Wirtschaft

Warum Finanzprognosen so wenig taugen

Von Erich Soplenthaler. Aktualisiert am 21.02.2011 12 Kommentare

Den Finanzmarktprognosen sollten eine Analyse und eine Einschätzung der Zukunft zugrunde liegen. Aber in der Realität sind sie ein Blick in den Rückspiegel.

1/2 Die Renditeprognosen für Schweizer Bundesanleihen verglichen mit den effektiven Renditen. Sehr nahe an die Realität kamen sie von Juni 2006 bis Mitte 2008. Sonst besteht zwischen Vorhersage und Wirklichkeit meistens eine grosse Differenz. Mit 1,6 Prozent war sie im Mai 2003 am grössten. Häufig verkennen Analysten auch den Trend, so gingen sie für die Periode von Sommer 2000 bis Sommer 2001 von steigenden Zinsen aus – während sie effektiv fielen.
Markus Spiwoks

   

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Dass Prognosen über Aktien, Zinsen oder Wechselkurse manchmal zutreffen und manchmal weit daneben liegen – das weiss man. Aber den Voraussagen der Profis haftet ein grundsätzlicherer Makel an: Sie sind gar nicht, was sie zu sein vorgeben: «98,5 Prozent der Prognosen reflektieren mehr die Gegenwart als die Zukunft», sagt der Finanzmarktforscher Markus Spiwoks, der sich auf die Auswertung von Prognosen von Börsenprofis spezialisiert hat. Weder wann, wo und von wem sie abgegeben wurden, ändert etwas an der Feststellung, dass in Voraussagen mehr Gegenwart als Zukunft steckt.

Dazu hatte Spiwoks in der umfangreichsten Studie dieser Art 160'000 seit 1989 veröffentlichte Prognosen aus zwölf Ländern wie ein Chemiker auf zwei Spurenelemente hin untersucht: den Zinstrend, der zum Zeitpunkt des Erstellens vorherrschte, und den Zinstrend, der sich in der vorausgesagten Periode einstellte. In fast allen Fällen spiegelte die Prognose den aktuellen Verlauf der Zinsen stärker als den künftigen. «Analysten geben nur Variationen der Gegenwart und der jüngsten Vergangenheit ab und übertragen das auf die Zukunft. Sie prognostizieren eigentlich gar nicht», sagt Spiwoks.

Das Resultat ist ernüchternd: Die Profis treffen weder das Zinsniveau ausreichend genau, noch können sie die Richtung des Zinstrends zuverlässig voraussagen (Grafik). «Die Prognose-Anstrengungen sind weitgehend gescheitert. Mehr als zufällige Treffer sind nicht zu erwarten», so Spiwoks, der früher selbst ein Analystenteam einer Bank leitete, bis «. . . ich merkte, dass meine Chefs gar nicht erwarteten, dass die Prognosen richtig sind. Man musste nur für die Kunden den Eindruck erwecken, dass das möglich sei.» Nun beschäftigt er sich als Wissenschaftler an der Universität Wolfsburg mit Behavorial Finance (Verhalten der Finanzmarktteilnehmer) und untersucht, wie das Gehirn tickt, wenns ums Geld geht. Das sei befriedigender.

Dem Bekannten vertrauen

Dass man sich für Entscheidungen so sehr auf die Gegenwart stützt, scheint ein allgemeines menschliches Phänomen zu sein, weil man sie am besten kennt und am meisten darauf vertraut, was man vor Augen hat. «Anchoring» heisst das Phänomen in der Behavorial Finance, demzufolge sich Menschen zu sehr auf zufällige Informationen, auch auf irreführende, stützen, wenn sie Fragen beantworten sollten, bei denen sie sich nicht auskennen.

Dazu kommt, dass Analysten vor extremen Prognosen zurückschrecken: Denn wenn sie mit einer eigenwilligen Voraussage recht bekommen, wird man dies als Zufall interpretieren; wenn sie aber falsch liegen und die Bank oder die Kunden viel Geld verlieren, werden sie gefeuert. Mit eigenwilligen Prognosen können Analysten nur verlieren, ergab eine frühere Studie von Spiwoks. So orientieren sich Finanzmarktauguren in der Regel am Konsens, also an Durchschnittsprognosen, um das eigene Risiko zu begrenzen.

«Gefangen im Hier und Jetzt»

Die neue, in der Serie Wolfsburg Working Papers erschienene Studie «Gefangen im Hier und Jetzt» befasst sich mit Zinsprognosen. Sie eignen sich für derlei Untersuchungen besonders gut, weil sie seit Jahrzehnten regelmässig und in einer standardisierten Form erhoben werden. Andere Auswertungen über Aktien und Währungen kamen indes zum gleichen Befund: «Ich halte die Vorhersagerei für gescheitert», resümiert Spiwoks.

Dass die Wahrsager der Börse immer wieder mal ins Schwarze treffen, widerspricht dem skeptischen Befund nicht. «Bei der grossen Zahl von Analysten wird immer einer, der eine Sechs voraussagte, auch eine Sechs würfeln», so Spiwoks. Das sei reine Wahrscheinlichkeitsrechnung und habe nichts mit Geschick zu tun.

Auf Wahrsagerei verzichten

Für Spiwoks steht fest, dass Banken am Mythos über die Berechtigung von Prognosen festhalten, um ihre Umsätze und Margen zu verteidigen. Als Gegenmittel empfiehlt er Anlegern, nach Möglichkeit auf Prognosen zu verzichten. Das geht mit einem passiven Stil. Eine wachsende Anzahl gut informierter Investoren würden günstige Indexfonds (ETF) einsetzen und eine Kaufen-und-Halten-Strategie einhalten.

Dennoch braucht es manchmal Entscheidungen. Bei Hypotheken zum Beispiel. In diesen Fällen empfiehlt Spiwoks, sich am historischen Zinsniveau zu orientieren. Sind die effektiven Zinsen tiefer, sind langlaufende Hypotheken angezeigt. Variable Hypotheken setzen voraus, dass der Schuldner wechselnde Zinszahlungen verkraften kann. Mit solchen Überlegungen kann man der Prognosenfalle ausweichen.

Naive Prognosen sind ein weiteres Hilfsmittel: Dabei geht man stur davon aus, dass das heutige Zinsniveau unverändert bleibt. Dies wird zwar nie der Fall sein, aber wenigstens kann man auf diese Art vermeiden, auf einen falschen Trend gesetzt zu haben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.02.2011, 10:22 Uhr

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12 Kommentare

Lukas Tanner

21.02.2011, 11:09 Uhr
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Dem gibts nichts mehr anzufügen - ist so. Antworten


werner gautschi

21.02.2011, 10:45 Uhr
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Im Polizeijargon nennt man das 'Hochstapelei', aber dafür kassieren diese Banker ja noch Boni und viel zu hohe Gehälter. Antworten



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