Wirtschaft

Wie Amerika dem bankrotten New York zu Hilfe eilte

Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 25.03.2010 15 Kommentare

Der Fall Griechenland erinnert an das für den Big Apple bange Jahr 1975. Aber New York hatte damals offenbar die besseren Freunde als heute die Hellenen.

Ford wollte New York nicht helfen: Die berühmte Headline vom 29. Oktober 1975.

Ford wollte New York nicht helfen: Die berühmte Headline vom 29. Oktober 1975.

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Euro in der Krise: Die Serie

Tagesanzeiger.ch/Newsnetz berichtet in einer losen Serie über die Probleme der europäischen Währung sowie Gewinner und Verlierer der Euro-Krise.

Im ersten Teil haben Sie gelesen: Der wahre Grund für die Euro-Krise. Die aktuelle Krise beruht auf Fehlentscheiden, die vor Jahrzehnten gefällt wurden.

Im zweiten Teil haben Sie gelesen: . Das Verhängnis des frühen Erfolgs. Warum der Euro erst zur Erfolgsgeschichte wurde und weshalb sich gerade deshalb wesentliche Schwächen verschärft haben.

Im dritten Teil haben Sie gelesen: Wahn und Grössenwahn. Warum der Euro nie zur Weltwährung wird und weshalb der chinesische Renminbi diese Rolle einnehmen wird.

Im vierten Teil haben Sie gelesen: Das Scheitern der Euro-Vorläufer. Das «Bretton Woods»-System und andere Versuche mit Währungsvereinigungen.

Im fünften Teil lesen Sie heute: Wie Amerika dem bankrotten New York zu Hilfe eilte. Vom Umgang der USA mit Finanzkrisen in Teilstaaten.

Im sechsten und letzten Teil lesen Sie am nächsten Dienstag: Wie die Gemeinschaftswährung die Schweiz herausfordert.

Kein Grieche, kein Spanier und kein Spekulant soll sich darauf verlassen können, dass Deutschland Griechenland aus dem Schlamassel hilft. Nach dieser Devise verfährt derzeit Bundeskanzlerin Angela Merkel und verbreitet eine gezielte Verunsicherung. Der Euro torkelt von einem Schwächeanfall zum nächsten, die Märkte reagieren mit höheren Zinsen für griechische Schulden. Wahrscheinlich wird jedoch auch die Kanzlerin irgendwann einem Bail-out der Griechen in irgendeiner Form zustimmen. Das zeigt ein Blick über den Atlantik. In den USA gibt es immer wieder ähnliche Konflikte. Sie werden aber gelöst, ohne dass der Dollar leidet.

Eine der berühmtesten Schlagzeilen des zeitgenössischen Journalismus stammt vom 29. Oktober 1975. Damals schrieb die Boulevardzeitung «New York Daily News» auf ihrer Frontseite in grossen Buchstaben: «FORD TO CITY: DROP DEAD». Hinter dieser Schlagzeile steckt das gleiche Drama, das sich heute zwischen Griechenland und Deutschland abspielt. Die Stadt New York war pleite und brauchte sehr dringend sehr viel Geld.

Verantwortungslose Verschwender?

Hilfesuchend wandte sie sich ans Weisse Haus. Dort stiessen die New Yorker aber auf kein Verständnis. Der damalige Amtsinhaber, Gerald Ford, war ein konservativer Republikaner aus dem mittleren Westen. Er hielt die linksliberalen New Yorker für verantwortungslose Verschwender und schwor öffentlich, ihnen keinen Cent Unterstützung zukommen zu lassen. Mit anderen Worten: Ford reagierte gegenüber New York so wie heute Bundeskanzlerin Angela Merkel gegenüber Griechenland: Werft euch unter den Zug und lasst uns in Frieden.

New York wurde schliesslich gerettet und Präsident Ford musste zähneknirschend 2,3 Milliarden Dollar zu dieser Rettung beitragen. Es ist nämlich ausgeschlossen, dass eine einzelne US-Stadt oder ein einzelner Bundesstaat bankrott gehen kann. Innerhalb der USA gibt es einen Finanzausgleich, der dafür sorgt, dass über das nationale Budget Geld von produktiveren zu weniger produktiveren Bundesstaaten fliesst. Es ist ähnlich wie in der Schweiz: Die Finanzlage eines einzelnen Kantons hat keinen Einfluss auf den Zustand des Frankens.

