Was hinter dem deutschen Jobwunder steckt

In Deutschland haben so viele Menschen einen Job wie seit 25 Jahren nicht mehr. Die drei wichtigsten Gründe für diesen Rekord.

Mehr Arbeit dank tiefem Euro: Ein Arbeiter beim Schweissen in einem deutschen Industriekonzern. (Archiv)

Mehr Arbeit dank tiefem Euro: Ein Arbeiter beim Schweissen in einem deutschen Industriekonzern. (Archiv) Bild: Keystone

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Der deutsche Arbeitsmarkt ist um einen Superlativ reicher. Seit zehn Jahren sinkt die Zahl der Erwerbslosen in Deutschland fast ununterbrochen, 2015 hat sie nun ein neues Rekordtief erreicht. 1,96 Millionen Menschen waren letztes Jahr ohne Job (nach Definition der Internationalen Arbeitsorganisation ILO), das sind so wenige wie seit der Wiedervereinigung 1990 nicht mehr. Gleichzeitig stieg die Zahl der Erwerbstätigen um 324'000 auf 43 Millionen (nach Definition des deutschen Statistischen Bundesamtes). Auch das ist ein neuer Rekord seit 1990. Und er kam trotz der Einführung des Mindestlohns Anfang Jahr zustande, wie die Behörden betonen. Kritiker hatten damals gewarnt, dass der Mindestlohn zu höherer Arbeitslosigkeit führen werde.

Das deutsche Jobwunder, das schon seit Jahren beschworen und gepriesen wird, scheint also weiterzugehen. Doch was steckt eigentlich hinter diesen beeindruckenden Zahlen? Und wie nachhaltig sind sie wirklich? Dazu eine Übersicht.

Die wichtigsten Gründe für die Rekordbeschäftigung

1. Viele Löhne sind gesunken.

Seit Mitte der 90er-Jahre rückt Deutschland immer weiter von zentralen Lohnverhandlungen ab, heisst: Die Verhandlungen über Löhne werden vermehrt auf der Ebene von einzelnen Unternehmen geführt anstatt für ganze Branchen oder Regionen. Das lasse mehr Lohnflexibilität zu und habe dadurch einen positiven Effekt auf den Arbeitsmarkt, sagt der Ökonom George Sheldon. «Früher wurden Tariflöhne für ganze Industrien und meist sämtliche Bundesländer ausgehandelt. Das war nicht unbedingt beschäftigungsfördernd.» Die Dezentralisierung der Lohnverhandlungen habe wesentlich zur Verbesserung der wirtschaftlichen Situation in Deutschland in den letzten Jahren beigetragen, schreibt dazu der Londoner VWL-Professor Christian Dustmann in einem Blog-Beitrag. «Dieser Dezentralisierungsprozess trug dazu bei, die Löhne – insbesondere am unteren Ende der Lohnverteilung – zu senken, was letztlich die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft verbesserte.»

Übersetzt bedeutet das: Es sind zwar mehr Menschen erwerbstätig, dafür verdienen sie oft weniger, vor allem in schlecht bezahlten Jobs. Tatsächlich sind die Reallöhne der Besserverdienenden laut einer Studie der deutschen Bertelsmann-Stiftung seit Mitte der 90er um 2,5 Prozent gestiegen, während jene mit den niedrigsten Löhnen heute 2 Prozent weniger verdienen (s. Abbildung unten). «Nichts anderes verschärft die Lohnungleichheit in Deutschland so stark wie die nachlassende Tarifbindung», schreibt die Denkfabrik dazu. Zwar sei die Lohnungleichheit in Deutschland nach wie vor geringer als im OECD-Durchschnitt. «Jedoch stieg sie in den vergangenen beiden Jahrzehnten schneller als etwa in den USA und Grossbritannien.»

2. Mehr Minijobs – mehr Erwerbstätige

Es ist eine der umstrittensten und folgenreichsten Sozialreformen der letzten Jahrzehnte: Die 2004 eingeführte Hartz-IV-Reform, benannt nach dem VW-Manager Peter Hartz. Unter anderem senkte sie die finanzielle Unterstützung für Langzeitarbeitslose auf das Niveau der Sozialhilfe, um den Anreiz zu erhöhen, auch schlecht bezahlte Jobs anzunehmen. Und es wurden die sogenannten Minijobs eingeführt. Das Prinzip: Wer weniger als 450 Euro im Monat verdient, muss keine Abgaben darauf bezahlen. Ziel war es, Erwerbslosen den Einstieg in den Arbeitsmarkt zu erleichtern.

Gerade die Minijobs haben in den letzten Jahren zu heftigen Debatten geführt. Denn seit ihrer Einführung ist die Zahl der Menschen, die weniger als 450 Euro verdienen, stark angestiegen, von 5,5 auf 7,45 Millionen. Arbeitgeber benutzten Minijobs als billige Alternative zu regulären Stellen, kritisieren Gewerkschaften und linke Politiker. Minijobs erhöhten die Vermittlungsfähigkeit von Arbeitnehmern und stellten so einen Weg aus der Erwerbslosigkeit dar, sagen andere. Ausserdem begrüssten viele Angestellte die Möglichkeit, arbeiten zu können, ohne Abgaben zahlen zu müssen. Klar ist: Durch die Zunahme der Minijobs ist auch die Zahl der Erwerbstätigen gestiegen.

3. Der schwache Euro hilft der deutschen Wirtschaft.

Hätte Deutschland noch eine eigene Währung, wäre diese stärker, als es der 2002 eingeführte Euro heute ist. In den letzten fünf Jahren hat die Gemeinschaftswährung gegenüber dem Dollar fast 20 Prozent an Wert eingebüsst, gegenüber dem Franken waren es 13 Prozent. Das hilft der deutschen Industrie, weil die Preise für ihre Produkte im Ausland entsprechend gesunken sind.

Laut einer Studie der Unternehmensberatung Ernst & Young sind die deutschen Unternehmen derzeit denn auch so optimistisch wie selten. Fast jede fünfte börsennotierte Firma habe im letzten Jahr ihre Geschäftsprognose angehoben, das seien so viele wie seit fünf Jahren nicht mehr. Doch dieser Optimismus sei weniger auf die operative Stärke der Firmen als vielmehr auf Währungseffekte zurückzuführen. Der schwache Euro wirke bei vielen Konzernen als Umsatz- und Gewinnturbo. «Schwacher Euro schönt die Aussichten deutscher Firmen», titelte daraufhin «Spiegel online». Und die Studienautoren warnen: Sollte der Euro wieder stärker werden, könnte es für viele deutsche Firmen ein böses Erwachen geben – und damit auch für die Angestellten.

Unklar ist auch, welche Folgen der Anfang 2015 eingeführte Mindestlohn für den Arbeitsmarkt haben wird. Das Statistische Bundesamt weist darauf hin, dass die Zahl der Erwerbstätigen auch mit Mindestlohn weiter nach oben geklettert ist. Für ein Fazit sei es allerdings noch viel zu früh, sagt George Sheldon. «Die Beschäftigung wird von zahlreichen Faktoren in unterschiedlichem Ausmass beeinflusst, etwa von der Konjunktur, von Währungseffekten, den Rohstoffpreisen, dem Zinsumfeld oder eben den Löhnen.» Entsprechend schwierig ist es laut Sheldon, Prognosen für die weitere Entwicklung des deutschen Arbeitsmarktes zu machen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 06.01.2016, 10:21 Uhr)

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