Wirtschaft
Was die Eurokrise für den Franken bedeutet
Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 30.03.2010 12 Kommentare
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Euro in der Krise: Die Serie
Tagesanzeiger.ch/Newsnetz berichtet in einer losen Serie über die Probleme der europäischen Währung sowie Gewinner und Verlierer der Euro-Krise.
Im ersten Teil haben Sie gelesen: Der wahre Grund für die Euro-Krise. Die aktuelle Krise beruht auf Fehlentscheiden, die vor Jahrzehnten gefällt wurden.
Im zweiten Teil haben Sie gelesen: . Das Verhängnis des frühen Erfolgs. Warum der Euro erst zur Erfolgsgeschichte wurde und weshalb sich gerade deshalb wesentliche Schwächen verschärft haben.
Im dritten Teil haben Sie gelesen: Wahn und Grössenwahn. Warum der Euro nie zur Weltwährung wird und weshalb der chinesische Renminbi diese Rolle einnehmen wird.
Im vierten Teil haben Sie gelesen: Das Scheitern der Euro-Vorläufer. Das «Bretton Woods»-System und andere Versuche mit Währungsvereinigungen.
Im fünften Teil haben Sie gelesen: Wie Amerika dem bankrotten New York zu Hilfe eilte. Vom Umgang der USA mit Finanzkrisen in Teilstaaten.
Im sechsten und letzten Teil lesen Sie heute: Wie die Gemeinschaftswährung die Schweiz herausfordert.
Die Krise um den Euro stösst auch in der Schweiz auf grosses Interesse. Die Sorge dreht sich vor allem um eine übermässige Aufwertung des Schweizer Frankens im Verhältnis zur Gemeinschaftswährung. Tatsächlich hat der Wert des Schweizer Frankens gegenüber dem Euro in den letzten Tagen den höchsten Wert erreicht, seit dieser eingeführt wurde.
Eine Reihe von Ökonomen geht davon aus, dass der Euro gegenüber dem Franken noch weiter fallen wird. Jene der Banken Credit Suisse und Sarasin setzen auf einen Kurs von 1,40 Franken pro Euro innert Jahresfrist. Für die Schweizer Exportindustrie und den Tourismus sind das keine guten Nachrichten. Laut Johann Schneider-Ammann, Präsident des Maschinenindustrieverbandes Swissmem, sind die Exportunternehmen «fit für einen Kurs bei 1,50».
Schwächen kann man immer
Eine starke Währung zu schwächen ist für eine unabhängige Zentralbank wie jene der Schweiz weit weniger schwer als umgekehrt, wenn sie den Franken stärken müsste. Sie braucht nur per Knopfdruck neue Franken zu drucken, um dafür zum Beispiel Euros zu kaufen. Das hat bloss zwei mögliche Nachteile: Erstens kann die zunehmende Geldmenge zu einer steigenden Teuerung führen und zweitens riskiert die Schweizerische Nationalbank SNB (SNBN 1089 2.06%) auf den Devisenreserven Währungsverluste – erst recht, wenn der Eurokurs weiter fällt. Die Interventionen der SNB zur Schwächung des Frankens haben seit einem Jahr bereits zu einer Verdoppelung der Devisenreserven geführt.
Bisher hat die SNB den Franken vor allem zu schwächen versucht, weil sie eine schlimmere Wirtschaftskrise mit Deflation – einem sinkenden Preisniveau – verhindern wollte. Noch gilt offiziell die Politik, dass eine übermässige Aufwertung verhindert werden soll. Doch Marktbeobachter meinen zu erkennen, dass sich die Nationalbank nicht mehr so sehr an einer Verteuerung des Frankens stört, wie auch schon. Noch bis zum Dezember hat sie alles getan, um einen Europreis von unter 1,50 Franken zu verhindern. Neu rücken Sorgen um eine steigende Inflation in den Vordergrund. Der teure Franken verbilligt die Importe und senkt damit das Preisniveau. Ausserdem vertraut die SNB offenbar auf einen genügend starken Aufschwung der Weltwirtschaft. Für die Schweizer Exporte ist die Konjunkturlage in den Absatzländern wichtiger als der Frankenkurs.
Die Debatte wurde schon einmal geführt
Trotzdem hat die Eurokrise Ängste neu erweckt, die in der Schweiz schon vor der Einführung der Gemeinschaftswährung sowohl bei der Nationalbank, wie in der Politik zu intensiven Debatten geführt haben. Die Sorge galt damals schon einer Krise der neuen Währung, die zu einer dramatischen Aufwertung des Frankens gegenüber dem Euro führen könnte, zumindest jedoch zu starken Ausschlägen bei den Wechselkursen.
