Wirtschaft
«Wir könnten auch ohne Wirtschaftswachstum gut leben»
Von Martin Läubli. Aktualisiert am 24.11.2010 32 Kommentare
Gesellschaft ohne Wachstum
Konzepte für die Zukunft
Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel liess unlängst verlauten: «Wir müssen lernen, den Wachstumsbegriff neu zu definieren.» Ökonomin Irmi Seidl von der Eidgenössischen Forschungsanstalt Wald, Schnee und Landschaft (WSL) in Birmensdorf und die deutsche Umweltexpertin Angelika Zahrnt haben ihr Buch «Postwachstumsgesellschaft» zum richtigen Zeitpunkt herausgegeben. Sie und andere Autoren stellen die Wachstumspolitik infrage und zeigen Alternativen auf, wie die Gesellschaft auch ohne Wachstum funktionieren könnte. (ml)
Das Buch
Postwachstumsgesellschaft. Metropolis-Verlag 2010. 240 Seiten, 30 Franken.
Podium: Zukunft ohne Wirtschaftswachstum?Heute Mittwoch, ETH Zentrum,Hauptgebäude, 18.15 Uhr.
Artikel zum Thema
Was bedeutet für Sie Wohlstand?
Gute Arbeit, ausreichendes Einkommen, Zeit, um am öffentlichen und kulturellen Leben teilnehmen zu können, grüne Flächen zur Erholung, ein gut ausgebautes ÖV-Netz, Sicherheit und Bildungsmöglichkeiten, Absicherung bei Krankheit und Alter.
In Ihrem Buch «Postwachstumsgesellschaft» fordern Sie, dass Wohlstand neu definiert werden muss.
Nach wie vor ist das Bruttoinlandprodukt (BIP) der zentrale Indikator für Wirtschaftsleistung und wird mit Wohlstand gleichgesetzt. Doch das BIP sagt nichts über die Gesundheitssituation, über den Zustand der Umwelt, über die Zufriedenheit der Menschen aus. Das BIP steigt zum Beispiel nach einer Naturkatastrophe, weil danach Zerstörtes wieder aufgebaut werden muss. Aber es geht uns dadurch nicht besser. Es gibt seit mehr als zwanzig Jahren zutreffendere Wohlstandsindikatoren als das BIP. Und diese zeigen: Trotz steigendem Wirtschaftswachstum sinkt oder stagniert die Wohlfahrt. UNO, EU und OECD erkennen dies nun auch an. Aber gleichwohl halten bislang Politik und Wirtschaft am Wachstum fest.
Seit der Wirtschaftskrise werdenzig Milliarden in Konjunkturprogramme investiert. Sie sagen, Wirtschaftswachstum garantiere weder Lebensqualität noch Vollbeschäftigung. Hat das Wachstumsmodell bei uns also ausgedient?
Ja. Bereits in den Achtzigerjahren wurden 10 Prozent des Bruttoinlandprodukts für die Behebung von Schäden an Umwelt, Gesundheit und Sachwerten ausgegeben. Inzwischen gehen in Deutschland 20 Prozent des Wirtschaftswachstums auf das Konto der Schadensbehebung. Laut Credit Suisse sind in der Schweiz 1,8 Prozent Wachstum nötig, um zusätzliche Arbeitsplätze zu schaffen. Der Hauptgrund dafür sind technischer Fortschritt und die dadurch steigende Arbeitsproduktivität. Die Wachstumsraten liegen jedoch unter 1,8 Prozent. Wir werden nicht darum herumkommen, Arbeit umzuverteilen ...
...und das Modell der Teilzeitarbeit besser umzusetzen?
Zum Beispiel. So können wir mehr Menschen eine Beteiligung am Erwerbsleben ermöglichen. Neue Arbeitsplätze würden aber auch entstehen, wenn Arbeit günstiger, Kapital und natürliche Ressourcen dagegen teurer wären. Dies ist ein Grundanliegen der ökologischen Steuer- und Finanzreform. Dann würden auch mehr langlebigere Produkte und mehr Dienstleistungen angeboten, was den Konsum an Gütern und damit den Verzehr natürlicher Ressourcen bremsen würde.
Ist es nicht naiv, in unserem von Geld und Kapital geprägten System eine Postwachstumsgesellschaft zu fordern? Um Kapital zu verzinsen, braucht es Gewinn.
Wir befinden uns bereits auf dem Weg in eine Postwachstumsgesellschaft, wie die rückläufigen Wachstumsraten in Industrieländern zeigen. Nur wollen dies Politik und Wirtschaft nicht wahrhaben: Zentrale Bereiche der Gesellschaft und der Wirtschaft sind existenziell auf Wirtschaftswachstum angewiesen. Dies sind neben Arbeitsmarkt und Verteilungsgerechtigkeit etwa das Gesundheitssystem, die Alterssicherung, Unternehmen und die Staatsfinanzen. Politik und Wirtschaft versuchen, mit einer umfassenden Wachstumspolitik weiterhin Wirtschaftswachstum zu schaffen. Dies kostet viel Geld beispielsweise in Form von Konjunkturpaketen, Steuererleichterungen, Subventionen. Das bedeutet Energie- und Ressourcenverbrauch. Dagegen werden in einer Postwachstumsgesellschaft wachstumsabhängige und wachstumstreibende Bereiche so umgebaut, dass sie von Wirtschaftswachstum unabhängig werden. Dies dürfte Korrekturen im Geldsystem bedeuten, aber es geht nicht um radikale Systemänderungen.
Welche Herausforderungen sehen Sie auf uns zukommen?
