Wirtschaft

Wie Griechenland die Welt ansteckt

Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 28.04.2010

Portugal leidet bereits, die Weltbörsen reagieren mit Verlusten, die Bankaktien besonders. Wieso ein relativ unbedeutendes Land die ganze Welt auf Trab bringen kann.

Adam Zyglis, Buffalo News/Cagle

Während die Schuldenkrise Griechenlands im Moment komplett aus dem Ruder läuft, spitzt sich auch die Lage in anderen Ländern der Eurozone dramatisch zu. Im Fokus steht vor allem Portugal, dessen Zinskosten zwar noch immer weit unter denen von Griechenland liegen, sich aber dennoch in jüngster Zeit dramatisch erhöht haben. Seit gestern sind sie für zweijähige Staatsanleihen um 1,17 Prozent auf 5,36 Prozent angestiegen. Der entsprechende Satz bei griechischen Staatsanleihen liegt bei rund 20 Prozent.

Eine Ansteckung zeigt sich auch an den weltweiten Börsen und insbesondere bei Aktien von Banken. Gemessen am Stoxx Branchenindex haben die europäischen Banken bereits rund 3,6 Prozent verloren, die amerikanischen gemäss dem KBW-Index rund 3,1 Prozent. Selbst die Schweizer Grossbanken können sich dem Abwärtsstrudel nicht entziehen. Sowohl der Kurs der UBS als auch jener der Credit Suisse haben heute Morgen mehr als 5 Prozent nachgegeben, seit am späteren gestrigen Nachmittag die Staatsschuld von Griechenland auf Junkstatus herabgestuft wurde. Erst am Nachmittag begannen sie sich wieder zu erholen.

Portugal ist nicht Griechenland

Eine solche Ansteckung ist alles andere als selbstverständlich. So etwas wie einen ökonomischen Virus gibt es nicht. Griechenland ist mit Portugal nicht überaus eng verbunden. Weder bei den Exporten noch bei den Importen oder bei den direkten Kapitalverflechtungen spielt Griechenland für Portugal eine wichtige Rolle. Dass die Banken wegen Griechenland einbrechen, wird damit erklärt, dass vor allem sie auf den Schulden des Landes sitzen. Doch die Bedeutung von Griechenland für die Weltmärkte ist nicht gross.

Das Fachblatt «Economist» schätzt den Maximalbetrag an Griechenlandschulden, der sich bei Banken weltweit in den Büchern befindet, auf 207 Milliarden Euro. Europäische Banken sollen davon mit 121 Milliarden betroffen sein. Selbst Standard & Poors schätzt in ihrem neuen Ratingbericht, dass im Falle eines Staatsbankrotts von Griechenland zwischen 30 und 50 Prozent der Schulden noch bedient würden. Damit beläuft sich das maximale Ausfallrisiko für die Banken weltweit auf 145 Milliarden Euro. Durch einen solchen Abschreiber wären sie allerdings nicht in ihrer Existenz gefährdet. Während der Finanzkrise haben Regierungen ein Vielfaches dieses Betrags in ihre Finanzinstitute gebuttert.

Ein psychologisches Massenphänomen

Das Problem sind weniger unmittelbare Zusammenhänge als eine Art psychologisches Massenphänomen, wie frühere Krisen drastisch gezeigt haben: Etwa als in der Folge eines Staatsbankrotts von Russland im Jahr 1998 auch Brasilien durch massive Abflüsse von ausländischen Anlagen massiv unter Druck geriet und die Zinsen drastisch anstiegen. Das Einzige, was die beiden Länder verbunden hat, war die Sorge der Investoren, dass Brasilien ebenfalls zahlungsunfähig werden könnte. Die Befürchtung war dann die unmittelbare Ursache der Krise im südamerikanischen Land.

Ähnliches kann sich jetzt auch in Europa ereignen. Portugal ist ein armes Land. Im Vergleich zu Griechenland weist es allerdings ein paar deutliche Pluspunkte auf: Das Budgetdefizit und die Gesamtverschuldung sind in Portugal – gemessen am Bruttoinlandprodukt BIP – deutlich tiefer. Die Gesamtverschuldung liegt mit 77 Prozent etwa auf dem Niveau von Frankreich. Das Budgetdefizit ist 2009 zwar auf 9,4 Prozent angestiegen. Doch im Jahr 2008 hat Portugal mit einem Budgetdefizit von 2,7 Prozent selbst die Obergrenze von 3 Prozent, die die Währungsunion vorschreibt, noch eingehalten. Die düsteren Haushaltszahlen sind in erster Linie das Ergebnis der Weltwirtschaftskrise und nicht – wie im Fall von Griechenland – von früherem Überborden. Das BIP des Landes ist laut Daten des Internationalen Währungsfonds im vergangenen Jahr um 2,7 Prozent eingebrochen, sollte aber – anders als in Griechenland – bereits im laufenden und im nächsten Jahr wieder zu einem bescheidenen Wachstum zurückfinden.

Märkte fokussieren auf die Schwächen

Die Kapitalmärkte fokussieren allerdings nicht auf diese Pluspunkte, sondern auf Ähnlichkeiten in den Schwächen Portugals mit jenen von Griechenland. Beide sind arm und Mitglieder der Währungsunion. Weil sie weniger produktiv sind als reichere Länder wie Deutschland, können sie die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Unternehmen nur steigern, wenn sie die Kosten, das heisst vor allem die Löhne, senken. Doch die sind ohnehin schon tief. Ein Abwertung der Währung ist unmöglich.

Wenn jetzt Ängste um die Zahlungsfähigkeit von Griechenland die Zweifel um Portugal verstärken und auf den Kapitalmärkten für portugiesische Staatsschulden noch höhere Zinsen verlangt werden, dann verschärft das erst dessen Lage. Angesichts des geringen prognostizierten Wachstums (2010: 0,3 Prozent, 2011: 0,7 Prozent) kann Portugal keine höhere Zinslast schultern, ohne dass dies die Staatsfinanzen weiter verschlechtern würde. Müsste das Land weitere Sparmassnahmen einleiten, würde das Wachstum noch tiefer ausfallen, die Finanzlage würde sich zusätzlich verschlechtern und die Risikozuschläge auf den Zinsen würden entsprechend zunehmen. So kann sich auch hier – wie schon im Fall von Griechenland, dessen Probleme seit Längerem bekannt waren – eine Spirale nach unten auftun, bis zum Staatsbankrott.

Griechenland ist erst der Auftakt

Und neben Portugal warten noch weitere Kandidaten, die auf den Kapitalmärkten nervös beäugt werden. Überschreiten anfängliche Zweifel zu deren Zahlungsfähigkeit einmal ein gewisses Limit, führt das zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung. Die drastisch ansteigenden Zinsen als Folge der Ängste lassen die Zahlungsfähigkeit von immer mehr Ländern tatsächlich zweifelhaft erscheinen. Das kann auch mittlerweile hochverschuldete Länder wie zum Beispiel Grossbritannien passieren, einige sehen sogar die USA als mögliches Opfer. Solche Szenarien sind es, die die Börsen weltweit einbrechen lassen – besonders die Banken. Griechenland könnte sich als blosse Auftaktgeschichte erweisen. Nach schweren Finanzkrisen waren Staatsbankrotte mehr die Regel als die Ausnahme. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.04.2010, 14:57 Uhr

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