Wer löst das Hungerproblem: Spekulanten oder Romantiker?

Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 26.01.2012 70 Kommentare

Ein wichtiges Thema am WEF ist der Kampf gegen den Hunger. Wie in der Energiefrage stehen sich zwei unversöhnliche Lager gegenüber.

42 Prozent der indischen Kinder unter fünf Jahren sind unterernährt: Kinder im Zentrum der Hilfsorganisation Apanalay, die sich um mangelernährte Kinder kümmert.

42 Prozent der indischen Kinder unter fünf Jahren sind unterernährt: Kinder im Zentrum der Hilfsorganisation Apanalay, die sich um mangelernährte Kinder kümmert.
Bild: Keystone

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Der Kampf gegen den Hunger gehört zu den wichtigsten Herausforderungen der Gegenwart. Der Grund dafür ist banal: Bis zur Mitte dieses Jahrhunderts werden mehr als neun Milliarden Menschen auf dem Planeten Erde wohnen, das ist eine Zunahme von rund 2,5 Milliarden gegenüber heute. Gleichzeitig wird der neue Mittelstand in den aufstrebenden Ländern mehr Fleisch verzehren wollen. Deshalb gehen die Experten der UNO davon aus, dass weltweit die Nahrungsmittelproduktion bis 2050 etwa um 70 Prozent gesteigert werden muss. Aber wie? Eine zweite grüne Revolution wird es nicht geben. Darunter versteht man die massive Steigerung der Produktivität in der Landwirtschaft in den 1960er- und 1970er-Jahren. Zwei Dinge haben diese Revolution ermöglicht: Erdöl und Dünger. Dieses Potenzial ist heute ausgeschöpft. So stellt der Entwicklungsökonom Paul Collier fest: «Wegen des Anstiegs der Düngemittelpreise – ein Nebeneffekt der hohen Energiepreise – wird eine grüne Revolution in Afrika nicht auf chemischer Basis stattfinden können.» Collier ist Professor in Oxford und einer der führenden Experten auf diesem Gebiet.

Keine Selbstversorgung in Slums

Die Klimaerwärmung macht die Lage noch misslicher. Es ist damit zu rechnen, dass sie vermehrt zu Rekorddürren oder Rekordfluten führen wird. Beides wird den Anbau von Lebensmitteln zusätzlich erschweren. Auch die sozialen Rahmenbedingungen haben sich verändert. In den ärmsten Ländern leben immer mehr Menschen in den Slums von Megastädten. Dort haben sie keine Möglichkeit, sich selbst zu versorgen, sondern sind auf staatlich subventionierte Grundnahrungsmittel angewiesen. Wenn diese wegen Knappheit teuerer werden, ist die soziale Unrast programmiert. «Hungrige Slumbewohner werden ihr Schicksal kaum stumm ertragen», warnt Collier.

Wie in der Energiefrage stehen sich auch beim Hungerproblem zwei unversöhnliche Lager gegenüber: Die einen setzen auf Atomkraft und Gentechnik, die anderen auf erneuerbare Energien und organischen Lebensmittelanbau. Ins zweite Lager gehört die indische Umweltaktivistin Vandana Shiva. Sie vertritt den Standpunkt, dass die grüne Revolution mehr Schaden als Nutzen angerichtet hat. «Sie hat zur Erosion von fruchtbarer Ackererde geführt, neue Wüsten geschaffen, die Getreideernte chemisch verpestet und die Bauern in die Schulden getrieben», sagt sie.

Spekulation verknappt Lebensmittel

Für das Biolager ist Hunger zudem in erster Linie ein Logistikproblem. In Indien sterben am meisten Menschen an Hunger, doch Indien produziert grundsätzlich genügend Lebensmittel. Fast die Hälfte davon verrottet jedoch, weil es keine vernünftige Infrastruktur gibt. Auch die Spekulation mit Lebensmitteln verstärkt das Problem unnötigerweise. So hat Glencore gemäss «Financial Times» zugegeben, im letzten April auf steigende Weizen- und Maispreise gesetzt zu haben. Die Firma hat deshalb Russland aufgefordert, ein Exportverbot von Getreide zu beschliessen. Von den dadurch ausgelösten Preissteigerungen hat Glencore profitiert. Die in Baar bei Zug beheimatete Firma ist die grösste Rohstoffhändlerin der Welt.

Für den Entwicklungsökonomen Paul Collier sind jedoch nicht primär Spekulanten, sondern die Umweltaktivisten die eigentlichen Schuldigen am Welthunger. Er bezeichnet sie als gefährliche Romantiker. «Ökologische Landwirtschaft ist vielleicht das Richtige für ausgebrannte Investmentbanker, aber sie ernährt keine hungrigen Familien», sagt er. Stattdessen setzt er auf moderne Landwirtschaft mit grossen Flächen. «Das brasilianische Modell grosser, technisch fortgeschrittener Agrarfirmen zeigt, wie Lebensmittel in grossen Mengen produziert werden können.»

Gleichzeitig plädiert Collier für die Abschaffung des Verbots für Genpflanzen. Er macht Europa mitverantwortlich für die Hungersnot in Afrika, weil die meisten afrikanischen Staaten wegen Europa die Gentechnik ebenfalls verboten haben. Das verhindert eine leistungsfähige Landwirtschaft. «Die Aufhebung des Gentechnik-Verbots in Afrika und Europa könnte die globalen Lebensmittelpreise langfristig niedrig halten», sagt Collier. Und fügt hinzu: «Wir werden den Hunger nicht besiegen, indem wir zur präindustriellen, präkommerziellen Landwirtschaft zurückkehren.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.01.2012, 15:11 Uhr

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70 Kommentare

Parvaneh Ferhadi

26.01.2012, 15:49 Uhr
Melden 24 Empfehlung

Genpflanzen sind keine Lösung, sondern ein Problem. Die Glyphosat-basierten Unkrautvertilger jedes Jahr wirkungsloser - weil das Unkraut dagegen Resistenzen entwickelt. Die benötigten Mengen steigen an - und die gesundheitlichen Probleme die auf Glyphosat zurückgehen sind gut dokumentiert und nehmen zu. Die Auswirkungen der GMO auf den Menschen sind unklar, Tierversuche aber alarmierend. Antworten


beat buerki

26.01.2012, 15:28 Uhr
Melden 22 Empfehlung

es liegt ein riesen potential bei der verschwendung von lebensmitteln. in europa und den usa werden mehr als 30%, meist mehr als 50% der lebensmittel weggeschmissen, weil sie nicht mehr so frisch seien. und weil ein brot halt nur noch ein paar stunden hält, statt wie früher tage. das führt zu mehr importen und verteuert so grundnahrungsmittel in entwicklungsländern. Antworten



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