Wirtschaft
Wieder blickt die Finanzwelt nach Jackson Hole
Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 22.08.2011 18 Kommentare
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Nach all den Turbulenzen in den letzten Wochen blickt die Finanzwelt jetzt gebannt auf den idyllischen Bergort Jackson Hole im US-Bundesstaat Wyoming. Wie jedes Jahr treffen sich dort am Freitag die mächtigsten Notenbankchefs der Welt zum Austausch. Vor der Rede von Bernanke, dem Chef der US-Notenbank «Federal Reserve» (Fed), werden sich die gehandelten Volumen an den Weltmärkten in Grenzen halten, weil die Händler sich vor dem Treffen noch auf nichts festlegen wollen.
Grund dafür ist Bernankes Rede am gleichen Treffen vor exakt einem Jahr. Damals hat Bernanke etwas verklausuliert das sogenannte «Quantitative Easing II» seiner Institution angekündigt: den Kauf von US-Staatsanleihen im Wert von 600 Milliarden Dollar um die Langfristzinsen zu drücken, beziehungsweise um die schon damals schwächelnde US-Wirtschaft mit weiteren Liquiditätsspritzen zu versorgen.
Aufbruch zu einer monatelangen Börsenrallye
Schon die Ankündigung des Programms vor einem Jahr in Jackson Hole zeigte an vielen Aktienmärkten weltweit sofort Wirkung und führte zu einem deutlichen Anstieg der Kurse: Gemessen am breiten S&P500 Index legte der US Aktienmarkt nach der Rede bis Ende April diesen Jahres um 30 Prozent zu und der deutsche Dax mit 27 Prozent fast ebenso stark. Der Schweizer SMI konnte allerdings nicht mithalten, er stieg im gleichen Zeitraum nur um rund 5 Prozent an. Ein Grund für dieses schlechtere Abschneiden ist die drastische Aufwertung des Frankens: unter anderem ebenfalls ein Ergebnis der Geldspritzen der US-Notenbank, die spiegelbildlich den Dollar deutlich geschwächt haben.
Die Hoffnung von Anlegern auf weitere Liquiditätsspritzen, die Bernanke auch diesmal in Jackson Hole ankündigen könnte, beruhen auf dem Zustand der US-Wirtschaft. Die letzten Wochen haben deutlich gemacht, dass es mit dem nach wie vor wirtschaftlich mächtigsten Land der Welt deutlich abwärts gehen könnte. Noch immer verharrt die Arbeitslosigkeit bei mehr als 9 Prozent und die jüngsten Konjunkturdaten waren insgesamt enttäuschend. Bereits ist die Rede von einem möglichen Rückfall in die Rezession mit einem sinkenden Wirtschaftsausstoss. Bisher wächst die US Wirtschaft zwar noch, aber viel weniger als noch vor kurzem erwartet wurde und viel zu wenig, um ausreichend Jobs zu schaffen, damit die für die US extrem hohe Arbeitslosenquote sinkt, die zudem auch aussergewöhnlich lange schon auf diesem hohen Niveau verharrt.
Harter Gegenwind
Obwohl die US-Wirtschaft weitere Stimuli daher dringend brauchen könnte, ist dennoch unwahrscheinlich, dass Bernanke die Hoffnungen der Anleger belohnt und ein weiteres Programm wie im letzten Jahr auflegen wird. Ein Grund dafür ist der politische Gegenwind, der dem Fed-Chef in der eigenen Institution, aber auch aus der Öffentlichkeit entgegen bläst. Ein anderer Grund sind die weiteren Folgen des letztjährigen Programms. Der Reihe nach:
Schon als das Fed an seiner letzten Sitzung am 9. August zur Stützung der Wirtschaft beschlossen hat, dass es seinen Leitzins bis 2013 zwischen Null und 0,25 Prozent belassen will – dieser liegt dort schon seit Dezember 2008 – haben sich drei von zehn Mitgliedern des dafür zuständigen Komitees der Notenbank dagegen gewandt. Erneute Käufe von Staatsanleihen wie vor einem Jahr würden noch stärker auf Gegenwehr stossen – auch ausserhalb der Notenbank. Das gilt erst recht für die republikanische Opposition in den USA. Deren texanischer Präsidentschaftskandidat hat schon verkündet, dass er weitere Geldspritzen des Fed im Stile eines Quantitative Easing als «Landesverrat» einstufen würde und das sei schliesslich ein Kapitalverbrechen. Obwohl die Politik rein rechtlich Bernanke nicht ins Zeug reden darf, wird er von der Stimmung im Land kaum unbeeindruckt bleiben.
