«Was Economiesuisse daraus macht, ist deren Sache»

ETH-Professor Peter Egger hat die Energiewendestudie für Economiesuisse erstellt. Die Reaktionen waren heftig – und für die ETH nicht nur schmeichelhaft. Nun nimmt Egger Stellung.

«Ich habe keine Aussage darüber gemacht, ob der Atomausstieg zu machen ist oder nicht»: Umstrittenes Kernkraftwerk Mühleberg.

«Ich habe keine Aussage darüber gemacht, ob der Atomausstieg zu machen ist oder nicht»: Umstrittenes Kernkraftwerk Mühleberg. Bild: Keystone

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Herr Egger, Sie sind Autor der ETH-Studie, welche gestern von Economiesuisse vorgestellt wurde. Müssen wir bei der Energiewende mit Atomausstieg wirklich mit einem Verlust eines Viertels des BIP rechnen?
Meine Studie macht keine Prognosen. Wir haben nur Szenarien angeschaut und daraus errechnet, welchen Einfluss sie auf die verschiedenen Wege der Energiewende ausüben.

Economiesuisse hat aber daraus abgeleitet, dass die Grundlagen der Energiestrategie 2050 «unsolide und volkswirtschaftlich gefährlich» seien. Fühlen Sie sich nicht missbraucht?
Es ist das Recht jeder Interessengruppe, vorhandene Erkenntnisse in ihrem Sinne zu interpretieren. Ich habe dafür Verständnis.

Aber Economiesuisse beruft sich nun auf Sie, nennt Ihren Namen, und sagt, so geht der Atomausstieg nicht.
Ich habe keine Aussage darüber gemacht, ob der Atomausstieg zu machen ist oder nicht. Ich sage einzig, welche wirtschaftlichen Folgen unterschiedliche Szenarien nach sich ziehen.

«Die ETH Zürich gerät zwischen die Fronten», «Krieg der Studien» und «ETH wird zur doppelten Kronzeugin» titelte heute die Presse. Das kann Ihnen kaum gefallen.
Natürlich sind auch mir die heftigen Reaktionen in den Medien aufgefallen. Ich glaube aber, dass ich vom einen oder anderen Medium ungerechtfertigt kritisiert werde. Ich werde im Übrigen heute darauf auf meiner Website eine Replik schreiben.

Was wurde denn Falsches geschrieben?
Es heisst zum Beispiel, dass eine weitere Studie der ETH zu komplett anderen Resultaten komme. Wenn man sich aber genau mit den Inhalten der Studie befasst, wird ersichtlich, dass sich die Resultate – dort wo ähnliche Fragestellungen zugrunde liegen – nicht gross unterscheiden. Auch zu anderen Vorwürfen werde ich Stellung nehmen.

Sie sind also der Meinung, Medien hätten Ihre Studie nicht richtig wiedergegeben?
Gewisse Pressedarstellungen sind sicher nicht in meinem Sinne. Aber es ist nicht so, dass mich die ersten Reaktionen nun gross überraschen. Es braucht Zeit, um sich mit solchen Sachen zu befassen. Ich verstehe meine Studie als Beitrag zur Debatte über die Energiewende.

Ein ETH-Kollege von Ihnen sagt, die Fragestellung, welche Ihrer Studie zugrunde liegt, sei einzig auf das gewünschte Resultat ausgerichtet.
Das kann ich nicht nachvollziehen. Nochmals, wer die Studie genau liest, sieht, dass eine ganze Bandbreite von Auswirkungen der Energiewende auf die Volkswirtschaft möglich sind. Selbst Befürworter der Energiewende und des Atomausstiegs würden in unserer Studie Argumente für ihre Sache finden.

Welche denn?
Zum Beispiel gibt es Szenarien, in denen der Nuklearausstieg selbst nahezu kostenlos ist. Des Weiteren gibt es Szenarien, in denen die Ersetzung des Nuklearstroms durch Ökostrom besser herauskommt als ein Ersatz durch CO2-intensive Energieerzeugung. Es gibt Szenarien, wo ein Alleingang der Schweiz auch ohne Abstimmung mit dem Ausland gerechtfertigt wäre. Und schliesslich wird der Forschung als Technologieträger eine grosse Bedeutung zugesprochen. Die Studie zeigt eines: eine einfache Rezeptur für die beste Politikwahl gibt es nicht. Vieles hängt davon ab, was das angrenzende Ausland macht.

Die ETH hat einen exzellenten Ruf. Wird es für die Institution nicht zum Problem, wenn aus dem gleichen Haus zum gleichen Thema Studien mit gegenteiligen Resultaten kommen?
Bei der Energiewende geht es um ganz viel: finanziell, technisch, politisch und gesellschaftlich. Da ist es doch nur normal, wenn verschiedene Institute der ETH sich mit den diversen Aspekten dieses Kraftakts beschäftigen.

Im Volk könnte aber schnell die Meinung entstehen, die wissen selber nicht, was sie sagen.
Dass viele Menschen im ersten Moment diesen Eindruck erhalten, kann ich nachvollziehen. Aber das ist doch bei Pharmastudien nicht anders. Die Materie ist in beiden Fällen komplex und es braucht Wochen und Monate, um die neu gewonnenen Erkenntnisse zu erfassen und in die öffentliche Debatte hineinzutragen. Hier sind die Journalisten als Intermediäre gefordert.

Müsste nicht die ETH, zum Schutz ihres Rufes, die Zusammenarbeit der verschiedenen Institute mit Interessenverbänden koordinieren?
Es ist nicht an mir, das zu entscheiden. Meiner persönlichen Meinung nach muss sie das nicht. Es gibt ja nicht «die Institutsmeinung».

Haben Sie mit Economiesuisse vorab besprochen, wie der Verband Ihre Studie zitiert?
Nein. Ich bin Forscher und habe meine Ergebnisse abgeliefert. Was Economiesuisse daraus macht, ist deren Sache.

Würden Sie wieder mit Economiesuisse zusammenarbeiten?
Ja. Solange die Unabhängigkeit meiner Forschung gewährleistet bleibt, bin ich für Forschungsförderung durch unabhängige und abhängige Institutionen ohne irgendeine Farbzugehörigkeit offen. Wie auch aus dieser Studie ersichtlich ist, werden von mir keine Meinungen, sondern ausschliesslich Resultate angeboten und publiziert. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 31.01.2013, 12:07 Uhr)

«Ich werde eine Replik schreiben»: ETH-Professor Peter Egger.

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