Warum ein Banker seinen Beruf gewählt hat

Eine neue Umfrage in der City of London sagt aus: Die meisten werden Banker wegen Salär und Boni, nicht aus Berufung. Die Studie nennt eine mögliche Erklärung.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Salär und Boni sind die Hauptmotive, wieso Banker in der City of London ihren Beruf gewählt haben. Das zeigen die soeben publizierten Ergebnisse einer Umfrage, die das britische Forschungsinstitut Comres diesen Herbst durchgeführt hat. 64 Prozent der Befragten gaben an, dass Geld ihr wichtigstes Motiv überhaupt für ihre Berufswahl war. Mit «beträchtlichem Abstand», so die Studienleiter, folgt die Angabe «Spass an der Arbeit».

79 Prozent der Befragten, so eine weitere Erkenntnis der Umfrage, würden das alte Ethos der Londoner Börse, «my word is my bond» (etwa: mein Wort ist meine Verpflichtung), nicht mehr kennen. Entsprechend nannte nur eine Minderheit das «Ethos der Profession» als eine Motivation für ihre Berufswahl.

Dabei sind sich die Banker offenbar bewusst, dass sie relativ zu anderen Berufsangehörigen sehr viel verdienen. 66 Prozent aller Befragten gaben an, dass Börsenhändler in der City of London eigentlich «zu viel» verdienen für den Wert ihrer Arbeit. Auch Banker erhielten zu viel, gaben noch 50 Prozent an. 70 Prozent fanden konsequenterweise: Lehrer erhalten «zu wenig» Geld, und auch Ärzte seien unterbezahlt (47 Prozent). Insgesamt fanden satte 75 Prozent der Befragten, dass die Kluft zwischen Arm und Reich im Land zu gross sei. Fazit der Studie: «Angestellte in der Finanzindustrie leben in einem ständigen Widerspruch.»

Der «Big Bang»

Den Auftrag zur Studie hat das St. Paul's Institute vergeben, ein Ethikinstitut der bekannten gleichnamigen Kathedrale im Zentrum von London. Im Vorwort nennt der zuständige Domherr Giles Fraser zwei mögliche Gründe für den mutmasslichen Bedeutungsverlust des Berufsethos in der Londoner Finanzindustrie.

Erstens habe die Computertechnologie den Börsenhandel fundamental verändert, schreibt Fraser. Wo sich früher Händler im direkten Kontakt geeinigt hätten, wirke heute ein anonymes System. Das wirke sich auf das Verhalten aus. «Die Verpflichtung, das Richtige zu tun, fühlt man dann, wenn man jemandem ins Gesicht schaut», so Fraser. Es sei wenig erstaunlich, dass das Gefühl moralischer Verpflichtung gegenüber anderen abnehme, wenn sämtliche Aktivitäten technisch abliefen.

Zweitens setzten die Händler heute im Gegensatz zu früher nicht eigenes, sondern fremdes Geld ein. «Je mehr fremdes Geld in das System floss, desto grössere Risiken sind die Institute eingegangen», schreibt Fraser weiter. Er macht den von Margaret Thatcher eingeläuteten «Big Bang» am 27. Oktober 1986 für den Kulturwandel im britischen Banking verantwortlich. An jenem Tag wurde das bisherige Händlerkartell mit seinen fixierten Kommissionen und klaren Standesregeln gesprengt. Wenig später stellte die Börse ausserdem auf elektronischen Handel um. Mit seiner Einschätzung ist Fraser nicht allein. Ebenso oft schreiben Beobachter allerdings auch über den wirtschaftlichen Erfolg, den der Londoner Finanzplatz seither vorzuweisen hat.

Tatsächlich kam die Umfrage zu einem weiteren Befund: In einer Altersklasse, jener der über 55-Jährigen, wurde Geld nicht als Hauptmotiv für die Berufswahl genannt. Hier steht der Spass an der Arbeit im Vordergrund. Ob der Grund dafür tatsächlich ein anderes Berufsverständnis ist – oder einfach die Tatsache, dass die älteren Banker Geld schlicht nicht mehr nötig haben –, lässt die Studie offen. Wahr ist aber: Die heute 55- bis 60-Jährigen waren zum Zeitpunkt des «Big Bang» 30- bis 35-jährig. Sie sind also die letzte Generation, welche noch in der alten Berufswelt sozialisiert wurde.

«Das erstaunt mich nicht»

Manuel Ammann verantwortet an der Universität St. Gallen das Masterprogramm in Banking and Finance. Der Befund aus London erstaune ihn nicht, sagt Ammann. Er verfüge über keine repräsentativen Erkenntnisse zu den Berufswahlmotiven seiner Studierenden. Doch der direkte Umgang mit Studierenden zeige: «Die Aussicht, gut zu verdienen, ist ein sehr starker Magnet.» Dennoch gebe es durchaus junge Menschen, die auch aus einem Interesse an sachlichen Fragestellungen – etwa an der Entwicklung von Finanzprodukten – die Bankenlaufbahn wählten. «Sie ticken ähnlich wie Ingenieure, sie suchen die intellektuelle Herausforderung.»

An der Universität St. Gallen ist auch ein Ethikkurs Teil des Programms. Auch in anderen Kursen, etwa wenn es um Derivate ginge, würden mögliche Wirkungen der Produkte und das Thema Verantwortung diskutiert, sagt Ammann. Man müsse jedoch realistisch sein: «Mit welchen Anreizen die Studierenden später im Berufsleben konfrontiert sind, liegt nicht in unserer Hand.» Im Fazit der Studie lautet das so: «Wenn man im Finanzsektor arbeitet und gut verdient, ist der Abgrund, in den man aufgrund der grossen Jobunsicherheit schaut, tief und fürchterlich.»

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 10.11.2011, 13:13 Uhr)

Stichworte

Die Studie

Unter dem Titel «Value and Values» (Wert und Werte) hat das Forschungsinstitut Comres erstmals Banker in der City of London zu ihren ethischen Überzeugungen befragt. Comres ist ein staatlich anerkanntes Umfrageinstitut.

In Auftrag gegeben hat die Studie das St. Paul's Institute, eine Nonprofitorganisation der bekannten St. Pauls Cathedral im Zentrum Londons. Das Institut hat sich zum Ziel gesetzt, das Nachdenken über Ethik in der Finanzwelt zu fördern.

Befragt wurden 515 Banker im August und September 2011. Mehr zum Vorgehen finden Sie hier.

Artikel zum Thema

Die älteste Bank der Welt taumelt

Alter schützt vor der Krise nicht: Die 1472 gegründete Banca Monti dei Paschi in Siena steckt mitten im Euro-Wirbelsturm. Deshalb kann sie nicht mehr der «Bancomat der Region» sein. Mehr...

Die Liste der systemrelevanten Banken

Cannes Die führenden Volkswirtschaften (G20) haben aus der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 und den katastrophalen Folgen für die Weltwirtschaft gelernt. Mehr...

UBS-Übergangschef Sergio Ermotti stellt sich hinter Investmentbank

Die UBS wird auch in Zukunft Investmentbanking betreiben. Mehr...

Marktplatz

Blogs

Hauptstädter In der Bürowüste
Beruf + Berufung Wie Worte ins Herz treffen

Die Welt in Bildern

Jagdinstinkt: Im Wildpark Entebbe, Uganda, holt sich ein Löwe das Futter vom Baum. (31. Oktober 2014)
(Bild: Edward Echwalu ) Mehr...