 12:49 Uhr

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