Kein Finanzausgleich in Euroland

Ein solcher Ausgleich fehlt in Euroland; und es gibt auch keine Regelung, wie Länder, die sich zu stark verschulden, durch die Europäische Zentralbank gerettet oder aus der Währungsunion ausgeschlossen werden können. Die einzelnen Mitglieder haben sich einzig verpflichtet, die sogenannten Maastricht-Kritieren zu erfüllen. Das bedeutet konkret, dass die jährliche Neuverschuldung nicht höher sein darf als drei Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP), und dass die Gesamtschuld 60 Prozent des BIP nicht übersteigen darf.

Diese Kriterien sind inzwischen zum schlechten Witz verkommen. Selbst die beiden Euro-Leithammel Deutschland und Frankreich haben schon dagegen verstossen, ohne dass dies Konsequenzen gehabt hätte. In der aktuellen Wirtschaftskrise beträgt die Neuverschuldung einzelner Mitglieder gar über zehn Prozent. Die anderen Euroland-Mitglieder können entweder wirkungslose Drohungen ausstossen, oder gute Miene zum bösen Spiel machen. «Das Verrückte ist: Die Europäische Zentralbank ist schlicht nicht in der Lage, den Sozialstaat Griechenland zu beschneiden, die Demografie zu verändern oder die griechischen Arbeiter produktiver zu machen», stellt der Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson in der «NZZ am Sonntag» fest. «Die einzige Lösung besteht darin, eine gemeinsame Finanzpolitik aufzubauen, die Vereinigten Staaten des Euro analog den USA.»

Trichet massregelt Merkel

Doch Griechenland kann höchstens davon träumen, wie Kalifornien in den USA behandelt zu werden. «Das würde bedeuten, dass reiche Länder wie Deutschland riesige Summen an die schwächeren Staaten überweisen», sagt Ferguson. Und genau dies will Angela Merkel auf jeden Fall verhindern. Es wäre angesichts der innenpolitischen Situation auch politischer Selbstmord. Euroland ist deshalb auch nur dem Namen nach eine Gemeinschaft. Genaugenommen ist es ein aufgemotztes System von fixen Wechselkursen.

Dieses System stösst in der Krise an seine Grenzen. Die Bundeskanzlerin denkt bereits öffentlich über einen Ausschlussmechanismus aus Euroland nach. Liegt der Euro im Sterben? Die Hiobsbotschaft ist verfrüht. Ein Auseinanderbrechen von Euroland ist nach wie vor undenkbar. Der Präsident der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, hat deshalb Angela Merkel auch postwendend die Leviten gelesen. Er halte den Gedanken, dass Länder aus der Eurozone ausgeschlossen werden könnten, für «absurd», sagte er. Auch der Chef der Euro-Gruppe, Luxemburgs Ministerpräsident Jean-Claude Juncker, warnte davor, über Ausschlüsse zu spekulieren, weil der Euro so zum «Spielball der Finanzmärkte» verkomme.

Das Gesicht nicht verlieren

Wahrscheinlich ist deshalb, dass die Euro-Gruppe und die EU-Kommission eine Lösung finden werden, die es erlaubt, Griechenland zu helfen, ohne dabei das Gesicht zu verlieren. Das ist möglich. Präsident Gerald Ford und New York haben es vorgemacht. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.03.2010, 17:28 Uhr

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15 Kommentare

Sandro Wolf

24.03.2010, 13:04 Uhr
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Griechenland braucht eine Person wie in den 80ern Margret Thatcher. Ein Führer, der den übermächtigen Gewerkschaften das Genick brechen kann, eine Quittungspflicht gegen Schwarzarbeit einführt, die Anreize Arbeitsplätze zu schaffen erhöht und die Anreize arbeitslos zu bleiben senkt. Ein Paradigmawechsel muss stattfinden, auch in den Köpfen. Nur so kann GR langfristig mithalten. Antworten


John Luternauer

24.03.2010, 13:05 Uhr
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Der EURO ist ein halbtotgeborenes Kind. Kein Staat, keine Regierung stützt die Währung. Der Euro ist ein politisches Produkt, das an den wirtschaftlichen Realitäten der Eurolandstaaten zerbrechen wird. Mit den neuen Beitrittskandidaten wird die Sache noch schlimmer. Da hilft nicht einmal mehr beten!. Antworten



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