Wie viel Schuld die Griechen an ihrer Misere haben

Ein Harvard-Professor hat zwei Jahre lang für die griechische Regierung gearbeitet. Jetzt räumt er mit den gängigen Vorurteilen auf.

Reedereien und Tourismus tragen ein Drittel zur griechischen Wirtschaftsleistung bei: Schiffe im Hafen von Piräus.

Reedereien und Tourismus tragen ein Drittel zur griechischen Wirtschaftsleistung bei: Schiffe im Hafen von Piräus. Bild: Reuters

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Geht es um Griechenland, sind wir inzwischen alle Experten: Sie sind nicht gerade fleissig, wollen sich vom Staat durchfüttern lassen, haben keine Ahnung von Unternehmertum und neigen zu Korruption und Clanbildung. Deshalb geschieht ihnen nur recht, wenn sie nun so richtig an die Kandare genommen werden. «Die Griechen erleben den kalten Entzug von Wohlstand, den sie nicht erarbeitet, sondern lediglich geliehen hatten», stellt beispielsweise «Weltwoche»-Chef Roger Köppel in einem Editorial fest. Aber was, wenn es ganz anders wäre?

Richard Parker ist Professor für Politologie an der Harvard University. Er hat die beiden letzten Jahre auch als Berater für die griechische Regierung gearbeitet und ist pausenlos zwischen Boston und Athen gependelt. Parker hat also die griechische Situation hautnah miterlebt. In der «Financial Times» räumt er mit den gängigen, moralisierenden Klischees auf:

  • Die Griechen zahlen keine Steuern. Von wegen: «Die griechischen Steuern entsprechen mehr als einem Drittel des Bruttoinlandprodukts, ungefähr dem europäischen Durchschnitt», stellt Parker fest.
  • Die Griechen sind lausige Unternehmer. Unsinn. «Warum haben sie dann mehr Kleinunternehmer pro Kopf als jedes andere Land in Europa?», fragt Parker.
  • Der Beamtenapparat ist masslos aufgebläht. Stimmt nicht. «Er beträgt etwa ein Fünftel aller Erwerbstätigen», stellt Parker fest, «das entspricht dem europäischen Durchschnitt.»
  • Korruption ist allgegenwärtig. «Korruption ist tatsächlich ein Problem», gibt Parker zu. «Aber sie konzentriert sich – was für Nicht-Griechen schwer zu verstehen ist – fast ausschliesslich auf das Gesundheitswesen, wo ‹kleine Geschenke› eine rasche Behandlung sicherstellen.»

Griechen müssen eine Nische finden

Ein Drittel der griechischen Wirtschaft wird von Tourismus und Reederei bestritten, beide Branchen sind nur sehr bedingt unter griechischer Kontrolle. Eine Modernisierung der griechischen Wirtschaft bedeutet daher, dass anstelle der aktuellen Struktur von vielen KMU ein paar international wettbewerbsfähige Konzerne treten müssten. Aber wie? «Dieser Strukturwandel ist für eine kleine Volkswirtschaft sehr kompliziert. Man muss eine Nische finden zwischen den hypereffizienten Deutschen und den billigen Chinesen», stellt Parker fest. Die Griechen stehen daher vor einem langen und steinigen Weg. Das Letzte, was sie jetzt brauchen können, sind moralisierende Vorurteile und Häme.

Ach ja, auch mit Rückschlüssen von Griechenland auf die Schweiz sollte man vorsichtig sein. So sieht Köppel die Griechen als Opfer einer sozialdemokratischen Politik, weil sie angeblich auf ein «staatlich angetriebenes Umverteilungsmodell auf Pump» gesetzt haben. In Tat und Wahrzeit ist die wirtschaftliche Misere Griechenlands grösstenteils von einer national-konservativen Regierung verursacht worden. Mit anderen Worten: von einer Art griechischen SVP.

(Erstellt: 16.02.2012, 17:38 Uhr)

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