Was ist nur in die SNB gefahren?

Mit der Aufhebung des Euromindestkurses säen die Währungshüter extreme Verunsicherung. Dabei gab es doch Anzeichen einer Erholung im Euro-Raum!

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Was ist nur in die Schweizerische Nationalbank (SNB) gefahren? Völlig überraschend, ohne den leisesten Hauch einer Vorwarnung hat sie die im September 2011 eingeführte Kursuntergrenze von 1.20 Franken je Euro aufgehoben. Begründet wird dies damit, dass sich die Franken-Überbewertung verringert habe und die Schweizer Wirtschaft die letzten dreieinhalb Jahre nutzen konnte, um sich auf das veränderte Umfeld einzustellen. Das mag sicher stimmen. Doch mit der plötzlichen Aufhebung des Mindestkurses entzieht die SNB den exportierenden Unternehmen hierzulande eine der wenigen Grundlagen, auf denen sie ihre Kalkulationen anstellen konnten.

Im Gegenzug zur Aufhebung der Eurokursbarriere schraubt die Nationalbank das Zinsgefüge noch tiefer in den negativen Bereich. Der Minuszins für grosse Guthaben auf den SNB-Girokonten wird von −0,25 auf −0,75 Prozent reduziert, das Zielband für den Dreimonatslibor um 0,5 Prozentpunkte auf −1,25 bis −0,25 Prozent zurückgefahren. Ob diese Zinssenkungen ausreichen werden, um den mit dem aufgehobenen Euromindestkurs ausgelösten Dammbruch aufzufangen, muss nach den ersten Reaktionen auf den Devisenmärkten bezweifelt werden. Der Euro ist kurz nach Bekanntgabe des SNB-Entscheids regelrecht abgestürzt – auf Kurse von unter 90 Rappen.

Dass Notenbanken das geldpolitische Steuer derart radikal und überraschend herumreissen und die Märkte damit in schweren Wellengang bringen, kommt höchst selten vor. Man wird das Gefühl nicht los, als habe die Nationalbank etwas allzu abrupt gehandelt. Für Aussenstehende bestand kein Anlass, anzunehmen, dass die Marktakteure irgendwelche Zweifel an der Entschlossenheit der SNB hegten, die Kursuntergrenze durchzusetzen. Ob unsere Währungshüter ihre Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit mit dem heutigen Sensationsentscheid zu stärken vermögen, steht auf einem anderen Blatt.

Warum also die Aufhebung des Euromindestkurses – und gerade jetzt? Hauptgrund dürfte die absehbare geldpolitische Entwicklung im Euroraum sein. Alle Zeichen sprechen dafür, dass die Europäische Zentralbank nächste Woche ihre Geldschleusen noch einmal massiv aufreissen und ein Programm zum Aufkauf von Staatsanleihen nach amerikanischem Vorbild auflegen wird. Unmittelbare Folge dürfte eine weitere Schwächung des Euro sein – und damit hätte der spekulative Druck auf den Mindestkurs sicher noch zugenommen. Gut möglich ist aber eben auch, dass sich der Eurokurs im weiteren Verlauf des Jahres erholen wird, wenn sich in den Ländern des Währungsverbundes – dank dem tiefen Ölpreis – erste Anzeichen einer Konjunkturbelebung bemerkbar machen. Das wäre dann wohl der günstigere Zeitpunkt gewesen, die Anbindung an den Euro aufzugeben. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 15.01.2015, 12:40 Uhr)

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Der zähe Kampf der Währungshüter Der Kampf gegen den starken Franken hält die Schweizer Währungshüter schon seit Jahren auf Trab. Ein Überblick.

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Wirtschafts-Reporter Robert Mayer.

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