Wirtschaft
Warum ein Banker seinen Beruf gewählt hat
Von Olivia Kühni. Aktualisiert am 10.11.2011 38 Kommentare
Die Studie
Unter dem Titel «Value and Values» (Wert und Werte) hat das Forschungsinstitut Comres erstmals Banker in der City of London zu ihren ethischen Überzeugungen befragt. Comres ist ein staatlich anerkanntes Umfrageinstitut.
In Auftrag gegeben hat die Studie das St. Paul's Institute, eine Nonprofitorganisation der bekannten St. Pauls Cathedral im Zentrum Londons. Das Institut hat sich zum Ziel gesetzt, das Nachdenken über Ethik in der Finanzwelt zu fördern.
Befragt wurden 515 Banker im August und September 2011. Mehr zum Vorgehen finden Sie hier.
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Salär und Boni sind die Hauptmotive, wieso Banker in der City of London ihren Beruf gewählt haben. Das zeigen die soeben publizierten Ergebnisse einer Umfrage, die das britische Forschungsinstitut Comres diesen Herbst durchgeführt hat. 64 Prozent der Befragten gaben an, dass Geld ihr wichtigstes Motiv überhaupt für ihre Berufswahl war. Mit «beträchtlichem Abstand», so die Studienleiter, folgt die Angabe «Spass an der Arbeit».
79 Prozent der Befragten, so eine weitere Erkenntnis der Umfrage, würden das alte Ethos der Londoner Börse, «my word is my bond» (etwa: mein Wort ist meine Verpflichtung), nicht mehr kennen. Entsprechend nannte nur eine Minderheit das «Ethos der Profession» als eine Motivation für ihre Berufswahl.
Dabei sind sich die Banker offenbar bewusst, dass sie relativ zu anderen Berufsangehörigen sehr viel verdienen. 66 Prozent aller Befragten gaben an, dass Börsenhändler in der City of London eigentlich «zu viel» verdienen für den Wert ihrer Arbeit. Auch Banker erhielten zu viel, gaben noch 50 Prozent an. 70 Prozent fanden konsequenterweise: Lehrer erhalten «zu wenig» Geld, und auch Ärzte seien unterbezahlt (47 Prozent). Insgesamt fanden satte 75 Prozent der Befragten, dass die Kluft zwischen Arm und Reich im Land zu gross sei. Fazit der Studie: «Angestellte in der Finanzindustrie leben in einem ständigen Widerspruch.»
Der «Big Bang»
Den Auftrag zur Studie hat das St. Paul's Institute vergeben, ein Ethikinstitut der bekannten gleichnamigen Kathedrale im Zentrum von London. Im Vorwort nennt der zuständige Domherr Giles Fraser zwei mögliche Gründe für den mutmasslichen Bedeutungsverlust des Berufsethos in der Londoner Finanzindustrie.
Erstens habe die Computertechnologie den Börsenhandel fundamental verändert, schreibt Fraser. Wo sich früher Händler im direkten Kontakt geeinigt hätten, wirke heute ein anonymes System. Das wirke sich auf das Verhalten aus. «Die Verpflichtung, das Richtige zu tun, fühlt man dann, wenn man jemandem ins Gesicht schaut», so Fraser. Es sei wenig erstaunlich, dass das Gefühl moralischer Verpflichtung gegenüber anderen abnehme, wenn sämtliche Aktivitäten technisch abliefen.
Zweitens setzten die Händler heute im Gegensatz zu früher nicht eigenes, sondern fremdes Geld ein. «Je mehr fremdes Geld in das System floss, desto grössere Risiken sind die Institute eingegangen», schreibt Fraser weiter. Er macht den von Margaret Thatcher eingeläuteten «Big Bang» am 27. Oktober 1986 für den Kulturwandel im britischen Banking verantwortlich. An jenem Tag wurde das bisherige Händlerkartell mit seinen fixierten Kommissionen und klaren Standesregeln gesprengt. Wenig später stellte die Börse ausserdem auf elektronischen Handel um. Mit seiner Einschätzung ist Fraser nicht allein. Ebenso oft schreiben Beobachter allerdings auch über den wirtschaftlichen Erfolg, den der Londoner Finanzplatz seither vorzuweisen hat.
Tatsächlich kam die Umfrage zu einem weiteren Befund: In einer Altersklasse, jener der über 55-Jährigen, wurde Geld nicht als Hauptmotiv für die Berufswahl genannt. Hier steht der Spass an der Arbeit im Vordergrund. Ob der Grund dafür tatsächlich ein anderes Berufsverständnis ist – oder einfach die Tatsache, dass die älteren Banker Geld schlicht nicht mehr nötig haben –, lässt die Studie offen. Wahr ist aber: Die heute 55- bis 60-Jährigen waren zum Zeitpunkt des «Big Bang» 30- bis 35-jährig. Sie sind also die letzte Generation, welche noch in der alten Berufswelt sozialisiert wurde.
«Das erstaunt mich nicht»
Manuel Ammann verantwortet an der Universität St. Gallen das Masterprogramm in Banking and Finance. Der Befund aus London erstaune ihn nicht, sagt Ammann. Er verfüge über keine repräsentativen Erkenntnisse zu den Berufswahlmotiven seiner Studierenden. Doch der direkte Umgang mit Studierenden zeige: «Die Aussicht, gut zu verdienen, ist ein sehr starker Magnet.» Dennoch gebe es durchaus junge Menschen, die auch aus einem Interesse an sachlichen Fragestellungen – etwa an der Entwicklung von Finanzprodukten – die Bankenlaufbahn wählten. «Sie ticken ähnlich wie Ingenieure, sie suchen die intellektuelle Herausforderung.»
An der Universität St. Gallen ist auch ein Ethikkurs Teil des Programms. Auch in anderen Kursen, etwa wenn es um Derivate ginge, würden mögliche Wirkungen der Produkte und das Thema Verantwortung diskutiert, sagt Ammann. Man müsse jedoch realistisch sein: «Mit welchen Anreizen die Studierenden später im Berufsleben konfrontiert sind, liegt nicht in unserer Hand.» Im Fazit der Studie lautet das so: «Wenn man im Finanzsektor arbeitet und gut verdient, ist der Abgrund, in den man aufgrund der grossen Jobunsicherheit schaut, tief und fürchterlich.»
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 10.11.2011, 13:13 Uhr
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38 Kommentare
Ja klar, und die Sozialpädagogen, Lehrer und Tramfahrer wählen ihren Job aus, weil Sie dazu berufen sind Menschen zu helfen und nicht etwa, weil sie in einem sicheren 9 to 5 job vom Staat ein Leben lang 7'000 im Monat erhalten. Also irgendwann langt's mal.. Antworten
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