Wirtschaft
Wie böse sind Spekulanten?
Von Thorsten Hens*. Aktualisiert am 02.07.2010 7 Kommentare
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Mein Sohn hat vor der Fussball-WM 100 Franken auf Griechenland als Turniersieger gewettet, während ich 10'000 Franken in griechische Staatsanleihen investiert habe. Im Erfolgsfall hätte mein Sohn 75'000 Franken erhalten. Meine Rendite, auf die ich noch immer hoffe, beträgt vergleichsweise bescheidene 20 Prozent. Ist unser Handeln vernünftig, verwerflich oder gar spekulativ? Bestimmt sind wir beide eher unsichere Wetten eingegangen. Aber ist das schlecht? Wir haben ja «nur» unser Geld investiert und sind auch nicht too big to fail, sodass keine Gefahr besteht, dass wir unsere Gewinne privatisieren und unsere Verluste sozialisieren.
Welche Auswirkung hat aber unser Verhalten auf das, worauf unsere Wetten beruhen? Es ist nicht davon auszugehen, dass die Wettquoten die Leistung der griechischen Fussballer bestimmt haben. Andererseits hängt das Überleben des griechischen Staates sehr wohl von den Refinanzierungsmöglichkeiten ab, und ein Zins von 20 Prozent ist von keinem Staat finanzierbar. Im Gegensatz zu Sportwetten haben Spekulationen auf Finanzmärkten häufig direkte reale Auswirkungen.
Zwei wichtige Aufgaben
Spekulanten haben zwei wichtige Rollen: Sie übernehmen Risiken, die etwa Produzenten gerne abgeben möchten. US-Farmer zum Beispiel verkaufen am Chicago Board of Trade ihre Ernte an Spekulanten, noch bevor sie eingebracht ist. Sie übertragen das Risiko von Missernten an Leute, die selbst gar nicht auf dem Feld stehen. Zum anderen helfen Spekulanten bei der Preisfindung für unsichere Ereignisse. Ein Spekulant hat den Anreiz, sich genau zu informieren, ob das Ereignis, auf das er setzt, eintreffen wird, und er offenbart seine Information nicht in unverbindlichen Interviews, sondern er setzt sein Geld darauf.
Die positive Sicht der Spekulation, die vor allem in Chicago (an der Uni wie an der Börse) vertreten wird, ist deshalb, dass Spekulation hilft, Investitionen in die richtigen Bahnen zu lenken, da durch sie der Ertrag einer Investition realistischer einzuschätzen ist. Überliesse man diese Lenkungsfunktion der Preise Ratingagenturen oder dem Staat, käme es – das zeigt vor allem die jüngere Geschichte – zu vielen Fehlinvestitionen. Die Ratingagenturen haben die Subprime-Hypotheken und die Pakete, die daraus geschnürt wurden, als sehr sicher eingestuft, und vor allem Staatsbanken (wie die Hypo Real Estate in Deutschland) haben damit Geld verloren.
Spekulative Attacken abwehren
Überhaupt sind die ertragreichsten Spekulationen diejenigen gegen Staaten oder ihre Nationalbanken. Beide Institutionen stemmen sich häufig aus politischen Gründen gegen die ökonomische Realität und versetzen Spekulanten, die darauf zählen, dass sich mittelfristig doch die Ökonomie gegen die Politik durchsetzt, den einen oder anderen Schock. So hat die SNB in den vergangenen Monaten über 200 Milliarden Franken gegen den Fall des Euros auf die langfristige Kaufkraftparität von 1.20 € zum Dollar gesetzt. Bei einem Wertverlust von 17 Prozent seit Beginn der Stützungsaktion ist der Schweiz ein Verlust von rund 20 Milliarden Franken entstanden. Den Gewinn können diejenigen gutschreiben, die auf die gegenteilige Entwicklung gesetzt haben.
Und doch ist Spekulation nicht immer ökonomisch heilsam, denn sie kann auch dann profitabel sein, wenn sich durch sie die wirtschaftliche Entwicklung von den ökonomisch sinnvollen Proportionen wegentwickelt. Das Lehrbuchbeispiel hierfür ist die Asienkrise 1997/98. Einer spekulativen Überinvestition in die aufstrebenden asiatischen Tiger- und Pantherstaaten folgte eine Spekulation gegen die Währungen dieser Länder, die ohne Eingriff des IWF zum Zusammenbruch der betroffenen Volkswirtschaften geführt hätte. Sowohl bei der spekulativen Überinvestition wie auch dem Fast-Zusammenbruch haben Spekulanten auf Kosten der Bevölkerung dieser Länder viel Geld verdient. In der Folge haben die asiatischen Staaten, vor allem China, ihre Währungsreserven aufgestockt, um zukünftige spekulative Attacken abwehren zu können.
