Wirtschaft

Warum chinesische Mütter besser sind

Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 18.01.2011 44 Kommentare

Der chinesische Präsident Hu Jintao reist heute nach Washington. Zeit also, um über Geopolitik, Menschenrechte, Wechselkurse und Pandabär-Diplomatie zu diskutieren. Doch bezüglich China interessiert die Amerikaner zurzeit etwas ganz anderes.

1/6 Professorin Amy Chua hat mit ihrem Buch...
Bild: Keystone

   

Das Thema, das die Amerikanerinnen und Amerikaner derzeit bewegt, lautet wie folgt: Erziehen Chinesen ihre Kinder viel gescheiter und ist die Kuschelpädagogik der wahre Grund für den anscheinend unabwendbaren Niedergang der Supermacht USA?

Ausgangspunkt der Diskussion ist ein Artikel im «Wall Street Journal» mit dem provokativen Titel: «Why Chinese Mothers Are Superior». Darin fasst die Yale-Professorin Amy Chua die wichtigsten Punkte ihres Buches «Battle Hymn of the Tiger Mother» zusammen. Amy Chua ist 48 Jahre alt, hat am MIT und in Harvard studiert, ist heute als Rechtsprofessorin in Yale tätig, mit einem anderen Yale-Professor verheiratet und Mutter von zwei Töchtern im Teenageralter. Sie ist auch äussert attraktiv, die perfekte Erfolgsfrau gewissermassen.

Unter vier Stunden läuft gar nichts

Den Grund ihres Erfolges schildert sie im oben genannten Artikel. Kurz zusammengefasst heisst dies: Amerikanische Mütter verwöhnen ihre Kinder, halten sie weder zu Schularbeiten noch zu anderen Tätigkeiten an. Sie geben sich damit zufrieden, wenn ihre Kinder beispielsweise eine halbe Stunde Klavier oder Geige üben und nachher vor dem TV oder an der Play Station verblöden. Sie geben ihnen zu viele iPhones, Laptops und ähnlichen Kram. Kurz: Amerikanische Mütter verweichlichen ihre Kinder.

Nicht so die Asiaten: Amy Chua verlangt von ihren Töchtern, dass sie nur die besten Noten aus der Schule heimbringen, etwas anderes wird nicht akzeptiert. Sei dürfen erst dann das Klavier verlassen, um ein Glas Wasser zu trinken, wenn sie eine heikle Passage perfekt beherrschen. A propos üben: Die ersten halbe Stunde ist nur zum Warmlaufen, unter vier Stunden läuft gar nichts – pro Tag wohlverstanden. iPhones und ähnliche Geräte? Vergessen Sie es. Amy Chua hat einer Tochter sogar gedroht, ihr Plüschtier zu verbrennen, wenn sie nicht diszipliniert genug arbeitet. Wenn wundert es also, dass asiatische Kinder in der Schule brillieren und überproportional an amerikanischen Elite-Universitäten vertreten sind?

Mitten ins Schwarze getroffen

Amy Chua hat mit ihrem Artikel beim amerikanischen Bildungsbürgertum eine Diskussionslawine losgetreten. Keine Cocktailparty, an der die «chinesischen Mütter» nicht das Gesprächsthema Nummer eins sind, kein Kaffeekränzchen, bei dem sich Frauen der oberen Mittelschicht nicht sorgenvoll darüber unterhalten, was sie wohl bei der Erziehung ihrer Kinder falschen machen. Chua trifft mit ihren Thesen mitten ins Schwarze, mitten in die latente Niedergangs-Angst der Amerikanerinnen und Amerikaner.

Sie erhält nicht nur Zustimmung, sondern auch sehr viel Kritik. Ihre Erziehungsmethoden seien nichts anderes als unmenschlicher Steinzeitdrill, wird ihr vorgehalten. «Ihre Kinder können weder glücklich noch kreativ sein», schreibt etwa David Brooks in der «New York Times». «Sie werden zwar sehr gut ausgebildet und sind technisch versiert, aber sie haben nicht die Möglichkeit, wahrhaft gross zu sein. Sie (Amy Chua) zerstört ihre Liebe zur Musik. Es gibt einen Grund, warum gerade asiatisch-amerikanische Frauen im Alter zwischen 15 und 24 eine besonders hohe Selbstmordrate haben.»

«Ich bin entsetzt»

Auch asiatische Mütter sind empört. So meint Betty Ming Liu, Tochter chinesischer Immigranten, auf ihrem Blog: «Ich bin entsetzt. Sie ist in Amerika auf die Welt gekommen und vertritt genau die Erziehungsmethoden, die die meisten von uns hinter uns lassen wollen.»

Amy Chua fühlt sich missverstanden. Der Titel ihres Artikels im «Wall Street Journal» sei irreführend, tatsächlich sei ihr Buch oft ironisch gemeint. Und ihre Töchter? Die 18-Jährige hat inzwischen nicht nur einen Freund, sondern auch ein iPhone und sei sehr glücklich. Die jüngere durfte zu ihrem 15. Geburtstag nach New York und dort bei Freunden übernachten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.01.2011, 13:13 Uhr

44

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

44 Kommentare

Wilhelm Occam

18.01.2011, 13:21 Uhr
Melden

Herr Löpfe, sie zitieren David Brooks komplett falsch. Er schreibt, ANDERE würden meinen dass "ihre Kinder weder glücklich noch kreativ sein können". Er hält Frau Prof. Chua was ganz anderes vor - nämlich dass sie (1) die kognitive Herausforderung pubertärer Beziehungsgeflechten unterschätzt, und (2) dass sie genau das macht, was alle Eltern der gehoben Mittelschicht sowieso machen! Antworten


Wilhelm Schweizer

18.01.2011, 13:45 Uhr
Melden

Diese primitve Schwarz-Weiss-Malerei geht mir immer mehr auf den Wecker! Entweder völlig verblöden lassen oder drillen bis zum Umfallen. Etwas Vernünftiges in der Mitte gibt's wohl nicht mehr, ist halt zu langweilig, gibt kein Buch oder Newsartikel her. Antworten



Wirtschaft

Populär auf Facebook Privatsphäre


Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.