Wieso die Amerikaner nichts mehr zu lachen haben – wir aber schon

Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 05.10.2010 48 Kommentare

Europas Wirtschaft schöpft Hoffnung, die amerikanische singt den Blues. Das hat einen einfachen Grund. Und: Die Amerikaner sollten sich an den Schweden orientieren. Oder an der Schweiz.

Hohe Arbeitslosenzahlen: Demonstration für ein Arbeitsbeschaffungsprogramm in den SUA.

Hohe Arbeitslosenzahlen: Demonstration für ein Arbeitsbeschaffungsprogramm in den SUA.
Bild: Reuters

Nach dem Attentat vom 11. September 2001 gab Präsident George W. Bush seinen Landsleuten den legendären Rat: Geht shoppen. Er wollte damit verhindern, dass der Terrorakt die US-Wirtschaft in eine Krise stürzte. Die Amerikaner liessen sich nicht zweimal bitten und taten genau dies. 9/11 forderte mit rund 3000 Todesopfern einen hohen Blutzoll, der wirtschaftliche Schaden hielt sich in Grenzen.

Heute ist den US-Konsumenten nicht nach Shoppen zumute. Die Arbeitslosigkeit liegt bei rund zehn Prozent, das soziale Netz ist dünn und die Gefahr, den Job zu verlieren, gross. Wer kauft da schon neue Kleider oder gar ein neues Auto? Die Folgen dieses Konsumverzichts sind offensichtlich: Die Nachfrage ist wegen der grossen Verunsicherung eingebrochen. Das hat die US-Wirtschaft in eine «gefühlte» Rezession geführt.

Arbeitsmarkt ist wichtiger

Erstaunlicherweise ist die Stimmung in Europa derzeit völlig verschieden. Die Eurokrise ist bereits Schnee von gestern. Die Konsumentenstimmung gut, die Wachstumsprognosen werden nach oben korrigiert. Wie lässt sich das erklären? «Der Arbeitsmarkt ist für das Verhalten der Konsumenten in der Eurozone viel wichtiger als der Aktienmarkt», erklärt Vanden Houte, Ökonom bei der ING-Bank in Brüssel, in der «Financial Times».

Die Arbeitsmärkte in den USA und Euroland sind völlig verschieden. Die Amerikaner setzen auf Flexibilität, die Europäer auf sogenannte «automatische Stabilisatoren». Gemeint sind damit Kündigungsschutz und Tarifschutz, Verträge also, die zwar die Effizienz der Wirtschaft behindern, aber die Sicherheit der Arbeitnehmer erhöhen. Die unterschiedliche Beschaffenheit der beiden Arbeitsmärkte führt dazu, dass sie sich anders verhalten. Kurz gesagt: In einem Boom boomt die US-Wirtschaft stärker, in einer Krise kriselt sie umgekehrt ebenfalls heftiger.

Arbeitslosigkeit sinkt wieder

Das lässt sich derzeit wieder geradezu lehrbuchmässig feststellen. Kurz nach Ausbruch der Krise haben die US-Unternehmen sofort gehandelt und massenhaft Leute entlassen. Die Arbeitslosenquote schnellte rasch auf gegen zehn Prozent. Zudem musste, wer noch einen Job hatte, teils happige Lohneinbussen in Kauf nehmen. In Europa haben hingegen die automatischen Stabilisatoren gewirkt. Massnahmen wie die Kurzarbeit haben zudem Massenentlassungen verhindert. Auch das hat gewirkt. Die Arbeitslosigkeit ist relativ stabil geblieben. In einzelnen Ländern wie etwa Deutschland, Österreich oder Finnland fällt sie bereits wieder.

Musterbeispiel für das europäische Verhalten ist Schweden. Dort hat eine – wohlgemerkt bürgerliche Regierung – in den letzten Jahren mit den Sozialpartnern ein Abkommen geschlossen, um den Wohlstand zu sichern: Die Regierung hat ein für schwedische Verhältnisse substanzielles Konjunkturprogramm lanciert, die Unternehmen und Gewerkschaften haben sich auf Lohnmässigung und höchstmögliche Arbeitsplatzsicherung geeinigt und die Regierung stellt ein soziales Sicherheitsnetz für Härtefälle zur Verfügung. Die Rechnung ist aufgegangen: Schwedens Wirtschaft wird im laufenden Jahr voraussichtlich 4,5 Prozent wachsen, die Arbeitslosigkeit sinkt, und auch die Staatsfinanzen sind im Gleichgewicht.

Binnennachfrage ist nicht eingebrochen

Was ist mit der Schweiz? Sie hat sich «schwedischer» verhalten, als sie zugeben will. Es stimmt tatsächlich, was neoliberale Kreise immer wieder lauthals beklagen: Die Schweiz ist sozialer geworden ist. Die Löhne der Arbeitnehmer sind nicht eingebrochen, die Kurzarbeit wurde verlängert. Mit anderen Worten: Es gibt auch hierzulande leistungsfähige automatische Stabilisatoren, die in Krisenzeiten einen ungebremsten Absturz verhindern.

Das hat sich in der Krise bewährt: Die Binnennachfrage ist nicht eingebrochen, die Arbeitslosigkeit ist ebenfalls auf einem bescheidenen Niveau von 3,5 Prozent geblieben, und die Staatsfinanzen sind der Neid unserer Nachbarn geworden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.09.2010, 13:31 Uhr

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48 Kommentare

Roger Montani

10.09.2010, 14:36 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Es ist an der Zeit, dass die Amerikaner einmal richtig auf die Nase fallen. Ihr protziges Gehabe, Recourcenverschleuderer, Weltpolizisten etc. ist vorbei. Und wir Europäer sollten endlich zu einem gesunden Selbstvertrauen finden und nicht wie Hündchen den Amerikanern folgen. Antworten


Timotheus Pfeiffer

10.09.2010, 14:40 Uhr
Melden

Ich fürchte, Amerika wird es eh nicht mehr lange machen. Die sozialen Spannungen nehmen von Jahr zu Jahr zu, die Staatsverschuldung erreicht ungeahnte Höhen und der politische Gridlock macht jede Hoffnung auf Reform zunichte. Die wenigen Reichen verschanzen sich in Gated-Communities und die Shanty-Towns (wie zum Beispiel in Seattle) werden immer grösser. Naht der Zweite Amerikanische Bürgerkrieg? Antworten



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