Umstrittene Wirkung auf die Realwirtschaft
Kommt dazu, dass auch der Erfolg des Programms vom letzten Jahr ausserhalb der Börsen umstritten ist. Viele haben darin nichts anderes gesehen, als eine Monetisierung der US-Staatschulden und daher behauptet, nach dem Auslaufen der Staatanleihenkäufe durch das Fed würden die Zinsen für die Staatsschulden explodieren. Tatsächlich ist genau das Gegenteil eingetreten. Die Zinsen sind gemessen an der Rendite der US-Staatsanleihen auf Werte gefallen, wie sie die USA seit vielen Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat. Für Zehnjahres-Anleihen liegen sie aktuell bei unter 2,13 Prozent.
Die tiefen Renditen sind ein Hinweis auf die Ängste um die US-Wirtschaft. Trotz einer Rating-Herabstufung auf der Bonität der US-Regierung durch Standard & Poor’s halten viele den US-Staat noch immer für das sicherere Anlageziel im Vergleich zu produktiven Investitionen in die Realwirtschaft. Das heisst umgekehrt aber auch, dass das Quantitative-Easing-Programm keine nachhaltige Wirkung zu erzeugen vermochte. Wie die Ende des letzten Jahres von der Regierung bekannt gegebenen Steuererleichterungen hat das Fed-Programm nur für temporär bessere Zahlen aus der Wirtschaft gesorgt. Kommt dazu, dass das Programm des Fed auch im Ausland für einige Verstimmung gesorgt hat. Weil sich dadurch der Dollar gegenüber anderen Währungen deutlich abgeschwächt hat, sprach der brasilianische Finanzminister sogar von einem «Währungskrieg». Aus anderen Ländern waren ähnliche Stellungnahmen zu hören.
Ganz ohne Zückerchen geht es kaum
Obwohl ein weiteres Quantitative Easing nicht zu erwarten ist, steht Ben Bernanke unter einem zu grossen Druck der verängstigten Kapitalmarktteilnehmer, als dass er am Freitag in Jackson Hole gar kein Zückerchen verteilen könnte. Daher erwarten einige Marktbeobachter, dass er auslaufende kurzfristige Staatsanleihen im Besitz der Notenbank neu in länger Laufende anlegt. Damit könnte er weiterhin versuchen, Druck auf die (schon tiefen) Langfristzinsen auszuüben, ohne dabei neues Geld zu schaffen und die Notenbankbilanz weiter aufzublähen.
Viel nützen wird das der US-Wirtschaft allerdings nicht. Doch sind die Möglichkeiten der Notenbank ohnehin sehr beschränkt: Ihr Leitzins liegt seit Jahren bei Null Prozent und kann nicht mehr gesenkt werden und das Quantitative Easing hat ebenfalls kaum geholfen. In einer solchen Lage wäre ein Nachfrageschub vom Staat gefragt, doch nach der vergifteten Schuldendachdebatte dieses Sommers ist auch hier nichts zu erwarten. Als Fazit bleibt nur, dass die US-Wirtschaft noch lange nicht aus ihrer schweren Krise herausfinden wird.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 22.08.2011, 17:01 Uhr
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18 Kommentare
Hunderte von Milliarden, welche in den Rachen der Finanzwirtschaft gepumpt wurden oder werden, dienen nur dem grossen Börsenspiel!
Der Realwirtschaft nutzen sie gar nichts!
Wenn schon müsste das Geld direkt in die Realwirtschaft fliessen, z.B. über Infrastruktur- Bau, Neubau, Ausbau.
Würde Arbeitsplätze schaffen und die dabei bezahlten Gehälter würden verkonsummiert werden...
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