Keine einfache Lösung
Dieses Beispiel zeigt, dass Spekulation ökonomische Schwankungen verstärkt und sogar Volkswirtschaften zerstören kann. Sollte sie deshalb verboten oder zumindest eingeschränkt werden? Eine zurzeit wieder beliebte Massnahme ist es, Leerverkäufe zu verbieten. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass dadurch die Schwankungen eher vergrössert werden, da dann spekulative Blasen noch gewaltiger sind und ein Zusammenbruch virulenter ist. So wurden in der Internet Bubble der Jahrtausendwende sogenannte Dotcom-Unternehmen auch deshalb so hoch bewertet, weil man sie kurz nach dem Börsengang nicht leer verkaufen konnte. Eine sinnvollere Massnahme wäre allenfalls eine Transaktionssteuer, die die Schwankungen reduzieren und aus deren Erlös ein Fonds gespeist werden könnte, der die Schäden der Spekulation beseitigt, falls sie wieder aus dem Ruder läuft. Dieser alte Vorschlag, der auf Nobelpreisträger James Tobin zurückgeht, scheint sich aber auch jetzt nicht durchzusetzen.
Wie in anderen Bereichen der Ökonomie gibt es auch in Bezug auf die Spekulation keine einfache Lösung, sondern einen Trade-off, von dem man auswählen muss. Langfristig zeigt sich, dass in Gesellschaften mit mehr Spekulationsbereitschaft das Wachstum stärker schwankt, diese Länder im Durchschnitt aber auch schneller wachsen. Dieser Zusammenhang zeigt sich erstens über die Zeit, wenn man das globale Wachstum mit seinen Schwankungen vergleicht. Die Nachkriegszeit hatte hohe Wachstumsraten und hohe Schwankungen, die Siebzigerjahre tiefes Wachstum und niedrigere Schwankungen, und seit den Achtzigerjahren haben wir wieder höhere Wachstumsraten und höhere Schwankungen. Zweitens sehen wir den Zusammenhang im Querschnitt über verschiedene Länder. Solche Länder, in denen die Neigung zur Spekulation hoch ist (wie etwa in Südkorea), haben hohe Wachstumsraten mit hohen Schwankungen, und umgekehrt (wie zum Beispiel in der Schweiz).
Auf Kosten des Wachstums
Es ist verständlich, dass nach der jüngsten Erfahrung nach mehr Stetigkeit in der wirtschaftlichen Entwicklung gerufen wird, jedoch geht dies langfristig auf Kosten des Wachstums.
Und die Griechen? Ich werde meine griechischen Staatsanleihen nach der WM verkaufen. Denn der sechsmalige Staatsbankrott von Argentinien (dem voraussichtlichen Weltmeister 2010) zeigt, dass zunächst der IWF eingreift, aber nach einer Weile, wenn sich die Märkte beruhigt haben, dann doch der Haircut kommt. Mein Sohn hat inzwischen seine 100 Fr. verloren, woraus er lernen sollte, nicht Wetten einzugehen, die mit hohen Gewinnen locken, sondern solche, von denen man was versteht. Nur so kann die Spekulation ihre wichtige Lenkungsfunktion erfüllen.
Dieser Artikel erschien in der «Finanz und Wirtschaft». *Thorsten Hens ist Professor für Finanzmarktökonomie an der Universität Zürich und Direktor des Instituts für Schweizerisches Bankwesen (ISB) (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 01.07.2010, 21:25 Uhr
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7 Kommentare
Die Message, die einem hier vermittelt wird, ist klar: Spekulation bringt Liquidität in die Märkte. Am Beispiel vom Futures-Handel bei den versch. Ölsorten (und Weizen) sehr gut nachvollziehbar: Die Zahl der rein spkulativ getätigten Transaktionen ist im Gegensatz zu den Absicherungsgeschäften in den letzten Jahren praktisch explodiert. Daran kann ich absolut nichts gutes erkennen. Antworten
Dieser Artikel spricht nur von der positiven Seite der normalen Spekulation. Aber es gibt genug Beispiele für spezielle Spekulation und Spekulanten, die zeigen, dass es keine gute Sache ist. Investitionen hin oder her, was die Menschheit gross gemacht hat, sind nicht Spekulation, sondern Innovation. Auch der Ruf nach immer mehr Wachstum ist absurd. Marktlieberalismus find ich verengimässig. Antworten
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