Im Gesundheitssystem geht es darum, das Ausgabenwachstum, das über dem Bruttoinlandprodukt liegt, dauerhaft zu bremsen. Dazu ist die Effizienz des Systems zu verbessern, Lobbyinteressen sind abzuweisen, die Eigenverantwortung und die Gesundheitsvorsorge zu stärken und gleichzeitig das Solidaritätsziel sicherzustellen. Weiterhin müssen die Staatsfinanzen im Lot gehalten werden, denn bei hoher Verschuldung richtet sich alle Hoffnung auf Wirtschaftswachstum. Nur schon eine Senkung umweltschädigender Subventionen wie für den Verkehr würde viele öffentliche Haushalte entlasten. Zur Sicherung des sozialen Ausgleichs müssen verschiedene Politiken beitragen, zum Beispiel Bildungs- und Steuerpolitik. Wichtig scheint mir eine stärkere Belastung der sehr hohen Einkommen und Vermögen.
Die Postwachstumsgesellschaft gibt es doch nur in der Theorie und nicht in einer globalisierten Welt.
Wir haben in unserem Buch nur die Industrieländer in den Blick genommen. Entwicklungs- und Schwellenländer möchten berechtigterweise wachsen. Aber die Strategie des nachholenden Wirtschaftswachstums, das sich an den westlichen Ländern orientiert, dürfte nicht zu gesellschaftlich stabilen Entwicklungen führen. Ökologisch tragbar dürften sie auch nicht sein. Die reichen Industrieländer müssen für sich und als Vorbild Modelle entwickeln, wie sie ohne Abhängigkeit von ständigem Wirtschaftswachstum gut funktionieren können.
Warum sprechen Sie nicht von den Umwelttechnologien, die ökologisch und klimaschonend sind und Arbeitsplätze schaffen?
Solche Entwicklungen sind zu unterstützen. Doch die Statistiken zeigen, dass trotz gestiegener Ressourcen- und Energieeffizienz der Energie- und Ressourcenverbrauch zunimmt. Das Wachstum kompensiert die Effizienzgewinne. Ansätze wie «Nachhaltiges Wachstum», «Green Growth» oder «New Green Deal» geben der bisherigen Wachstumspolitik einen grünen Deckmantel: Es wird etwa die Hoffnung genährt, ein gänzlicher Umstieg auf Elektroautos sei möglich und ökologisch ein grosser Gewinn.
Was haben Sie gegen Elektroautos? Die sind doch klimaschonend und sauber?
Stromproduktion – auch aus erneuerbaren Energiequellen – gibt es nicht zum ökologischen Nulltarif. Hinzu kommt: Es ist nicht nur das Ende des fossilen Zeitalters absehbar, sondern viele zentrale Rohstoffe und Mineralien werden knapp. Solche Rohstoffe und Mineralien werden für die Produktion von Energie und Konsumgütern wie Elektroautos gebraucht. Insgesamt werden wir um einen Umbau unseres Mobilitätssystems nicht herumkommen.
Sie glauben also nicht an die Kraft der Effizienz?
Effizienz leistet durchaus einen wichtigen Beitrag. Aber sie reicht nicht aus, um die Energie- und Ressourcenziele der EU zu erreichen, nämlich Reduktionen von rund 80 bis 90 Prozent bis 2050. Dazu bräuchten wir über vierzig Jahre eine jährliche Steigerung der Ressourceneffizienz von 4 Prozent. Bislang haben wir eine Zunahme von 1,5 Prozent pro Jahr.
Die Grenzen des Wachstumswurden uns in den Siebzigerjahren aufgezeigt, mit zwei Ölkrisen. Politik und Gesellschaft glauben wohl nicht an solche Grenzen.
Die Politik vielleicht noch nicht, aber die Gesellschaft immer mehr. Gemäss einer kürzlich durchgeführten Emnid-Umfrage in Österreich und Deutschland glauben gut 60 Prozent der Befragten nicht, dass mit einem höheren Wirtschaftswachstum auch die eigene Lebensqualität steigt. Doch 90 Prozent sind der Ansicht, dass Wirtschaftswachstum sehr wichtig ist für die Lebensqualität der Gesellschaft.
Die Befragten sind ein Teilder Konsumgesellschaft . . .
. . . sicher, aber ein Unbehagen ist erkennbar. Viele Menschen spüren intuitiv, dass ein System nicht ewig wachsen kann. Unsere These ist, dass Politik und Wirtschaft dann Abschied vom Wachstumsparadigma nehmen werden, wenn Lösungsansätze vorhanden sind, die aufzeigen, wie die erwähnten zentralen gesellschaftlichen Bereiche, die jetzt von Wirtschaftswachstum abhängig sind, anders gestaltet werden können.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.11.2010, 21:19 Uhr
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32 Kommentare
Das jetzige System löst sich langsam auf. Eine neue Generation muss das kapitaldiktatorische Tun auf null stellen. Banken, Versicherungen und Lokal-Politik betrachten die Bürger als zahlende Subjekte - solange sie denn zahlen können. Die Ausbeutung und Benutzung natürlicher Ressourcen muss weltweit kostenpflichtig werden. Die Armut wird nur mit Ausbildung und Geburtenempfehlungen behoben. Antworten
Festanstellung für Junge, nicht Teilzeit oder Praktika! Wir, die Älteren und die Alten, müssen aufpassen, dass wir nur dort mit steuern wo wir die Jungen nicht noch mehr belasten. Schon jetzt wird dieses Gleichgewicht empfindlich gestört. Zukunft muss planbar sein, sonst kippt die Gesellschaft ganz und ein Generationenkonflikt eskaliert. Teilzeit für Alte die es sich leisten können (müssen). Antworten
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