Wirtschaft
Wann rebellieren die Steuerzahler?
Von Bruno S. Frey. Aktualisiert am 13.04.2012 34 Kommentare
Serie: Ökonomie in der Krise
Die Ökonomie steht in der Kritik: Zu marktgläubig, zu dogmatisch, zu imperialistisch sei die Disziplin. Nach der Wirtschaftskrise wird ein Neubeginn erwartet. Wie stehen Fachvertreter zu diesen Vorwürfen? Tagesanzeiger.ch/Newsnet lässt Schweizer Ökonomen in einer Serie zu Wort kommen.
Bisher erschienene Beiträge:
Nobelpreise für unsinnige Forschung (Mathias Binswanger)
Versager oder zufällige Helden? (Yvan Lengwiler)
Zum Autor
Bruno S. Frey war 1977 bis 2012 Professor an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich und ist heute Distinguished Professor of Behavioural Science an der Business School der Universität Warwick. Er ist ausserdem Forschungsdirektor von CREMA - Center for Research in Economics, Management and the Arts, Switzerland.
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Heute herrscht in den Wirtschaftswissenschaften eine enge Dogmatik vor: Was nicht mathematisch formuliert und ökonometrisch, also quantitativ-statistisch, behandelt wird, gilt als minderwertig. Konkrete, den Menschen und die Gesellschaft betreffende Probleme werden dagegen oft vernachlässigt. Diese zu untersuchen, verlangt eine interdisziplinäre Herangehensweise.
Ein Beispiel ist die Glücksforschung: Hier forschen heute Psychologen und Ökonomen nebeneinander und legen spannende Erkenntnisse vor. Auch andere Sozialwissenschaften werden intensiv zur Kenntnis genommen.
Einkommen ist nicht gleich Zufriedenheit
Das Menschenbild unserer Disziplin ist kein einseitig Materialistisches: Seit jeher geht die Nationalökonomie davon aus, dass Menschen ihren Nutzen steigern wollen – wobei Nutzen nicht nur materielle Güter und Dienstleistungen, sondern auch Dinge wie den Wert der Freizeit oder das Vergnügen aus sportlicher Aktivität umfasst. Eine immer weitere Steigerung des Einkommens stiftet jedoch nicht immer mehr Lebenszufriedenheit. Vielmehr muss ein höheres Einkommen sinnvoll konsumiert werden. Dazu braucht es gute Familienverhältnisse und einen breiten Freundes- und Bekanntenkreis, in dem man sich wohlfühlt.
Antworten, wie mit diesen Erkenntnissen in der Praxis umzugehen ist, bleiben allerdings vielfach aus. Zwar sind die Mängel des Marktes – das sogenannte «Marktversagen» – in der Ökonomie wohl bekannt. Allzu viele Ökonomen denken jedoch zu wenig aktiv darüber nach, welche sinnvollen Alternativen zum Markt bestehen. Zu häufig wird einfach vorgeschlagen, die Funktionsweise des Marktes durch vermehrte Regulierung und Staatseingriffe zu verbessern.
Mehr Vertrauen in die eigene Motivation
Die Gefahr einer unerwünschten Gängelung der Bevölkerung durch die staatliche Bürokratie wird dabei übersehen. Andere, oftmals überlegene Möglichkeiten existieren. Dazu gehört vor allem, den Bürgern vermehrte Möglichkeiten zu geben, sich aktiv und wirkungsvoll politisch zu engagieren. Die Institutionen der direkten Demokratie können ausgebaut und die Entscheidungen so weit wie möglich auf lokaler Ebene getroffen werden. Auch eine vermehrte Mitwirkung der Beschäftigten an der Meinungsbildung in ihrer Unternehmung stellt eine gute Möglichkeit dar, die Mängel unzureichend funktionierender Märkt zu überwinden.
Beide Massnahmen erhöhen die intrinsische Motivation in der Bevölkerung, sich aus innerer Freude zugunsten der Öffentlichkeit zu engagieren. So könnten künftige Probleme wie die fehlende Nachbarschaftshilfe oder die ungenügende Altenpflege erfolgreich angegangen werden. Es braucht das Vertrauen in die Bereitschaft der Beschäftigten, gute Arbeit zu leisten. Eine vorgebliche «Leistungsentlohnung», wie sie von manchen Ökonomen vorgeschlagen wird, erreicht dieses Ziel sicherlich nicht.
Verloren in Fachzeitschriften
Die Welt ist unendlich kompliziert, und es ist deshalb notwendig, sie vereinfacht zu betrachten. Wer ausschliesslich in der Modellwelt lebt, leistet aber keinen sinnvollen Beitrag zu unserer Erkenntnis. Leider haben sich einige ökonomische Abteilungen an Schweizer Universitäten in diese Richtung entwickelt. Viele Universitätsökonomen streben nur danach, möglichst viel in den Fachzeitschriften zu veröffentlichen – was in der Wirklichkeit vorgeht, interessiert sie hingegen wenig bis gar nicht.
Aus diesem Grund finden sich nur noch wenige Ökonomen, die zu den wirtschaftlichen Problemen unseres Landes Stellung beziehen. Lobenswerte Beispiele dafür sind etwa Monika Bütler von der Universität St. Gallen oder Christoph Schaltegger von der Universität Luzern. Die Nationalökonomen der Universität Zürich hingegen sind in den wirtschafts- und finanzpolitischen Debatten fast ohne Ausnahme absent.
Für sie sind nur die Publikationen in wissenschaftlichen Zeitschriften wichtig. Diese werden jedoch nur von wenigen anderen Wissenschaftlern überhaupt zur Kenntnis genommen – oft sogar von gar niemandem. Die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik wird dadurch sicherlich nicht beeinflusst. Irgendwann dürfte dies auch den Steuerzahlenden auffallen, welche die Universität finanzieren. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 13.04.2012, 15:55 Uhr
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34 Kommentare
Ich gehe nicht einig mit der Aussage dass die Welt unendlich kompliziert ist. Eigentlich ist sie eher relativ einfach, doch die Welt der Ökonomie und die dazugehörige Welt des Neuro-Marketings will uns einreden, dass alles unheimlich kompliziert ist. Das wir ständig mehr konsumieren müssen um glücklich zu werden. Das ist auch eine Strategie um die Wissenschaft selbst zu schützen! Humbug! Antworten
Das Streben nach möglichst vielen Publikationen wird ja von den Universitäten selbst gefordert und gefördert und ist somit eine Folge des Systems, mit dem die Leistung der Ökonomen (und auch Wissenschaftlern in anderen Disziplinen) beurteilt wird. Arbeit in politischen Gremien oder Beiträge zu öffentlichen Diskussionen müssten in diesen Beurteilungen deutlich höher gewichtet werden. Antworten
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