Drei Strategien wurden ins Auge gefasst, um dem zu begegnen: Eine fixe Anbindung des Frankens an den Euro, eine Zufuhrbeschränkung für ausländische Kapitalströme zum Beispiel durch Strafzinsen (Negativzinsen) und eine Lockerung der Geldpolitik. Die beiden ersten Strategien wurden verworfen: Eine Anbindung hätte bedeutet, dass die Geldpolitik der Schweiz praktisch in die Hände der Europäischen Zentralbank gelegt worden wäre, Kapitalverkehrsbeschränkungen galten als ineffizient und kaum durchführbar.
Ein unerwarteter Schwächeanfall
Entschieden hat man sich schliesslich für die Schwächung des Frankens im Fall einer übermässigen Abwertung. Dass man damit eine höhere Inflation in Kauf nehmen würde, war den Verantwortlichen damals bewusst. Doch man hat gehofft, dass bei einem übermässig starken Franken die Konjunkturlage ohnehin zusätzliche Geldspritzen gebrauchen kann und die Inflation sich dann auf Tiefstständen befindet.
Kurz: Man hat sich exakt auf Szenarien eingestellt, die heute höchst aktuell sind. Damals allerdings verflogen die Sorgen um einen übermässig schwachen Euro rasch wieder: Ab 2003 setzte die Gemeinschaftswährung zu einem Höhenflug an und bald wurde statt der Stärke des Schweizer Frankens dessen ausgeprägte Schwäche debattiert. Im Herbst 2007 kostete der Euro mehr als 1,68 Franken.
Der Vorteil des starken Frankens
Jetzt wird die Beziehung des Frankens zum Euro wieder, wie schon vor seiner Einführung, vor allem von der Angst dominiert, der Schweizer Franken könnte zu teuer werden. Dabei geht fast vergessen, dass eine starke Währung ein grosser Vorteil ist. Die Kaufkraft des Frankens ist schliesslich höher. Ausländische Güter sind günstiger und auch Ferien im Ausland. Das Land ist reicher. Wie erwähnt, ist es selbst für die Geldpolitik immer möglich, die eigene Währung zu schwächen.
Selbst für die Exporteure ist ein starker Franken nicht ein derart grosser Nachteil, wie es auf den ersten Blick scheint. Seit 1973 wertete sich der Franken im Vergleich zu anderen Währungen kontinuierlich auf, parallel dazu legten die Schweizer Unternehmen auf den Weltmärkten zu. Der Grund ist einfach: Um wettbewerbsfähig zu bleiben, blieb nur der Weg über eine bessere Qualität und eine effizientere Produktion. Problematisch ist daher für die Exporteure nicht die Aufwertung des Frankens an sich, sondern ihr sprunghaftes Auftreten. Nicht zuletzt deshalb fordert noch nicht einmal Johann Schneider-Ammann Aktionen der Nationalbank zur Schwächung des Frankens, obwohl er mit dem gegenwärtigen Frankenkurs unzufrieden ist.
Der Euro ist nicht alles
Der Euroraum ist zwar nach wie vor der mit Abstand wichtigste Absatzmarkt für Schweizer Produkte, doch seine Bedeutung nimmt ab. Beim Wachstum überwiegen die aufstrebenden Volkswirtschaften. Blickt man nicht alleine auf das Verhältnis des Frankens zum Euro und bezieht auch andere für die Schweiz wichtige Währungen und die Güterpreise mit ein, erhält man den sogenannten handelsgewichteten realen Wechselkurs. Gemäss den Ökonomen der Bank Sarasin ist so gemessen der Franken heute sogar günstiger als noch 2003.
Trotz all den aktuellen Problemen, die die gegenwärtige Schwäche des Euro für den Schweizer Franken hat, überwiegen dennoch die Vorteile der unabhängigen Währung: Die Nationalbank kann autonom für die Schweizer Wirtschaft die Geldpolitik festlegen. Dass die Kapitalmärkte dem Franken immer einen Hang zur Stärke zutrauen, hat einen weiteren gewichtigen Vorteil für die Schweiz: Die Zinsen sind tiefer. Das führt zu günstigeren Hypothekarkrediten und Investitionen. Das kommt wiederum dem Wachstum des Landes zugute. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 30.03.2010, 13:30 Uhr
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